Von Kříženecký bis Aschenbrödel – das Prager Filmarchiv als Gedächtnisinstitution

Tschechisches Filmarchiv (Foto: ČT24)

Alles deutet darauf hin, dass die analoge Kinotechnik definitiv ausgedient hat. Weltweit wurde sie durch digitale Verfahren ersetzt. Dem musste sich auch das Tschechische Filmarchiv (NFA) anpassen, dort werden Filmkopien über Jahrzehnte aufbewahrt. Die allermeisten Streifen wurden natürlich mit analogen Kameras gedreht, und nur ein Bruchteil davon kann in der nächsten Zukunft digitalisiert werden. Doch über das Vorgehen ist man sich in Prag im Klaren.

Michal Bregant (Foto: Helena Petáková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Das Prager Filmarchiv (NFA) wurde 1943 gegründet. Der umfangreiche Fundus dort lässt sich auch mit erstaunlichen Zahlen ausdrücken: 150 Millionen Meter Filmband, 600.000 Fotos, 30.000 Filmposter und 100.000 Werbeartikel. All das dokumentiert rund 120 Jahre tschechische Filmbranche. NFA-Chef Michal Bregant spricht stolz von „einem großen Glück“:

„Wir sind weltweit eines der wenigen Filmarchive, das beinahe gesamte Filmproduktion des Landes aufbewahrt. In Prag verfügen wir auch über die Streifen Jan Kříženeckýs von 1898, dem Entstehungsjahr der tschechischen Kinematografie. Das tschechische Kinopublikum wird sie schon bald in einer digitalen, zugleich aber fast authentischen Form wieder zu sehen bekommen.“

Tschechisches Filmarchiv (Foto: ČT24)
Das gesamte Team zählt 130 Mitarbeiter. Alle seien gleich wichtig genauso wie ihre Tätigkeiten auch, so der NFA-Chef. Gefragt sei Professionalität:

„Man spricht vom Filmarchiv, aber in Wirklichkeit handelt es sich um einen Bereich voller Adrenalin. Nachdem heute die gesamte Filmherstellung auf digitaler Basis funktioniert, geht es in der Tat ums Überleben einer Gedächtnisinstitution, wie es das Filmarchiv ist. Allgemein gesehen bewahren alle Archive und ähnliche Organisationen Kulturgüter, um dadurch das historische und kulturelle Gedächtnis der jeweiligen Gesellschaft am Leben zu halten. Letztlich stellt jeder Film, ob schlecht oder gut, ob ein Spiel-, Animations- oder Dokumentarfilm, eine Zeugenschaft dar, wie die Menschen seinerzeit dachten oder wonach sie sich sehnten. Kurzum wie sie waren. Deswegen ist es die Verantwortung des Filmarchivs, womöglich die gesamte nationale Filmproduktion aufzubewahren. Man weiß ja nie im Vorhinein, welche Filme und welche Epochen in Zukunft eher mehr oder eher weniger über unsere Vergangenheit aussagen werden.“

Foto: ČT24
Archivierte Filmkonvolute und andere Unterlagen sollen Bregant zufolge möglichst ein authentisches Bild der jeweiligen Zeit zeichnen. Die Digitalisierung ist nur einer der vielen Schritte, die deswegen getätigt werden müssen:

„Die Digitalisierung ist für uns eine der größten Prioritäten, weil sie die Aufbewahrung von Filmen für die heutigen sowie künftigen Zuschauer ermöglicht. Nach wie vor werden wir die Filme aber auch auf herkömmlichen Filmkopien archivieren. Ein Teil von ihnen muss allerdings digitalisiert werden. Erstens können sie kaum noch im Kino gezeigt werden, weil die Kinos auch in Tschechien bereits digital umgerüstet wurden oder darauf warten. Der andere Grund ist, dass viele Filme nicht aus dem - wie ich es nenne - ‚kulturellen Kreislauf‘ herausfallen dürfen. Wenn dies passieren würde, wäre es sehr schwer, sie wieder ins kulturelle Bewusstsein zurückzuholen. Und außer fürs Kino und Fernsehen müssen diese Filme heutzutage auch fürs Internet online digital verfügbar sein.“

Filmdigitalisierung (Foto: ČT24)
Angesichts des umfangreichen Bestands im tschechischen Filmarchiv ist kaum vorstellbar, alle Streifen zu digitalisieren. Vor einiger Zeit wurde daher bereits eine Liste mit 200 Titeln zusammengestellt, eine Art „Best of“ der tschechischen Kinoproduktion. Diese Streifen sind für die digitale Bearbeitung bestimmt. Doch auch so ist die Umsetzung des Plans eine Art Laufstreckenlauf. Und das nicht zuletzt dadurch, dass der eigentlichen Digitalisierung eine Reihe bedeutender Schritte vorausgehen müsse:

Filmrestaurierung (Foto: ČT24)
„Das beginnt bei der breiten Erforschung der in schriftlichen Archivquellen, diese wird von Archivaren und Filmhistorikern verschiedener Institutionen nicht nur von uns vorgenommen. Über die Filme, die bei bekanntlich sehr hohem Kostenaufwand in hoher Qualität digitalisiert werden sollen, sollten wir möglichst alles wissen. Da geht es zum Beispiel um Fragen, unter welchen technischen, ökonomischen und personellen Bedingungen sie seinerzeit entstanden sind. Nur so kann jeder Schritt der Filmrestaurierung voll qualifiziert durchgeführt werden. Uns geht es also darum, ein Maximum von der Qualität, die den jeweiligen Streifen einst auszeichnete, in digitale Form zu bringen.“

Filmrestaurierung (Foto: ČT24)
Erst dann kommt die Technik zu Wort. Ein Bild des Films nach dem anderen wird gescannt und nachfolgend unter die Lupe genommen. Eventuelle Spuren der Zeit, also Staubteilchen, Kratzer und Ähnliches, müssen entfernt werden. Ebenso anspruchsvoll ist die Tonrestaurierung. Auch durch sie will man die Illusion einer authentischen Aufnahme erreichen. Die komplexe Restaurierung eines einzelnen Films kann bis zu zwei Millionen Kronen, umgerechnet rund 60.000 Euro, kosten. Für eine umfassende Digitalisierung fehlt es in den öffentlichen wie auch privaten Haushalten an Geld. In den vier zurückliegenden Jahren ist es gelungen, je einen tschechischen Film pro Jahr zu digitalisieren. Insgesamt sind es bisher also nur vier. In den nächsten zwei Jahren sollen zehn weitere hinzukommen. Derzeit läuft eine Ausschreibung zu dem entsprechenden Auftrag, um den sich in- und ausländische Firmen bewerben können. Um welche Filme es sich aber konkret handelt, gilt als Geheimnis. Michal Bregant:

„Die Liste der zehn tschechischen Filmtitel haben unsere Archivare, Kuratoren und Restauratoren gemeinsam erstellt. Die Streifen repräsentieren unterschiedliche Stile und verschiedene Herangehensweisen ihrer Schöpfer. Es beginnt bei der Stummfilmära, führt über die 1930er und die ersten Nachkriegsjahre bis in die 1980er Jahre. Diese Werke sind nicht nur für den Filmvertrieb, die TV-Ausstrahlung oder den Verkauf vorgesehen. Sondern es handelt sich um Filme, die an sich einen kulturellen Wert darstellen. Ihr Marktpreis kann aber gering sein wie zum Beispiel die ersten Filme von Jan Kříženecký. Vorläufig verraten kann ich wenigstens, dass sich in der Titelauslese auch ein abendfüllender Animationsfilm des international bekannten Regisseurs Jiří Trnka befindet, dessen Restaurierung außerordentlich anspruchsvoll sein wird. Fest steht, dass die zehn Streifen bis Mitte 2016 restauriert und digitalisiert sein werden.“

„Drei Haselüsse für Aschenbrödel“ (Foto: Tschechisches Filmarchiv)
Bregants feste Überzeugung beruht auf der sicheren Finanzierungsquelle für das Projekt: Es ist der norwegische Fonds für industrielle und regionale Entwicklung. Dies sei der Grund dafür gewesen, warum man den Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ebenfalls auf die Liste gesetzt habe. Jedes Jahr läuft der obligate tschechisch-deutsche Weihnachtsklassiker im norwegischen Fernsehen. Viele Norweger würden vielleicht auf die Straße gehen, wenn sie den Film nicht mehr zu sehen bekämen, erläutert Michael Bregant. Im Tschechischen Fernsehen wurde er inzwischen in einer vom deutschen Fernsehen remasterten Form ausgestrahlt. Nun soll der Streifen die beste digitale Qualität erhalten.

Foto: Offizielle Facebook-Seite der ‚Czech Film Commission‘
Die Aufgabe, sich als eine bedeutende Institution der tschechischen Gedächtniskultur zu profilieren, konnte das NFA erst nach der politischen Wende von 1989 in vollem Umfang in Angriff nehmen. Seitdem erweitert sich der Tätigkeitsbereich kontinuierlich:

„Heutzutage funktioniert das NFA auch als Dachorganisation für neue Aktivitäten. Zum Beispiel im Rahmen der so genannten ‚Czech Film Commission‘, die den Service für Dreharbeiten ausländischer Film- und TV-Gesellschaften hierzulande gewährleistet wie auch die PR für die Präsentation tschechischer Kinoproduktionen bei ausländischen Filmfestivals übernimmt. Durch diese Aktivitäten hat sich das Filmarchiv zu einer Institution entwickelt, die nicht nur ihre historische Mission durch die kontinuierliche Pflege des einheimischen Filmkulturerbes erfüllt, sondern auch am aktuellen Zeitgeschehen in der tschechischen Kinematographie beteiligt ist.“

Stummfilm „Rosenkavalier“
Unter den Abertausenden in Prag archivierten Filmen lassen sich im Übrigen auch längst verschollen geglaubte Schätze entdecken.

Ende der 1950er Jahre gab der damalige Präsident des Österreichischen Filmarchivs, Joseph Gregor, den Auftrag, nach dem Stummfilm „Rosenkavalier“ von Robert Wiene zu suchen. Dieser war 1926 in der Dresdner Semperoper uraufgeführt worden. Am Dirigentenpult der Sächsischen Staatskapelle stand damals der Komponist der gleichnamigen Oper, Richard Strauß. Der Streifen wurde im Prager Filmarchiv gefunden, und nach einer umfassenden Restaurierung beim Filmarchiv Austria konnte er 2014 am Ort seiner Uraufführung gezeigt werden.

Foto: Offizielle Facebook-Seite des Tschechischen Filmarchivs
Bestimmt nicht nur aus diesem Grund ist es schade, dass der absolut größte Bestand im Tschechischen Filmarchiv weiterhin sein Dasein in analoger Form in den Regalen fristen wird. Zum Glück ist er wenigstens sorgfältig aufbewahrt und in genau geführten Metadaten-Katalogen vermerkt.