Versteckt hinter einem Burgwall: Schloss Pardubice, die Pernstein-Residenz

Schloss von Pardubice (Foto: Archiv des Ostböhmischen Museums)

Die Lebkuchenstadt – so wird die ostböhmische Kreisstadt Pardubice / Pardubitz oftmals genannt. Pardubice ist aber nicht nur wegen seiner berühmten Lebkuchen, sondern auch wegen seiner historischen Baudenkmäler einen Besuch wert. Beeindruckend ist vor allem das Schloss, es wurde im Stil der späten Gotik und der Frührenaissance erbaut. Die einstige Residenz der einflussreichen Adelsfamilie Pernstein ist eine Dominante der Stadt, sie wird seit den 1990er Jahren vom Ostböhmischen Museum verwaltet, das seinen Sitz in dem Schlossareal hat.

Schloss von Pardubice (Foto: Archiv des Ostböhmischen Museums)
Vom historischen Stadtkern ist es nicht weit zum Schloss von Pardubice / Pardubitz. Es ist heutzutage von verschiedenen Seiten zu erreichen – im Unterschied zu jenen Zeiten, in denen dort noch die Pernsteins gelebt haben. Aus der Ferne sind gut die weißen Türme zu erkennen und um das Schloss herum führt ein Befestigungswall, auf dem einst die Kanonen aufgefahren wurden. Erst wenn man die mächtigen Schanzen erklimmt, stellt man fest, dass sich das Schloss bis zur zweiten Etage gut hinter der Befestigungsanlage versteckt. Helena Slepičková ist für den Betrieb des Schlosses verantwortlich. Sie kennt sich gut in dem großen Areal aus.

Mantelbrücke (Foto: Martina Schneibergová)
„Wilhelm von Pernstein (Pernštejn) ließ das Schloss Ende des 15. Jahrhunderts erbauen. Im Laufe seines Lebens wurden die ersten zwei Stockwerke erbaut. Wilhelms Söhne setzten den Bau fort. Beim Blick von der Befestigungsanlage ist klar zu sehen, wie klug hier sämtliche Wege gestaltet wurden. Das Schloss war ja nicht nur eine komfortable Renaissanceresidenz, sondern auch eine Festung. Wilhelm von Pernstein konnte die Festung über eine Mantelbrücke verlassen, und brauchte nicht durch den gewöhnlichen Eingang zu gehen. Wir nehmen an, dass diese Brücke auch bei verschiedenen Zeremonien genutzt wurde. Oft kam der böhmische Herrscher Vladislav Jagiello nach Pardubice zu Besuch. Er betrat die Residenz höchstwahrscheinlich ebenfalls über die Mantelbrücke, die direkt in die so genannten Rittersäle - die Audienzräume - führte.“

Příhrádek (Foto: Martina Schneibergová)
Die Normalsterblichen betraten die Residenz von einer anderen Seite. Bevor sie zum Schloss kamen, mussten sie drei Tore passieren, sagt Helena Slepičková:

„Das erste Tor befand sich vor dem so genannten ´Příhrádek´. Auf diesem dreieckigen Platz wohnten und arbeiteten die Beamten der Pernsteins. Das zweite Tor führte von dort aus Richtung Schloss und erst durch das dritte, so genannte ´Elbe-Tor´, erreicht man den Schlosshof. Es gab sonst keine andere Möglichkeit, das Areal zu betreten. Die Befestigungsanlage war genial entworfen.“

Wilhelm von Pernstein
Der Befestigungswall, der rund um das Schlossareal führt, ist nicht nur hoch und breit, sondern auch fast zwei Kilometer lang. Daher scheint es unglaublich, dass die ganze Befestigungsanlage sowie die Residenz innerhalb nur kurzer Zeit erbaut wurden.

„Es war zweifelsohne nicht einfach, so viel Material für den Bau der Befestigung in den Jahren 1495 bis 1498 zusammenzutragen. Noch heute ist die Frage offen, wo Wilhelm von Pernstein so viel Erdmasse für den Schanzenbau her hatte. Es wird vermutet, dass ein Teil aus den damals neu errichteten Fischteichen stammte, denn auf der Pardubitzer Herrschaft der Persteins wurden zu jener Zeit 230 Teiche errichtet. Erdmasse wurde aber auch bei der Regulierung des Flusses Chrudimka gewonnen. Aber trotzdem hätte dies kaum ausgereicht, denn wir haben berechnet, dass für den Bau des Befestigungswalls etwa 280.000 Kubikmeter Erde gebraucht wurden.“

Schloss von Pardubice (Foto: Martina Schneibergová)
Das weiße Schloss mit seiner herrlichen, mit Sgraffiti verzierten Fassade, hat im Laufe seiner 500-jährigen Existenz nicht immer so glänzend ausgesehen wie heute. Den größten Aufschwung erlebte die Residenz in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Den Enkeln von Wilhelm von Pernstein gelang es aber nicht mehr, das geerbte Vermögen zu erhalten. Kaiser Ferdinand I. kaufte dann 1560 den Pardubitzer Herrensitz samt Schloss den Pernsteins ab. Gleich zweimal in der Geschichte habe sich das Baudenkmal in einem sehr schlechten Zustand befunden, erzählt die Expertin:



Schloss von Pardubice (Foto: Martina Schneibergová)
„Ende des 18. Jahrhunderts hörten die Habsburger auf, das Schloss als Residenz zu nutzen. Das Gebäude diente danach vor allem als Quartier für Soldaten und das wertvolle Interieur wurde nicht mehr in Stand gehalten. 1920 erwarb dann der Museumsverband von Pardubice das ganze Schlossareal. Das Museum ließ die wertvollen Renaissancemalereien in den Schlosssälen restaurieren. Die Experten hatten 33 Jahre Zeit für die gründliche Instandsetzung des Baudenkmals. Anfang der 1950er Jahre wurde der Museumsverband gezwungen, das Schloss an den tschechoslowakischen Staat abzugeben. Die Instandhaltung wurde danach vernachlässigt, bis die Bausubstanz in den 1980er Jahren bereits sehr stark beschädigt war. Heute kann die Residenz nach einer etwa 25 Jahre dauernden Instandsetzung wieder bewundert werden. Im Schloss findet man Beispiele von architektonischen Elementen aus der späten Gotik sowie der Frührenaissance.“

Eisenbahnexposition (Foto: Martina Schneibergová)
Im Schloss sind einige Dauerausstellungen des Museums zu sehen: Sie zeigen böhmisches Glas, die Waffensammlung des Ostböhmischen Museums, dokumentieren das Münzwesen, oder beschreiben die Natur der Elbe-Landschaft. Zudem bereiten die Museumsmitarbeiter jeden Sommer und jeden Winter je zwei weitere Ausstellungen in den Schlosssälen vor. Zurzeit sei hier eine Eisenbahnexposition zu sehen, sagt Helena Slepičková vor dem Eingang in den Barocksaal rechts vom Schlosseingang:

„Wir befinden uns im so genannten ´Kaňka-Saal´. Der Barocksaal wurde anlässlich des Besuches von Kaiser Karl VI. in Pardubice erbaut. Der Architekt war František Maxmilián Kaňka. Wir zeigen hier eine Eisenbahnausstellung, die teilweise interaktiv ist. Sie zieht vor allem Kinder an. Während der Weihnachtszeit hatten wir in diesem Raum etwa 1200 Besucher täglich. Das ist eine recht hohe Zahl. Bei diesen Ausstellungen zeigen wir nicht nur Exponate aus den Museumssammlungen, sondern auch von Privatsammlern aus der ganzen Republik.“

Gotischer Saal (Foto: Martina Schneibergová)
Aus dem Kaňka-Saal geht es weiter in den gegenüber liegenden großen gotischen Saal. Am Anfang des 16. Jahrhunderts unter Wilhelm von Pernstein war es eine der wichtigsten Räumlichkeiten im ganzen Gebäude. Die Expertin:

„Der Raum im Erdgeschoss wurde sehr kostspielig gestaltet. An den Fenstern sind noch Reste von blauen und goldenen Ornamenten deutlich. Wir nehmen an, dass sich hier ein Gerichtssaal befand. Es ist möglich, dass dieser mit dem Kerker durch einen Gang verbunden war. Der Saal ist mit einem kleinen Turm, dem so genannten Rondell, verbunden. Es diente früher zu Verteidigungszwecken.“

Im Schloss gibt es insgesamt an die 70 Zimmer oder Säle. Nicht alle davon sind jedoch für die Öffentlichkeit zugänglich. Einen Teil dieser Räume nutzt das Museum für Büros oder als Bibliothek. Die Besucher können entweder an einer Führung durch das ganze Schloss teilnehmen oder sich nur eine der Ausstellungen anschauen. Unsere Führung durch die Residenz der Pernsteins werden wir in der nächsten Ausgabe des Reiselands fortsetzen. Dabei besuchen wir die bekannten Rittersäle mit Renaissancewandmalereien oder die vor kurzem neu eröffnete Drei Königs-Kapelle.

Das Schloss in Pardubice ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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