Vom Heiligen Berg zur Gedenkstätte Vojna: Auf Spuren politischer Gefangener

Foto: Martina Schneibergová

In der Nähe der mittelböhmischen Stadt Příbram befindet sich die Gedenkstätte Vojna. Während des Kommunismus stand an diesem Ort ein Arbeitslager für politische Gefangene. Am Stadtrand von Příbram liegt auch einer der bekanntesten Wallfahrtsorte Böhmens – Svatá Hora / Heiliger Berg. Den Heiligen Berg verbindet nun seit Ende November ein Lehrpfad mit dem ehemaligen kommunistischen Arbeitslager.

Heiliger Berg (Foto: Martina Schneibergová)
Es war ein frostiger Samstag Ende November. Oben auf dem Heiligen Berg waren nicht so viele Pilger wie in der Sommersaison unterwegs, aber die Wallfahrtskirche war trotzdem gut gefüllt. Der Gottesdienst wurde für alle Opfer totalitärer Regime zelebriert. Nach der Messe begaben sich die Teilnehmer auf den Hof vor dem Kirchenareal, wo ein neuer Lehrpfad feierlich eröffnet und gesegnet wurde. Er folgt den Spuren politischer Gefangener vom Heiligen Berg bis zum ehemaligen kommunistischen Arbeitslager Vojna. Es sei wichtig, an das Schicksal der politischen Gefangenen zu erinnern, meinte der Priester Stanislav Přibyl:

Stanislav Přibyl (Foto: Martina Schneibergová)
„Denn es gibt Werte, die wir nicht vergessen dürfen. Wenn jemand für die universalen menschlichen Ideale wie Freiheit und Wahrheit gelitten hat, darf man das nicht vergessen. Es ist eine Art Krankheit unserer Gesellschaft, dass wir Wohlstand mit Freiheit verwechseln. Ich bin davon überzeugt, dass jene, die auf dem Lehrpfad auf einer der Schautafeln mehr über die Geschichte der politischen Gefangenen lesen werden, dann auch über das eigene Leben und die eigene Werteskala nachdenken werden.“

Der Hauptinitiator des Lehrpfads ist Josef Hovorka. Er lebt ein paar Kilometer von der Gedenkstätte Vojna entfernt. Einige Gefangenen seien nach ihrer Freilassung aus dem Arbeitslager auf den Heiligen Berg gegangen, um dort zu zu beten. Daher führe der Lehrpfad vom Wallfahrtsort zum ehemaligen Arbeitslager.

Bahnhof in Příbram (Foto: Archiv Radio Prag)
„In der hiesigen Umgebung unternehmen viele Menschen Rad- und Fußwanderungen und verbringen hier ihre Freizeit. Ich wollte diese Wanderer auf das Schicksal der politischen Gefangenen aufmerksam machen. Der Lehrpfad ist so gestaltet, dass hier vor allem junge Menschen etwas mehr erfahren können, als sie im Geschichtsunterricht durchgenommen haben.“

Auf jeder der Schautafeln wird die Geschichte eines konkreten Gefangenen geschildert. Josef Hovorka hat an dem Projekt mit der Bürgerinitiative „Post Bellum“ zusammen gearbeitet. Daher können sich die Wanderer die Erinnerungen der Häftlinge im Zeitzeugenarchiv des Projekts „Paměť národa“ auch anhören. Der Lehrpfad beginnt am Bahnhof in Příbram. Dort haben die freigelassenen Gefangenen von Vojna auf den Zug gewartet. Auf der Schautafel am Bahnhof wird die Geschichte von František Teplý geschildert. Wegen seiner Arbeit in der verbotenen christdemokratischen Partei wurde er 1954 zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt und nach Vojna geschickt. Im Rahmen einer Amnestie wurde er 1960 freigelassen und in der Nacht auf den Bahnhof in Příbram gebracht. In den Zug nach Prag sei er jedoch nicht eingestiegen, erzählte František Teplý:

František Teplý (Foto: Archiv Post Bellum)
„Ich habe nicht geglaubt, dass ich wirklich freigelassen wurde. Ich habe gedacht, dass sie uns irgendwohin nach Sibirien transportieren werden. Ich habe mich in einem Gebüsch versteckt und dort die Nacht verbracht. Es wurden immer neue Gefangene zum Bahnhof gebracht, sie sind in die Züge eingestiegen. In der Früh bin ich zunächst in die Stadt gelaufen und danach auf den Heiligen Berg. Dort habe ich der Jungfrau Maria gedankt, dass ich überlebt habe. Als ich in die Stadt zurückgekehrt bin, sind die Kinder gerade zur Schule gegangen. Ich war fasziniert: So kleine Menschen hatte ich sechs Jahre lang nicht gesehen.“

Der gesamte Lehrpfad ist 14 Kilometer lang. Es ist auch möglich, nur einen sechs Kilometer langen Abschnitt zu gehen, er führt durch die Orte in unmittelbarer Umgebung der Gedenkstätte. Vom Bahnhof geht es zunächst auf den Heiligen Berg, von dort aus dann weiter über die Ortschaft Brod bei Příbram in die Gemeinde Lešetice. Josef Hovorka sagt dort vor einer Schautafel:

Josef Hovorka vor einer Schautafel (Foto: Martina Schneibergová)
„In diesem Dorf stand das Haus, in dem Familie Kuba die Verwandten der politischen Gefangenen, die zu Besuch kamen, aufgenommen hat. Heutzutage können wir uns es kaum vorstellen, dass wir Verwandten eines Häftlings Unterkunft anbieten. Es war damals sehr mutig von der Familie. Auf der Schautafel wird aber eine andere Geschichte geschildert, und zwar die von Antonín Adamička. Er ist aus dem Lager Vojna geflüchtet. Ein Befehlshaber von Vojna sagte über Adamička unter anderem, dass er trotz des Aufenthalts im Arbeitslager keine positive Beziehung zum volksdemokratischen Regime entwickelt habe.“

Haus mit dem so genannten Besuchszimmer (Foto: Martina Schneibergová)
Aus dem Dorf führt eine schmale Straße Richtung Gedenkstätte Vojna. Das Lager ist noch nicht zu sehen, die Landschaft sieht idyllisch aus. Am Straßenrand hat Josef Hovorka eine weitere Schautafel installiert:

„Es sind nur noch 400 Meter bis zum Lager Vojna. Hier befand sich ein kleines Haus mit dem so genannten Besuchszimmer. Dort konnten die Gefangenen mit ihren Verwandten zusammentreffen, sie waren in dem Raum jedoch durch einen Zaun voneinander getrennt. Das Haus war so weit vom Arbeitslager entfernt, dass die Verwandten nichts vom Lager selbst sehen konnten. Auf der Schautafel wird die Geschichte von Frau Miluše Axamitová geschildert, die ihrem Mann Blumen überreichen wollte.“

Foto: Martina Schneibergová
Antonín Axamit wurde kurz vor der Hochzeit mit seiner Verlobten Miluše verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Grund für seine Verhaftung war, dass er drei Hochschulstudenten geholfen hatte, in den Westen zu flüchten. Er wurde in die Arbeitslager Jáchymov und Vojna geschickt. Frau Axamitová erinnert sich daran, wie sie ihren künftigen Mann einmal an seinem Namenstag im Juni besuchte:

„Man durfte dem Gefangenen nichts mitbringen. Ich habe aber damals wenigstens einen kleinen Blumenstrauß mitgenommen. Mein Mann hat Feldblumen geliebt, so habe ich ein paar Blumen in seinem Garten gepflückt. Sie haben mir aber nicht erlaubt, ihm die Blumen zu geben. Ich musste sie wieder mit zurücknehmen. Da habe ich sie in die Kirche auf dem Heiligen Berg gebracht.“

Miluše durfte Antonín erst nach seiner Freilassung heiraten. Sie hatten zwei Töchter, denen das kommunistische Regime wegen der Inhaftierung ihres Vaters das Studium verbot. Nach der Wende von 1989 engagierte sich Antonín Axamit in der Konföderation politischer Gefangener. Er starb im Jahre 2000. Seine Frau ist bis heute in der Organisation aktiv.

Am Tor in die Gedenkstätte Vojna endet der Lehrpfad, der den Spuren der politischen Gefangenen folgt. Die Initiatoren des Projektes rechnen auch mit ausländischen Besuchern, daher sind alle Texte auf den Schautafeln auch auf Deutsch und Englisch.

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