Von Kultur bis Geschichte: Tschechisch-deutsche Vermittler für diplomatische Verdienste geehrt

Jan Lipavský und Jaroslav Rudiš (rechts)

Wie kann ein Schriftsteller grenzüberschreitend verbinden? Auch darum geht es im Folgenden. Denn am Dienstag hat Außenminister Lipavský die tschechischen Medaillen „Für diplomatische Verdienste“ verliehen. Und von den ausgezeichneten Persönlichkeiten und Organisationen sind allein sechs für ihre Erfolge in der Verbesserung der tschechisch-deutschen Beziehungen ausgezeichnet worden – darunter etwa der Autor Jaroslav Rudiš.

Mit diesem bescheidenen Festakt solle an die Geehrten erinnert und ihre Arbeit gewürdigt werden. So leitete Außenminister Jan Lipavský (parteilos) die Übergabe der Medaillen „Für diplomatische Verdienste“ ein. Sie wurden im Czernin-Palais in Prag, dem Sitz des Ressorts, überreicht.

Tomáš Kafka | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

Der Preis ist erst 2019 ins Leben gerufen worden. Doch Tomáš Kafka, ehemaliger tschechischer Botschafter in Berlin, der nun die Abteilung der Staaten Mitteleuropas am Ministerium leitet, hält die Medaillen durchaus für bedeutsam. Am Rand der Veranstaltung erläuterte der Diplomat:

„Jeder Preis wächst mit dem Renommee der Geehrten. Gerade die heutige Ausgabe ist ein gutes Omen für die Zukunft. Denn genauso wie der Preis hoffentlich den Geehrten Freude macht, machen die Geehrten den Preis respektabel. Und das ist sehr wichtig. Schließlich ist es in der heutigen Welt nicht selbstverständlich, dass sich Leute für etwas Positives aktiv und engagiert einsetzen. Deswegen sollte man es nicht als selbstverständlich ansehen, sondern es gebührend würdigen.“

Petr Brod  (links) und Jan Lipavský | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

Anders als man bei der Bezeichnung „Für diplomatische Verdienste“ vermuten dürfte, sind die meisten Preisträger gar nicht in der Politik engagiert. Sie kommen genauso aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft oder allgemein dem öffentlichen Engagement. Und in diesem Jahr haben gleich fünf Persönlichkeiten sowie der Träger einer Veranstaltungsreihe einen tschechisch-deutschen Bezug. Das reicht von den Journalisten und Autoren Petr Brod und Lida Rakušanová über den Politologen Tomislav Delinić von der Konrad-Adenauer-Stiftung und David Michel aus der Sächsischen Staatskanzlei bis zum Schriftsteller Jaroslav Rudiš. Aber bitte, ein Literat als Diplomat, passt das zusammen?

Petr Brod und Jan Lipavský | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Ich fühle mich natürlich sehr geehrt. Und ich glaube, es hängt vielleicht auch mit den Geschichten zusammen, die ich schreibe. Sie verbinden tatsächlich Tschechien und Deutschland oder Tschechien und Österreich oder ganz Mitteleuropa miteinander. So wie die Gleise der Eisenbahn unser Mitteleuropa zusammenhalten und verbinden“, so Rudiš gegenüber Radio Prag International.

Womit der Autor auf eines seiner neueren Werke anspielt, auf die „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“, die 2021 zunächst auf Deutsch und zwei Jahre später auch auf Tschechisch erschien.

In einer Reihe mit Schwarzenberg und Albright

Aus dem Kreis genuin diplomatisch Tätiger kommt hingegen David Michel. Er leitet das Referat „Internationale Beziehungen“ in der Sächsischen Staatskanzlei. Und von 2017 bis 2022 führte er das Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen in Prag. Von der Auszeichnung durch den tschechischen Außenminister zeigte er sich gerührt und erwähnte auch einige klangvolle Namen, die früher bereits bedacht wurden...

David Michel | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Ich habe immer sehr Karel Schwarzenberg (ehemaliger tschechischer Außenminister, Anm. d. Red.) und Madeleine Albright (ehemalige US-amerikanische Außenministerin, Anm. d. Red.) geschätzt und wertgeschätzt. Und jetzt in einer Reihe mit diesen früheren Preisträgern zu stehen und diesen Preis zu bekommen, macht mich sehr stolz“, sagte Michel.

Tschechien und Sachsen haben fast 460 Kilometer gemeinsame Grenze. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeite er daran, dass sie nicht als trennend, sondern als verbindend wahrgenommen werde, betont David Michel:

„In dieser Welt, in der wir uns heutzutage befinden, ist diese enge nachbarschaftliche Zusammenarbeit wichtiger denn je. Denn wir müssen uns immer und ebenso in schwierigen Zeiten aufeinander verlassen können. Wir müssen auch gemeinsam die Herausforderungen der heutigen Zeit meistern können. Dafür ist eine verlässliche und vertrauliche Zusammenarbeit enorm wichtig – und die haben wir.“

Übergabe der Medaille für Bernard-Bolzano-Stiftung | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

Neben einzelnen Persönlichkeiten wurden in diesem Jahr auch zwei größere Projekte mit jeweils einer Medaille bedacht. Zum einen ist dies der „Dialog in der Mitte Europas“ der Bernard-Bolzano-Stiftung. Diese internationale Konferenz findet seit 2007 jedes Jahr in Brno / Brünn statt. Zum anderen wurde das Zeitzeugenprojekt Paměť národa (Gedächtnis der Nation) der tschechischen NGO Post bellum geehrt. Auf einer teils öffentlich zugänglichen Website sind dabei die Erinnerungen und Lebensgeschichten von über 15.000 Menschen gesammelt, die mit Nationalsozialismus, Zweitem Weltkrieg und Kommunismus die Schrecken des 20. Jahrhunderts erlebt haben. Marie Janoušková leitet die internationale Kooperation bei Post bellum und sagte zum Erhalt des Preises:

Marie Janoušková | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Wir schätzen das sehr und sind auch gerührt, denn der Preis gilt nicht nur unserer Organisation, sondern insbesondere allen Leuten, die uns unsere Lebensgeschichten erzählt haben. Das sind aber nicht nur die Geschichten des 20. Jahrhunderts, sondern auch die jener Menschen, die im 21. Jahrhundert immer noch gegen totalitäre Regime kämpfen.“

Janoušková erwähnt dabei die russische Aggression gegen die Ukraine, Belarus oder auch Kuba.

Kunst als softe Diplomatie

Von diesen politischen Verwerfungen aber noch einmal zurück zu den erfreulichen Entwicklungen der vergangenen 35 Jahre. Und dazu gehören eben die tschechisch-deutschen Beziehungen, die mittlerweile tief in die Kultur hineinreichen und historische Anknüpfungspunkte haben. So findet Jaroslav Rudiš:

„Vielleicht ist die Literatur oder die Kunst an sich wirklich eine Art von softer Diplomatie. Und es freut mich sehr, dass Prag oder Böhmen nicht nur mit Bier verbunden wird, sondern auch mit der Literatur oder der Musik, die hier entstanden ist. Bedřich Smetana, Gustav Mahler oder die Autoren und Autorinnen wie Bohumil Hrabal, Jaroslav Hašek, Milan Kundera, Milena Jesenská oder auch Lenka Reinerová. Wie oft habe ich gehört, dass jemand ein Buch von Lenka Reinerová gelesen hat und danach nach Prag gefahren ist – weil er einfach diese Stadt aus den Geschichten von ihr sehen wollte. Dasselbe gilt für Kafka, Hrabal oder Hašek. Das finde ich in der Tat großartig. Und genauso bringt das die Tschechen auf den Weg zum Hauptbahnhof, auf den Weg in den Speisewagen und auf die Fahrt nach Berlin, wenn sie ein zeitgenössisches deutsches Buch gelesen haben.“

Jaroslav Rudiš | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

Rudiš selbst, der schon lange in Berlin lebt und unter anderem Germanistik studiert hat, hat seine letzten Romane alle auf Deutsch verfasst. Doch er sagt...

„Ich schreibe nach wie vor in beiden Sprachen. Im vergangenen Jahr habe ich zum Beispiel ein Theaterstück für das Nationaltheater in Brno auf Tschechisch verfasst und ein weiteres Stück, zusammen mit Petr Pycha, einem Freund von mir, ebenfalls auf Tschechisch. Jetzt habe ich aber wiederum ein deutsches Stück geschrieben – eine Auftragsarbeit für das Theater in Bamberg. Das Stück heißt ‚Das letzte Bier‘ oder ‚Poslední pivo‘. Als diese schöne Anfrage kam, war mir klar, dass ich es auf Deutsch verfasse. Mir macht das tatsächlich auch Spaß, in beiden Sprachen unterwegs zu sein.“

Außerdem verweist der Schriftsteller auf die lange Tradition bei Autoren aus Böhmen, beide Sprachen zu nutzen:

„Franz Kafka hat auf Deutsch geschrieben, das war seine Muttersprache. Aber er hat auch ein sehr gutes Tschechisch gesprochen und ein paar Briefe in der Sprache hinterlassen. Milena Jesenská hat dann Kafka ins Tschechische übersetzt, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie ebenfalls so gut wie zweisprachig war. So wie auch Egon Erwin Kisch, Max Brod oder etwa Jaroslav Hašek, von dem viele nicht wissen, dass er ein unglaublich tolles Deutsch gesprochen hat.“

Und auch viele der Persönlichkeiten aus dem tschechisch-deutschen Umfeld, die am Dienstag im Außenministerium geehrt wurden, beherrschen beide Sprachen. Denn auch das ist eine wichtige Voraussetzung, um zwischen beiden Seiten dauerhaft vermitteln zu können.