Von Grenzblockaden zu Sprachkursen: der Verein „Sonne und Freiheit“

Der Bürgerverein „Sonne und Freiheit“ verbindet schon seit 1994 österreichische und tschechische Umweltaktivisten in Tschechien. Begonnen hat es mit dem Kampf gegen das Atomkraftwerk Temelín. Die neuesten Aktivitäten sind aber der Aufbau einer zweisprachigen Bibliothek und die Stiftung eines Preises für grenzüberschreitende Arbeit.

Die Initiative „Sonne und Freiheit“ will auf kommunaler Ebene eine Energiepartnerschaft zwischen Österreich und Tschechien ins Leben rufen. Hauptziel ist dabei, den Ausstieg aus der Atomenergie und die Nutzung erneuerbarer Energiequellen zu unterstützen. Umweltschützer aus Österreich stehen bereits mehrere Jahre in Kontakt mit der südböhmischen Gemeinde Věžovatá Pláně, um dort den Betrieb von Solar-, Wind- und Biomasseanlagen zu fördern. Die Tätigkeit des Vereins umfasst jedoch auch die Ausrichtung von Sprachkursen, Stammtischen und kulturellen Veranstaltungen. Neu soll jetzt eine Bibliothek hinzukommen. Mit ihr werden Bücher über verschiedene Themen auch jenseits der Grenze zugänglich gemacht – und das in der jeweiligen Landessprache. Die Idee beschreibt der Gründer des Vereins, Bernhard Riepl.

„Das hat sich fast automatisch ergeben. Ich habe viele Bücher gehabt, die sowohl tschechisch, als auch deutsch zur Verfügung gestanden sind. Sie betreffen vor allem natürlich das Thema ´Erneuerbare Energie´. Ich möchte da die Bücher des Präsidenten des Vereins Eurosolar, Hermann Scheer, erwähnen, der schon seit 25 Jahren im deutschen Parlament sitzt. Im Angebot ist aber auch die ´Weltrevolution´ von Tomáš G. Masaryk. Alles in allem sind dies Werke, die jenseits der Grenze nicht verfügbar beziehungsweise schwer zu erstehen sind. Wir als kleiner Verein können sie aber ohne große Mühe anbieten - zunächst in Budweis und Sandl in Österreich, wo ´Sonne und Freiheit´ gegründet wurde. In weiterer Folge kann es sein, dass wir Gemeindepartnerschaften ansprechen werden, in denen bereits diverse Kontakte existieren und bei denen Interesse besteht.“

Eines der Bücher, die im Angebot des Vereins den Interessenten zur Verfügung stehen, heißt „emotiv: Und nach uns das Tafelland“. Es handelt sich um die Beschreibung der Schicksale jener Menschen, die wegen des Ausbaus des Atomkraftwerks Temelín ihre Häuser verlassen mussten. Insgesamt sechs Dörfer sind wegen des Atommeilers von der Landkarte verschwunden, hunderte Häuser wurden zerstört, die letzten in den 90er Jahren. Tschechisch erschien dieses Buch 2006, und derzeit wird die deutschsprachige Ausgabe vorbereitet. Der Autor Antonín Pelíšek erhielt dafür vor zwei Jahren den Jahrespreis des Vereins „Sonne und Freiheit“. Wie kam er zu diesem auch in Tschechien wenig bekanntem Thema?

„Über meine journalistische Arbeit. Etwa 1995 begann ich als Redakteur der Tageszeitung ´Mladá Fronta Dnes´, das Geschehen rund um Temelín zu verfolgen. Damals wurden die letzten Häuser zerstört und die übrigen Familien, die teils seit Generationen dort lebten, gingen weg. Ich habe dort mit alten Leuten persönlich viele Stunden lang Gespräche geführt. Ursprünglich hatte ich vor, nur einen Zeitungsartikel darüber zu schreiben, aber die Geschichten waren so beeindruckend, dass ich mich für ein Buch entschieden habe. Das Buch erschien in einem regionalen Verlag und sprach vor allem die betreffenden Leute aus Temelín und ihre Familienmitglieder an. Der Text fand aber auch Anklang bei meinen Freunden in Österreich und bei dortigen Umweltaktivisten. In Tschechien gab es jedoch kein größeres Echo, was vielleicht auch mein Fehler war, denn ich habe die Wahl des Verlags unterschätzt. Der entscheidet schließlich darüber, wo das Buch angeboten wird.“

AKW Temelín
Antonín Pelíšek gibt zu, dass sein Interesse für die umgesiedelten Menschen für manche Tschechen nicht zu begreifen ist. Auch seine Kollegen aus den Medien finden dieses Thema nicht sonderlich attraktiv. Pelíšek versteht dies, denn bevor er den Schaden für die Menschen durch Temelín nicht persönlich kennen lernte, hat er diese Meinung auch geteilt. Heute versucht er, diese Erfahrung den österreichischen Umweltschützern zu vermitteln.

„Die Aktivitäten bezüglich der Grenzblockaden gefallen mir gar nicht. Die Meinung lässt sich doch auch anders ausdrücken, als den Leuten den Weg zu versperren. Mir ist auch klar, dass der Protest sichtbar werden muss, damit ihn die Presse überhaupt zur Kenntnis nimmt. Andererseits muss ich bekennen, dass der Besuch der Blockaden aus beruflichen Gründen mir einzigartige Erfahrungen beschert hat - ich habe mich dort mit vielen Leuten angefreundet, die nicht nur gegen Temelín kämpfen, sondern sich auch für viele gute Sachen einsetzen wie die Erhaltung von Traditionen, schonende Landwirtschaft, lokale Feste und weiteres. Seit dieser Zeit fahre ich regelmäßig zu unseren Nachbarn und rede mit ihnen, obwohl mein Deutsch immer noch nicht gut ist. Das alles hat mit geholfen, eine ganz andere Sicht auf Österreich zu bekommen.“

Der Anerkennungspreis in Höhe von 1000 Euro hat den Wert von je zwei Aktien der Firmen Windkraft und Ökostrom. Vorletztes Jahr ging er an Herrn Jan Jakeš aus dem Dorf Holašovice bei Budweis, der gegen enormen administrativen Widerstand und mit großem finanziellem Risiko die erste Solaranlage in seinem Dorf errichtet hat. Der Preis soll jedes Jahr vergeben werden und zwar jeweils an einen Tschechen und einen Österreicher. Doch der Verein hat in letzter Zeit das ursprüngliche Ziel ein bisschen aus den Augen verloren.

An der Anti-Atom-Offensive des Landes Ober-Österreich wurde aus Desillusionierung mangels nachvollziehbarer Strategie sowie aufgrund des Risikos zu großer Spannungen im Verein nicht weiter mitgemacht. Die Tätigkeit wendet sich nun mehr in Richtung Bildungsarbeit. Der Verein vermittelt zum Beispiel den Verkauf von „Solarlampenradios“, die Zweiflern die Möglichkeit zur Nutzung von Solarenergie veranschaulichen sollen. Insgesamt wurden schon 156 Radios mit Taschenlampen unter die Leute gebracht. Zu den weiteren Aktivitäten sagt der Obmann des Vereins, Bernhard Riepl.

Holašovice
„Wir veranstalten jeden Freitagabend schon seit mehreren Jahren Minisprachkurse in Věžovatá Plátě, dem ersten tschechischen Klimabündnisdorf. Vermittelt wird Deutsch und Englisch; dies soll einerseits die grenzüberschreitende Qualifikation verbessern und anderseits nehmen wir damit auch Geld ein. Die Teilnehmer aus dem Dorf zahlen nämlich einen gewissen Betrag, der dann als Spende unserem Verein hilft. Im August soll es, ähnlich wie vergangenes Jahr, bei uns einen wöchentlichen Intensivkurs Tschechisch für Österreicher geben und auch umgekehrt, wo wir wieder Kontakte knüpfen und Exkursionen machen. Windhaag wird ziemlich sicher im Programm stehen, wo Bürgermeister Klepatsch im Mai zum Tag der Sonne 2008 eine große Veranstaltung organisiert. Wir versuchen auch gemeinsam mit dem ´Energy Center´ in Budweis einen Energiestammtisch in Věžovatá Pláně zu machen, an dem Politiker teilnehmen sollen. Thema könnte entweder die Biogasanlage sein, die der Bürgermeister der Gemeinde errichtet, oder das Passivhaus, das dort ebenfalls entsteht.“

Der Verein konzentriert sich bei seinen Aktivitäten bisher vor allem auf Tschechien. In nächster Zeit will er aber auch eine Zweigstelle in Österreich gründen, da die dortigen Mitglieder zunehmend aktiver werden. „Sonne und Freiheit“ hat zurzeit mehr als hundert Mitglieder.

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