Tschechoslowakische Hits von 1968 (Teil 1) – Nachtigallen, Gebete und Panzer

Waldemar Matuška (Foto: ČTK)

Heute und in den beiden kommenden Wochen wollen wir Sie in unserer Mini-Rubrik „MusikCzech“ in das tschechoslowakische Schicksalsjahr 1968 entführen. Das Jahr, das einen Frühling von Freiheit brachte, der dann am 21. August von Panzern des Warschauer Paktes niedergewalzt wurde. Politische und unpolitische Hits von 1968...

Waldemar Matuška  (Foto: ČTK)
„Slavíci z Madridu“ – Die Nachtigallen von Madrid. Ein Lied, das so gar nicht tschechisch ist, aber im Jahr 1968 eine eigentümliche Rolle bekommen hat. Komponiert von dem Franzosen Hugues Antoine Jean Auffrey, ist im Frühjahr eine tschechoslowakische Coverversion mit dem Starsänger Waldemar Matuška entstanden. Zum Einsatz kam es unvorhergesehenerweise in einer populären Familienserie, die im Frühjahr 1968 startete und in der viel gesungen wurde, auch mit politischen Anklängen. Für eine neue Folge, war eine spanische Szene geplant, zu der das Lied „Die Nachtigallen von Madrid“ gespielt werden sollte. Drehort: der Altstädterring in Prag, gefilmt aus der Wohnung der Chansonnière Hana Hegerová. Drehtag: der 22. August 1968, also ein Tag nach Einmarsch der Warschauer Truppen. Auf dem Altstädterring stehen russische Panzer und die Bevölkerung ist in heller Aufregung. In der Serienfolge war das nicht zu verbergen. Das Lied „Slavíci z Madridu“ verband sich von nun an mit der Situation nach der sowjetischen Okkupation, obwohl es völlig unpolitisch war.


Politisch aber war das Lied „Modlitba pro Martu“ – das Gebet für Marta, gesungen von Marta Kubišová. Ebenso entstanden im Jahr 1968, sollte es nach der Invasion der Sowjetunion die Leute um Alexandr Dubček unterstützen, also die demokratisch orientierten Kräfte in der kommunistischen Partei.

„Friede sei mit diesem Land. Ärger, Neid und Streit, sie seien verbannt. Jetzt, wo die verlorene Herrschaft über Deine Angelegenheiten zu Dir zurückkehrt, Du Volk, sie kehrt zu Dir zurück.“

Eine Hymne für die demokratische Tschechoslowakei ist aus diesem Lied geworden. Nur wenige Monate nach der Okkupation wird Marta Kubišová das Singen verboten. Von 1969 an fristet sie ihre Existenz als Sekretärin in einer Baubehörde und wird später eine der ersten Sprecherinnen der Charta 77. Von der Sängerin zur Dissidentin. Erst wieder am 19. November 1989 steht Kubišová auf dem Melantrich-Balkon auf dem Wenzelsplatz neben Václav Havel und singt „Modlitba“ – die Hymne der demokratischen Tschechoslowakei. 20 Jahre erzwungene Gesangspause, haben Kubišová jedoch nie wieder anknüpfen lassen - an das, was sie vor dem 21. August 1968 war.