Von Oberursel nach Prag – der Fotograf Björn Steinz

Björn Steinz

Björn Steinz hat sich als Fotograf in Prag etabliert, ursprünglich kommt er aber aus dem hessischen Oberursel. Vor kurzem hat der Deutsche mit finnischen Wurzeln in seiner Wahlheimat eine Ausstellung über das Stadtviertel Žižkov in den 1990er Jahren gezeigt. Radio Prag Interntaional hat dies als Anlass genutzt, um sich mit ihm über seinen beruflichen Werdegang zu unterhalten. 

Der deutsche Fotograf Björn Steinz lebt seit fast 30 Jahren in Prag. 1994 kam er zum Studium der Dokumentarfotografie in die Stadt an der Moldau. Zuvor hatte der Deutsche mit finnischen Wurzeln bereits Erfahrungen in der Pressefotografie gesammelt, und zwar für eine Zeitung in seiner Heimatstadt Oberursel im Taunus. Heute arbeitet er als Freischaffender und hat aber auch eine Lehrstelle an der Anglo-American University in Prag.

Original-Foto von der Žižkov Fotoreihe aus den Jahren 1994-1996 | Foto: Björn Steinz

Vor kurzer Zeit hatte Steinz eine Ausstellung über den Prager Stadtteil Žižkov der 1990er Jahre in einer Galerie. Dort stand er für ein Gespräch für Radio Prag International bereit. Fühlt er sich heute in Prag zuhause?

„Ja, ich bin hier eigentlich schon zuhause, sonst wäre ich nicht hier. Seit fast 30 Jahren lebe ich hier, aber mit Pausen. Zwischendurch war ich zwei Jahre in Asien und auch eine Zeit lang in Deutschland. Aber ich bin immer zurück nach Tschechien gekommen, und es ist definitiv meine Heimat mittlerweile. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, für immer wieder dorthin zu ziehen, wo ich groß geworden bin. Das ist mittlerweile vorbei, dafür bin ich zu lange hier.“

Begonnen hat seine Karriere allerdings Mitte der 1980er Jahre in Deutschland:

„Ich wollte eigentlich immer fotografieren. Es hat mir Spaß gemacht. Meine Eltern gaben mir im Urlaub in Finnland immer eine Kamera. Mit der habe ich dann ein bisschen rumgeknipst. Später kam die Idee, dass ich in meinem Heimatort Oberursel bei der Lokalzeitung anheuern könnte, um für sie Fotos zu machen. Das war alles ganz klassisch auf Film. Dieser musste entwickelt und die Fotos vergrößert werden. Ich habe das alles manuell gemacht und die Bilder anschließend zur Lokalzeitung gebracht.“

Er habe für die Bereiche Politik, Sport und Kultur geknipst, erzählt er. Es sei eine gute Schule für ihn gewesen.

In seiner Orientierungsphase nach seiner Zeit in Oberursel wollte er wissen, ob er seine Leidenschaft auch zum Beruf machen kann. Zu dieser Zeit ist er viel herumgereist – etwa nach Lateinamerika oder Jugoslawien, wo er in Flüchtlingslagern mit seiner Kamera die Lage dokumentiert hat. Dabei kam es zu einer folgenreichen Begegnung…

„Ich habe einen sehr bekannten Fotografen aus Sarajevo kennengelernt. Er war selbst Flüchtling in Frankfurt. Branko Popovic war sein Name. Zu der Zeit war ich sehr unglücklich mit meinem Studium des Kommunikationsdesigns. Branko meinte zu mir, er wisse, wo ich Dokumentarfotografie studieren könne: Es war die Kunstakademie in Prag“, so Björn Steinz.

Popovic wurde damals zu seinem Mentor. Unter anderem half er Steinz, seine Bewerbungsunterlagen für die Kunstakademie Famu fertigzustellen. Und er machte ihm klar, dass Fotografie nicht einfach eine Reproduktion von etwas ist, sondern man durch Fotos Geschichten erzählen und diese interpretieren könne.

Darf ich Sie fotografieren?

Ausstellung vom 1. Mai 2023 in der Reunion Gallery während Ausstellung „Žižkov 1994-1996. An excursion through time by Björn Steinz“ | Foto: Björn Steinz

Steinz wurde im ersten Versuch von der Uni angenommen und zog kurz darauf nach Prag. Dort sei es für ihn dann ernster, aber auch spannender geworden, was seine Fotografie betraf:

„Das Ganze hat so begonnen, dass wir an der Famu ein Projekt hatten. Dieses hat sich mit Žižkov beschäftigt, also den dritten Prager Stadtbezirk. Durch Zufall habe ich über einen Deutschen genau dort eine Wohnung bekommen. Er hat vorher dort gewohnt und seinen Bachelor hier gemacht. Anschließend ist er wieder nach Deutschland zurückgegangen und hat mich gefragt, ob ich die Wohnung haben möchte. Das hat mich natürlich sehr gefreut. Weil das Ganze direkt in Žižkov war, habe ich überlegt und mich entschlossen, auch an dem Projekt teilzunehmen. Das Projekt sollte ein halbes Jahr gehen oder maximal ein Jahr. Ich habe dann nach dem Projektende ein Jahr für mich selbst weiterfotografiert.“

Geholfen hat ihm bei dem Projekt auch seine damalige Freundin und spätere Frau, die er bereits in der ersten Woche in Prag kennengelernt hatte. Da er am Anfang noch kein Tschechisch sprach, half sie ihm kurzerhand mit einem Brief. In diesem stand auf Tschechisch: „Hallo, mein Name ist Björn, und ich bin Student an der Famu. Darf ich Sie fotografieren?“ Damit zog Björn Steinz dann durch die Prager Straßen und versuchte, Menschen zu ermuntern, sich ablichten zu lassen.

Die damals entstandenen Aufnahmen hat Björn Steinz vor einigen Jahren wieder hervorgeholt. Denn der tschechische Rapper Vladimír 518 wollte ein Buch über die Untergrundkultur der 1990er Jahre veröffentlichen, das 2017 dann herauskam. In dem Band sind auch fünf Fotos aus Steinz´ Žižkov-Reihe zu sehen.

„Diese Tatsache hat mich sehr gefreut – dass jemand das überhaupt interessiert. Damit wurde mir eigentlich bewusst, dass es nach so langer Zeit interessant sein könnte, wieder etwas damit zu machen“, so der Fotograf.

Daraus wurde die erwähnte Ausstellung in der Galerie Reunion. Bei dieser hat er erstmals digitale und analoge Fotos nebeneinander gezeigt. Es war ein Unterfangen mit gewissen Tücken. Während es nämlich kein Problem ist, digitale Fotos 1:1 zu reproduzieren, ist es deutlich schwerer und aufwendiger, analoge Abzüge genau gleich aussehen zu lassen. Denn durch die Arbeit in der Dunkelkammer fallen sie entweder dunkler oder heller aus. Kein Abzug ist also wie der andere. Das ist aber längst nicht der Hauptunterschied, den auch Steinz bei der Kameratechnik mitvollzogen hat:

„Mit einer digitalen Kamera geht es überwiegend darum, wie groß die Speicherkarte ist, und ich kann 10.000 Bilder auf einem Chip speichern. Deswegen mache ich jetzt mehr Bilder als früher. Und das bringt wesentlich mehr Arbeit in der Bildnachbearbeitung mit sich. Wenn ich das ganze Material durchgehe, habe ich ein Motiv, das ich vielleicht zwanzig Mal fotografiert habe. Es ist ein bisschen unterschiedlich, aber alles ist sehr ähnlich. Auf Film habe ich das vielleicht zwei oder drei Mal fotografiert.“

Das Vertrauen der Roma

Fotoreihe „A wall runs through it“ Thema: Roma in der Ostslowakei | Foto: Björn Steinz

Björn Steinz lehrt seit 2012 auch an der Anglo-American University in Prag. An der Hochschule unterrichtet er Foto-Journalismus, Dokumentarfotografie, visuelle Kulturen und Video-Storytelling. Gerade diese Tätigkeit biete ihm aber auch Freiheiten für sein künstlerisches Schaffen, sagt er:

„Der Schwerpunkt hat sich jetzt verändert, dass ich Dinge mache, die längerfristig sind und die mich wirklich interessieren. Der finanzielle Druck, den ich vorher hatte, ist durch die Uni jetzt nicht mehr so hoch. Wenn du nur ein Freiberufler bist, musst du wirklich alles machen, um überleben zu können.“

Als Freiberufler hat er übrigens in vielen renommierten Printmedien veröffentlicht, wie etwa Die Zeit, The Financial Times, The Independent, Der Spiegel und der National Geographic.

Zu den längerfristigen Projekten gehört, dass er Roma fotografisch begleitet. Unter anderem war Steinz dafür in der Ostslowakei. Doch so einfach komme man der Community nicht nahe, man müsse erst einmal Vertrauen schaffen, erzählt der Fotograf:

„Es hat wirklich Jahre gedauert, dieses Vertrauen aufzubauen. Und ich habe alles versucht, dieses Vertrauen auch nicht zu enttäuschen. Um dafür ein paar Beispiele zu geben: Ich achte darauf, wie ich meine Arbeit präsentiere und wie ich mit den Leuten umgehe und kommuniziere. Und jeder hat das Recht zu sagen, dass er nicht fotografiert werden möchte. Ich kann niemanden zwingen und würde das nie machen. Aber ich versuche dann zu erklären, warum ich ihn oder sie fotografieren möchte und was das für mich bedeutet. Oft verstehen es die Leute dann und geben mir damit die Möglichkeit, sie abzulichten. Wenn sie es nicht verstehen, dann ist das auch in Ordnung – und ich fotografiere sie nicht.“

Aktuell beschäftigt sich Björn Steinz in einem weiteren langfristigen Projekt mit den sudetendeutschen Grenzgebieten und auch der Geschichte seiner Familie. Denn diese hat sudetendeutsche Wurzeln. Solche Langzeitprojekte finanziert er entweder durch Stipendien oder aus eigenen Quellen. Das Žižkov-Projekt soll auch noch nicht zu Ende sein. Nach einer Ruhephase möchte er es gerne erneut in einer größeren Galerie in dem Stadtviertel ausstellen.

Darüber hinaus lassen ihn seine alten Fotos aus seiner deutschen Heimat Oberursel nicht los. Seit zwei Jahren arbeitet er zusammen mit anderen an einer Ausstellung vor Ort. Bereits jetzt gibt es den Instagram-Account „Gesichter_Oberursels“. Diesen gestaltet Steinz gemeinsam mit seinem Freund aus Kindheitstagen Markus Töpper, der ebenfalls in Oberursel großgeworden ist.


Björn Steinz´ Aufnahmen kann man unter anderem auf Instagram sehen. Der Name des Accounts lautet „rischaard“. Die größte Auswahl an Fotos von Steinz bietet die Homepage photos.oka2.com. Seine eigene Website findet man unter www.bjoern-steinz.com.

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Autor: Jörg Pranger
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