Von der Skipiste zur Weihnachtskrippe: Olesnice v Orlickych horach / Giesshübel im Adlergebirge

Olesnice (Foto: Autorin)

Einst gab es in diesem Ort und seiner Umgebung zahlreiche Erzgruben, im 19. Jahrhundert standen dort in jedem Haus Webstühle. Heutzutage ist die Grenzgemeinde Olesnice v Orlickych horach / Giesshübel im Adlergebirge eher als Erholungsort bekannt.

Die Gemeinde Olesnice / Giesshübel entstand im 11. Jahrhundert auf einem wichtigen Handelsweg. Die Hauptroute verlief damals von Prag nach Glatz, wo eine Nebenroute nach Hradec Kralove / Königgrätz und weiter nach dem heutigen Dobruska abzweigte. Diese verlief dann bis nach Bystre und durch den Gebirgspass Dobrany zum heutigen Olesnice / Gießhübel. Von dort führte sie nach Lewin und weiter nach Glatz zur Hauptroute. Die Nebenrouten waren keine gepflegten Straßen, sie führten durch tiefe Wälder und konnten nur mit Saumpferden passiert werden. So wurde einst auch der über Olesnice führende Handelsweg als Saumpferdsteg bezeichnet.

Olesnice  (Foto: Autorin)
Die Menschen lebten dort hauptsächlich vom Baumfällen, der Jagd, sowie der Herstellung von Schindeln, Holztellern und Löffeln. Seit dem 16. Jahrhundert wurde das Leben der Bevölkerung sehr stark von der Herstellung von Eisen und Eisenprodukten beeinflusst. Man produzierte dort Nägel, Feilen, Löffel und verschiedene andere Eisenwaren. Zur Stadt wurde Olesnice im Jahre 1607 durch Rudolf II. erhoben. Im 19. Jahrhundert wurde die Baumwolle eingeführt, was zur Folge hatte, dass sehr viele Familien mit dem Weben anfingen. In fast jedem Haus stand ein Webstuhl, oftmals mehrere. Übrigens einem dieser Weber verdankt Olesnice auch seine heute offensichtlich meistgeschätzte Sehenswürdigkeit.

Der Chronist von Olesnice, Zdenek Bachura, führte mich in das Skiareal, das unweit der Stadt liegt und worauf die Bewohner recht stolz sind. Denn im Sommer dieses Jahres haben dort die besten Grasskisportlerinnen und Sportler der Welt bei verschiedenen Wettbewerben ihre Kräfte gemessen. Der tschechische Grasskifahrer Martin Stepanek hat dort einen neuen Weltrekord aufgestellt. Mit einer Geschwindigkeit von 94 Kilometern/Stunde raste er die Piste auf den Grasskiern hinunter. Die hiesige Piste war aber schon immer beliebt, wie Zdenek Bachura bestätigt:

"Schon damals, als wir als Kinder hier Ski gefahren sind, hatte unser Schuldirektor Interesse daran, einen Skilift zu errichten. Das hier vor kurzem erbaute Skiareal ist vor allem für Familien mit Kindern bestimmt, denn die Piste endet nicht unmittelbar vor einer Straße, wie es oft der Fall ist. Es ist für Skianfänger sehr gut geeignet."

Für die Sportfans bleibt noch zu bemerken, dass sich im Skiareal in Olesnice im September 2007 die Grasskiweltmeisterschaft abspielen wird, an der auch der fünffache Weltmeister, der tschechische Skifahrer Jan Nemec, teilnehmen wird.

Zdenek Bachura  (Foto: Autorin)
Vom Skiarareal führte mich der Chronist auf den Marktplatz von Olesnice. Die bereits erwähnte, von den Stadtbewohnern offensichtlich meistgeschätzte Sehenswürdigkeit befindet sich im Rathausgebäude. Es ist eine mechanische Weihnachtskrippe, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Josef Utz geschnitzt wurde. Zdenek Bachura dazu:

"Man sagt, wenn er sein Werk vollendet hätte, wäre es eine viel schönere Weihnachtskrippe als die berühmte Weihnachtskrippe von Trebechovice geworden, denn Herr Utz verlieh den Krippenfiguren viel Leben. Die Figuren bewegen ihre Köpfe, Beine und Hände. Dies ist bei der Krippe von Trebechovice nicht der Fall."

Weihnachtskrippe von Josef Utz  (Foto: Autorin)
Josef Utz konnte leider sein Werk nicht vollenden, er starb im Alter von 48 Jahren an den Folgen einer Kopfverletzung am 4. November 1944. Das bewundernswerte Werk zeigte mir der Neffe des Holzschnitzers, Milos Vlcek:

"Die Figuren sind aus Lindenholz. Die meisten von ihnen sind sehr einfach gekleidet, manche haben keine Schuhe an. Jede Figur ist sehr fein geschnitzt, jede hat ein anderes Gesicht. Mein Onkel war ein sehr sorgfältiger Holzschnitzer und war allseitig begabt. Schon in der Jugend hatte er in Horni Olesnice eine Weberwerkstatt eingerichtet, die mit elektrischen Motoren ausgestattet war. Angeblich hat er alles selbst hergestellt und gebastelt."

Jedoch sind nicht alle Figuren, die Josef Utz einst ausgeschnitzt hatte, erhalten geblieben, sagt Herr Vlcek:

"Ein Kamel, ein Junge mit einem Esel, einige Elefanten, aber auch die drei heiligen Könige hat es einst gegeben. Ich erinnere mich sehr gut daran, denn ich habe mit diesen Figuren gespielt, da ich bei Josef Utz oft zu Besuch war."

Eine von den verschwundenen Figuren ist nach fünfzig Jahren wieder aufgetaucht, erzählt Milos Vlcek. Als er vor einiger Zeit über das Werk seines Onkels im Tschechischen Rundfunk sprach und die verlorenen Krippenfiguren beschrieben hatte, erhielt er eine der Figuren per Post zurück. Eine Frau, die seine Schilderung gehört hatte, erkannte in einer der Holzplastiken, die sie zu Hause hatte, eine der Figuren aus Olesnice. Sie schickte sie dem Verwandten des Holzschnitzers, der die Echtheit der Figur zu seiner großen Überraschung und Freude bestätigen konnte.

Olesnice  (Foto: Autorin)
Die Weihnachtskrippe wurde im Rathaus im Jahre 2000 installiert. Vorher hat Milos Vlcek noch einiges reparieren müssen. Josef Utz hat jedoch keine Entwürfe oder Zeichnungen hinterlassen, anhand derer das Werk eventuell vollendet werden könnte. Milos Vlcek zufolge hat es offensichtlich auch nie solche Entwürfe gegeben.

"Er hatte alles im Kopf, er hatte keinen Entwurf vorher gezeichnet, weder für die 36 Figuren, noch für die Kulissen. Er rechnete vielleicht noch mit einer Ebene, auf der sich weitere Figuren bewegen sollten. Es boten sich Holzschnitzer an, die das Werk vollenden wollten, aber das geht nicht, meine ich. Ich halte die Weihnachtskrippe bis heute für etwas Nahestehendes, das zu unserer Familie gehört, auch wenn es immer noch im Besitz eines anderen ist. Ich würde diese Weihnachtskrippe gegen nichts austauschen, nicht einmal gegen einen Mercedes, den man mir übrigens auch schon angeboten hatte."

Die mechanische Weihnachtskrippe von Josef Utz kann man im Rathaus in Olesnice am Mittwoch von 15.30 - 17 Uhr und am Samstag von 9 - 17 Uhr besichtigen.