Villa Kende in Budweis: Ein Haus mit bewegter Geschichte
Sie gilt heutzutage als Kulturdenkmal: die Villa Kende in České Budějovice / Budweis. Das über 100 Jahre alte Haus hat ein bewegtes Schicksal. Die Mehrheit der Familienmitglieder, die vor dem Zweiten Weltkrieg dort lebten, kam in Konzentrationslagern ums Leben. Während des Kriegs wurden die Kellerräume in ein Gefängnis verwandelt. Vor kurzem hat die Stadt das Haus gekauft und vermietet es nun an den Verein Post Bellum für sein Projekt Paměť národa (Memory of Nation).
Die Villa Kende befindet in der Straße Otakarova in der Nähe des historischen Stadtzentrums von Budweis. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass das Familienhaus aus der Zeit der Ersten Republik stammt. Vojtěch Toms arbeitet für den Verein Post Bellum und dessen großes Projekt Paměť národa. Er kümmert sich derzeit um die Villa Kende. Zu diesem historischen Haus habe er eine besondere Beziehung, schildert Toms gegenüber Radio Prag International:
„Ich habe die Villa schon in meiner Kindheit gekannt. Ich stamme aus Budweis. Jeden Tag bin ich an der Villa vorbeigekommen, als ich zur Schule ging. Denn diese befand sich in der Straße Rudolfovská gleich um die Ecke. Damals gab es vor der Villa viele Bäume und Gebüsch, sie war dahinter kaum zu sehen. Ich habe mich immer gefragt, wer wohl in der geheimnisvollen Villa wohnt. Und etwa 15 Jahre später bekam ich die Gelegenheit, für die Organisation Post Bellum zu arbeiten. Nun kann ich mich als Verwalter um die Villa kümmern.“
Vor knapp zwei Jahren kaufte die Stadt Budweis das historische Haus. Derzeit werden dieses und seine Umgebung in Stand gesetzt. Dabei bietet die Villa jedoch Raum für verschiedene Aktivitäten, wie Vojtěch Toms erzählt.
„Wir veranstalten hier Workshops für Grundschulen, weiterführende Schulen und Gymnasien, wobei wir Geschichtswissen vermitteln. Zudem bieten wir Führungen an und organisieren auch Diskussionen und Vorträge zu Themen aus der Vergangenheit und der Gegenwart, die wir für brennend halten. Wir laden beispielsweise Vertreter von Paměť národa ein, mit denen wir über die Geschichte der jüdischen Bewohner der Stadt sprechen, die während des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden. Und wir installieren Stolpersteine vor den Häusern, in denen diese Menschen vor dem Krieg lebten.“
Vojtěch Toms sagte, er sei kein studierter Historiker, ihn habe die Geschichte jedoch immer fasziniert. Und er hat eine Gruppe von Menschen zusammengestellt, die sich um die Stolpersteine kümmern, die manchmal etwas vernachlässigt aussehen...
„Es gibt in Budweis über 20 Orte, an denen Stolpersteine gelegt worden sind, und wir erweitern die Zahl. Zudem kümmern wir uns um die Steine, damit diese für die Passanten gut sichtbar bleiben. Die Vorbeigehenden werden dadurch an das Schicksal der Menschen erinnert, das hinter jedem Stein steckt.“
Rudolf Kende überlebte den Holocaust
Mikuláš Zvánovec ist Historiker an der Universität Hradec Králové. Das Gespräch mit ihm entstand im Garten der Villa Kende.
Herr Zvánovec, wir stehen vor der Villa Kende. Wann wurde sie erbaut und für wen?
„Wenn wir uns die Villa von der Stirnseite her anschauen, sehen wir die Jahreszahl 1920, die sich zwischen den Fenstern befindet. Die Villa wurde vor mehr als 100 Jahren vom führenden Budweiser Baumeister Josef Hauptvogl für den Unternehmer Viktor Konrad erbaut. Die Signatur direkt in der Mitte, das sind die Initialen V. und K. – Viktor Konrad ist hier also verewigt als der erste Besitzer dieser Villa.“
Wann kaufte die Familie Kende das Haus von Konrad?
„Ziemlich bald. Die Familie Konrad hat sich nicht lange hier aufgehalten. Wir können spekulieren, ob eventuell wirtschaftliche Gründe dahinter standen. Es ist bekannt, dass Viktor Konrad eine große Firma besaß, und zwar in Poříčí direkt gegenüber der Bahnstation. Dann musste er jedoch dieses Areal verkaufen. 1923 verkaufte er auch seine Villa – und zwar an die Familie Kohn, die ihren Nachnamen in Kende ändern ließ. Die Familie war Inhaber einer Werkstatt für Federwäsche. Sie lebte zuvor im Stadtteil Suché Vrbné, deutsch Dürnfellern, hinter dem Hauptbahnhof von Budweis. In die Villa zogen Josef Kohn, seine Frau Helene und ihre drei Kinder ein – die Brüder Rudolf, Otto und Erich. Der älteste Sohn Rudolf war seit der Geburt gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Otto Kende als Erster ins KZ deportiert. Er arbeitete damals als Jurist in Prag. Es folgten die weiteren Familienmitglieder – über Theresienstadt wurden sie nach Auschwitz verschleppt. Interessanterweise blieb jedoch Rudolf Kende in Theresienstadt. Eine Mitbewohnerin in dem Lager nahm sich Rudolf an und kümmerte sich um ihn. Ihrer Dank gelang es, dass er vom angeblich letzten Transport nach Auschwitz gestrichen wurde und in Theresienstadt blieb, was ihm das Leben rettete.“
Rudolf Kende kehrte nach Budweis zurück. Zuerst wohnte er in der Villa seiner Eltern, später unter einer anderen Adresse. Er war Komponist und gab auch Musikunterricht. Hat Rudolf als der Einzige von der Familie den Krieg überlebt?
„Ja, er war der Einzige. Seine Brüder und seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Es gab jedoch indirekte Verwandte, die ebenfalls die Kriegszeit überstanden – seine Cousins zum Beispiel retteten sich durch die Flucht nach Übersee. Die Erinnerungen dieser Verwandten sind erhalten und wurden veröffentlicht. Dadurch lässt sich auch mehr über dieses Schicksal erfahren.“
Wie wurde die Villa, die bestimmt beschlagnahmt wurde, während des Krieges genutzt?
„Die Kriegszeit ist das, was diese Villa so gespenstisch macht. Denn nachdem die Familie ins KZ verschleppt worden war, wurde die Villa beschlagnahmt. Zuerst hatte hier der Budweiser Sicherheitsdienst seinen Sitz. Später befand sich hier das Amt der Kriminalpolizei. Die Kellerräume wurden in ein Gefängnis umgewandelt. Bis heute sind dort die typischen Gefängnistüren mit einem Loch erhalten, durch das Essen gereicht wurde. Die Kriminalpolizei untersuchte hier vor allem Wirtschaftsverbrechen. Dies betraf zum Beispiel den Braumeister der bekannten Budweiser Brauerei, Oldřich Miškovský. Er wurde 1942 verhaftet, weil er angeblich Lebensmittelvorräte zu Hause aufbewahrte. Das war auch dann der Anlass, um die Budweiser Brauerei unter Zwangsverwaltung zu stellen.“
Wie war das Schicksal der Villa nach 1948 – also nach der Machtübernahme durch die Kommunisten?
„Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte ein Militärarzt in der Villa. Er hat da auch seine Sprechstunde eingerichtet. Seine Familie besaß das Haus auch noch bis vor kurzem. Erst Anfang 2024 wurde die Villa auf Initiative des Budweiser Architekten und Restaurators Vladimír Musil auf die Liste der Kulturdenkmäler gesetzt. Sie wurde an die Stadt Budweis verkauft.“
Deshalb kann die Villa wahrscheinlich derzeit in Stand gesetzt werden…
„Der kulturhistorische und architektonische Wert der Villa ist sehr groß. Von außen wirkt sie eher schlicht. Sie wurde im historisierenden Stil erbaut – mit verschiedenen Jugendstilelementen. Das Interieur ist reichlich verziert und sehr schön gestaltet. Im Unterschied zu vielen ähnlichen Villen in Budweis ist sie in der Gestalt erhalten geblieben, in der sie einst erbaut wurde. Derzeit werden Arbeiten durchgeführt, um das Haus in Stand zu bringen und um seinen Wert zu bewahren.“
Gefängniszellen im Keller
Bei der Führung durch die Villa Kende geht es auch in die Kellerräume. Historiker Mikuláš Zvánovec erzählt, im Keller habe es ursprünglich auch eine kleine Wohnung für den Gärtner gegeben.
„Der Garten der Villa war sehr gut gepflegt. Als sich die Kriminalpolizei und vorher auch für eine kurze Zeit der Sicherheitsdienst hier einquartierten, richteten sie im Keller die Zellen ein. Bis heute sind drei Zellen erhalten. In der Nachkriegszeit hatte man sie so belassen. In den Räumlichkeiten befand sich später eine Werkstatt, und es wurden dort unterschiedliche Gegenstände gelagert.“
Wird auch der Garten in Stand gesetzt und irgendwie wiederbelebt?
„Es wird geplant, den Garten möglichst so zu gestalten, dass er wieder ähnlich seiner Originalgestalt ist. Dies ist jedoch schwierig, denn es fehlen die Baupläne für die Villa. Anhand dessen, war erhalten geblieben ist, können wir nur vermuten, wie der Garten ausgesehen hat. Wahrscheinlich gab es in seiner Mitte einen Brunnen. Eine Rarität ist der Grenzstein, der jedoch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der Familie des Arztes, der hier damals wohnte, im Garten aufgestellt wurde.“
Post Bellum organisiert Workshops für Schüler
In die Villa lädt deren Verwalter Vojtěch Toms vom Verein Post Bellum ein. Durch die Eingangshalle geht es in den Salon.
„Willkommen im Hauptsalon der Villa. Wir nehmen an, dass die Familie Kende hier ihre Besuche empfangen hat und dass man hier beispielsweise am Nachmittag gemeinsam bei einer Tasse Tee saß. Ein Teil der Originalausstattung ist erhalten. Es gibt hier beispielsweise einen großen Tisch für die Familie, eine Kommode und einen Konferenztisch. Der Raum nebenan diente wahrscheinlich als Arbeitszimmer von Herrn Kende. In den 1920er und 1930er Jahren gehörte die Familie zur höheren Bevölkerungsschicht in Budweis. Wir denken, dass sich im Salon nicht nur Familientreffen, sondern auch Feierlichkeiten abspielten. Herr Kende war Mitglied des Stadtrats. Es kann also sein, dass hier zudem politische Verhandlungen geführt wurden.“
Im Salon der Villa veranstaltet Paměť národa laut Toms jede zweite Woche eine Diskussion oder einen Vortrag.
„Den herrlichen Raum nutzen wir ebenso, wenn wir einen speziellen Gast einladen. Zudem finden hier Workshops für Schüler statt. Im Rahmen der Führung durch die Villa wurde im Salon beispielsweise ein Kammerkonzert für die Mäzenen des internationalen Musikfestivals in Krumau veranstaltet.“
Im Erdgeschoss der Villa Kende ist derzeit eine Ausstellung über die Zeitschrift „Klepy“ installiert, sie wurde in den Kriegsjahren von der jüdischen Jugend in Budweis geheim herausgegeben.














