Berlinale 2020: Tschechischer Klassiker feiert zweite Premiere

Foto: ČTK/AP/Britta Pedersen

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin feiern Jubiläum: Seit vergangenen Donnerstag läuft die 70. Auflage. Zu den Teilnehmern der Berlinale gehört auch die Tschechische Republik. Sie ist mit zwei Filmen und drei Co-Produktionen in der deutschen Hauptstadt vertreten. Dazu gehört auch ein historischer Film, der jetzt quasi seine zweite Premiere erlebte.

'Der weite Weg' (Foto: NFA)

„Der weite Weg“, beziehungsweise in der Originalfassung „Daleká cesta“ – so heißt ein Film des tschechischen Regisseurs Alfréd Radok aus dem Jahr 1949. Das über 70 Jahre alte Werk wurde digitalisiert und restauriert und in dieser neuen Form am vergangenen Wochenende in Berlin erstmals ausgestrahlt. Gast der Weltpremiere war unter anderem der Generaldirektor des Nationalen Filmarchivs in Tschechien, Michal Bregant:

Michal Bregant, photo: Juan Pablo Bertazza
„Es war eine feierliche Premiere und zugleich eine Art Genugtuung. Denn dieser Film hatte ein sehr schweres Schicksal. Er war nicht sehr bekannt, weil er den Zuschauern kaum zugänglich gemacht wurde. Seine Uraufführung im Jahr 1949 war sehr begrenzt, denn von dem Film gab es nur ein paar Kopien, und er wurde nur außerhalb von Prag gezeigt. Obwohl es kein typischer Film war, der wegen der kommunistischen Zensur unter Verschluss gehalten wurde, war er auch später in den Kinos nur sehr selten zu sehen.“

„Der weite Weg“ beschreibt das Schicksal der Prager Juden, die nach Terezín deportiert wurden und dort oder in anderen Konzentrationslagern den Tod fanden. Nach den Worten der Festivalveranstalter zeichnet der Streifen ein künstlerisch gültiges Abbild des Grauens, dargestellt in Spielszenen und dokumentarischen Passagen. Doch dieses Thema schon relativ kurz nach dem Zweiten Weltkrieg dem Kinozuschauer zu präsentieren, sei nicht einfach gewesen, betont Bregant:

'Der weite Weg'
„Wenn wir uns in jemandem hineinversetzen, der einen großen Teil seiner Familie durch den Holocaust verloren hat, dann können wir uns ausmalen, wie emotional bewegt dieser Mensch gewesen sein muss, wenn er vier Jahre nach dem Krieg einen Film über Theresienstadt sieht. Doch als Schöpfer der fiktiven Welt des Films wählte Radok eine Form der Inszenierung, die ihn das schwere Thema mit etwas Abstand betrachten ließ. Damit gelang es ihm, die Tragödie des Holocaust in ihrem ganzen Ausmaß zu zeigen.“

In Berlin wurde „Der weite Weg“ in der Sektion Berlinale Classics gezeigt. Doch obwohl das Thema Holocaust beim diesjährigen Festival allgemein sehr präsent ist, sei es nicht leicht gewesen, die Produktion unterzubringen, bemerkt Bregant:

„Ob nun Berlin, Venedig oder Cannes – es herrscht stets eine starke Konkurrenz. Es gibt jede Menge dieser alten Klassiker, und überall wird viel restauriert. Von daher will jeder seinen Film bei einem dieser großen Festivals unterbringen. In unserem Fall sind der Teilnahme in Berlin mehr als drei Jahre intensiver Verhandlungen mit der Festivalleitung vorausgegangen.“

Und dies sei keine Eintagsfliege, ergänzt Bregant stolz:

„Es ist meiner Meinung nach schon ein bedeutendes kulturelles Phänomen, dass wir in den zurückliegenden acht Jahren bei jedem der drei großen Festivals mit einem alten Klassiker vertreten waren. Zudem sind wir bei jenen Festivals, die auf restaurierte Filme spezialisiert sind, sowie bei kleineren Filmschauen regelmäßig zugegen.“

'Scharlatan' (Foto: Alžběta Jungrová, Marlene Film Production)
Bei der laufenden Berlinale hat Tschechien zwar keinen Film im Wettbewerbsprogramm, dafür aber ist man mit dem Streifen „Scharlatan“ der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland in der Sektion Special Gala vertreten. Hauptdarsteller der Handlung über den einstigen Wunderheiler Jan Mikolášek ist der tschechische Schauspieler Ivan Trojan. Des Weiteren ist Tschechien in Berlin mit drei Co-Produktionen präsent, darunter die Weltpremiere des Films „Numbers“ des ukrainischen Regisseurs Oleg Sentsov.

Autor: Lothar Martin
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