Vom Musiker zum Patron der Blinden: Karel Emanuel Macan

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Vor 150 Jahren wurde Karel Emanuel Macan geboren. Er war eigentlich Komponist. Wegen zweier Unfälle verlor Macan jedoch sein Augenlicht. Das bestimmte sein weiteres Schicksal. Er wurde zum Gründer und Vorsitzenden des Verbandes der Blindenvereine in Böhmen. Aber nicht nur das. Macan gründete auch den „Verein für tschechischen Blindprägedruck und Blindendruckerei“. Mit seinen vielfältigen Begabungen brachte es Karel Emanuel Macan in seiner Zeit zu großer Bekanntheit. Heute ist er jedoch fast vergessen. Luděk Kudláček bringt nun aber für Sie Licht in das Dunkel der Erinnerung.

Weihnachten 1858 - im Bahnhof der ostböhmischen Stadt Pardubice erblickt Karel Emanuel Macan das Licht der Welt. Seine Vorfahren waren im 17. Jahrhundert aus Italien nach Böhmen gekommen. Sein Urgroßvater Signor Mazzani arbeitete in Böhmen als Kellermeister am gräflichen Hof Pálffy. Als die Familie in Böhmen Wurzeln geschlagen hatte, änderte sie ihren italienischen Familiennamen in die tschechische Form – Macan.

Karel Emanuel war musikalisch sehr begabt. Das bewies er bereits als Kind. Er spielte hervorragend Klavier und schrieb erste kleine Kompositionen wie dieses Weihnachtslied. Doch bereits in jungen Jahren kam es zu einem Unfall, der das Leben von Karel Emanuel Macan entscheidend prägen sollte. Der Journalist und Schriftsteller František Cinger, Autor einer Biografie über Macan:

„Ein tragischer Unfall beendete die glücklichen Kinderjahre von Karel Emanuel Macan –eine Platzpatrone aus der Pistole seines Vaters explodierte und verletzte ein Auge, so dass er teilweise erblindete. Macan war damals erst zwölf Jahre alt.“

Das Leben der Familie wandelte sich durch den Unfall. Seine Eltern versuchten nun den jungen, teilweise blinden Macan zu Hause zu fördern – und zwar musisch, wie Cinger berichtet.

„Macan war vor allem musikbegeistert. Am liebsten spielte er Harmonium oder Klavier. Nach dem Unfall organisierten die Eltern zusätzlich noch ein Haustheater. Jedes Mitglied der Familie war auch ein Laienschauspieler. Bei den Theatervorstellungen im elterlichen Haus lernte Macan auch spätere Künstler kennen. Zum Beispiel den Komponisten Josef Bohuslav Förster oder die Schauspielerin Hana Kubešova-Kvapilová.“

In seiner Biografie – die auch als Hörbuch erschienen ist - erwähnt František Cinger die Erinnerungen von Macans Schwester Augusta:

„Herr Kubeš hat uns ein kleines Theater errichtet, das damals mit den besten Laientheatern vergleichbar war. Er war ein Theaterliebhaber und hat uns sogar auch kunstvoll und geschickt geschminkt. Wenn unsere Mama vor der Vorstellung zu uns hinter die Bühne kam, konnte sie gar nicht ihre eigenen Söhne unter den anderen Schauspielern erkennen. Aber wie wir gespielt haben, danach fragen Sie lieber nicht. Ein weißes Betttuch als Vorhang und einer der jungen Männer musste die Frauenrolle übernehmen. Sehr oft spielten wir dann aber nicht mehr, weil wir der Mama die Wohnung verwüstet hatten.“

Karel Emanuel Macan war durch seine Augenverletzung zwar beeinträchtigt. Dennoch nahm er ein reguläres Studium auf. Es war jedoch nicht die Musik, sondern eine Naturwissenschaft, die er am tschechischen Zweig der technischen Universität in Prag studierte:

„Macan studierte Chemie am tschechischen Zweig der technischen Universität in Prag. Er war ein fleißiger Student, der immer seine körperliche Behinderung zu kompensieren versuchte. Doch die Sehkraft auch seines heilen Auges wurde immer schlechter. Deswegen musste er letztlich sein Studium abbrechen“, so Schriftsteller František Cinger.

Nun stürzte sich Karel Emanuel Macan verstärkt in die Musik. Als 19-Jähriger richtete er sein Studium auf Komposition aus. Er studierte an der Orgelschule beim Komponisten František Skuherský. Aber dann folgte ein zweiter Unfall. Macan verletzte sich durch einen unglücklichen Umstand auch am noch halbwegs gesunden Auge. Eine Operation blieb erfolglos: Macan erblindete vollends. Dennoch intensivierte er sein Musikstudium noch. 1886 begann er bei dem damals wohl wichtigsten tschechischen Komponisten, Zdeněk Fibich, Unterricht zu nehmen. Unter der Leitung von Fibich komponierte Karel Emanuel Macan sein bekanntestes Stück - das Streichquartett f-moll.

Trotz der musikalischen Erfolge war Macan aber klar, dass er keine echte Chance hatte sich als Komponist durchzusetzen. Schließlich musste er ja alles diktieren. Er gab also die Musik ein für allemal auf und arbeitete als Lehrer an einer Blindenschule in Prag. Hier entstand unter seiner Führung auch die erste tschechische Fibel für blinde Kinder. Dann folgte das erste tschechische Lesebuch für Blinde. In den folgenden 20 Jahren gab Macan mehr als 400 Bücher heraus, die in der so genannten Brailleschrift gedruckt wurden. Die Buchstaben der Brailleschrift werden mit festgelegten Punktmustern wiedergegeben.

„Die Entstehung des ´Vereins für tschechischen Blindprägedruck und Blindendruckerei´ wurde im Dezember 1915 von einem Ausschuss vorbereitet. Im Jahre 1918 entstand dann der eigentliche Verein, der auf Karel Emanuel Macan zurückgeht. Sein Ziel war die Verbreitung der tschechischen Kultur unter den Blinden. Die Zahl blinder Menschen war während des Ersten Weltkriegs beträchtlich gestiegen“, erklärt Bohdan Roule, derzeit Direktor der einzigen Blindendruckerei in Tschechien.

Macan regte auch die Entstehung der ersten tschechischen Zeitschrift für Blinde an: die „Zora“ – wie sie hieß - wird bis heute herausgegeben. Nur ein einziges seiner Ziele erreichte Macan während seines Lebens nicht – die Eröffnung einer öffentlichen Bibliothek für Blinde. Bohdan Roule erklärt die damalige Situation:

„Bis zu seinem Tode im Jahre 1925 investierte Macan viel Energie, um die erste öffentliche Bibliothek für Blinde in der Tschechoslowakei zu eröffnen. Sein Bemühen blieb aber erfolglos. Bücher für Blinde waren weiterhin nur in Blindenanstalten zugänglich. Aber gerade Macans Tod hat vielleicht dazu beigetragen, dass sich dies dann sehr schnell änderte. Bereits ein Jahr später nämlich entstand im Prager Stadtteil Libeň die erste öffentliche Bibliothek für Blinde. Zu Macans Ehren trägt sie bis heute seinen Namen.“