Vor 25 Jahren: Als die Falltür des Galgen zum letzten Mal aufging

Foto: spekulator, Stock.xchng

Fast genau vor 25 Jahren wurde zum letzten Mal auf tschechischem Boden ein Mensch hingerichtet. Der fünffache Mörder Vladimír Lulek starb im Prager Gefängnis Pankrác am Strang. Dann kam die politische Wende und der neue Staatspräsident Václav Havel ließ die Todesstrafe aufheben. Im Folgenden mehr über die letzte Hinrichtung und die Todesstrafe in der Tschechoslowakei.

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Als die Falltür aufging, dauerte es noch sieben Minuten, bis Lulek das letzte Mal atmete. Man schrieb den 2. Februar 1989. Verurteilt worden war der Mann wegen der Ermordung von fünf Angehörigen in einem Ort nahe des ostböhmischen Hradec Králové / Königgrätz.

Kurz vor Weihnachten 1986 war Lulek betrunken aus der Kneipe nach Hause gekommen, und es kam dort wohl zum Streit. In der Folge tötete er seine Frau mit 36 Messerstichen, danach erstach er seine eigene kleine Tochter sowie drei Kinder seiner Partnerin aus erster Ehe. Eine Nachbarin, die Schreie hörte, überlebte Luleks Messerattacke nur mit viel Glück.

Jan Šulec (Foto: ČT24)
Jan Šulec war einer von fünf Richtern in Hradec Králové, die damals entschieden, dass der Mörder erhängt werden sollte:

„Das Kreisgericht verwies auf die rohe Brutalität und die moralische Verwerflichkeit der Tat. In der Urteilsbegründung stand, die Tat habe sich tief ins Bewusstsein der Öffentlichkeit eingegraben. Die Hälfte des Ortes, aus dem der Täter kam, war im Verhandlungssaal. Wir Richter hatten das Gefühl, dass ein Todesurteil die einzige und beste Lösung aus gesellschaftlicher Sicht war.“

Jaroslav Seifert
Lulek war zwar der letzte Mensch auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, der durch Henkershand starb, aber in der Slowakei wurde einige Monate später noch ein weiteres Todesurteil vollstreckt. Die politische Wende von 1989 setzte dieser Rechtspraxis jedoch ein Ende. Über 1200 Menschen hatten seit der tschechoslowakischen Staatsgründung 1918 am Galgen ihr Leben ausgehaucht – die meisten während der politischen Verfolgungen durch die Nazis und später durch die Kommunisten in den stalinistischen 1950er Jahren.

Wenig bekannt ist indes, dass die Diskussion über die Todesstrafe schon während des Prager Frühlings in Gang kam. An ihr beteiligten sich vor allem Intellektuelle. Der Charta 77, dem Manifest der Opposition gegen das kommunistische Regime, wurde dann eine Petition gegen die Todesstrafe angefügt. Unterschrieben wurde diese zum Beispiel vom Literaturnobelpreisträger Jaroslav Seifert – sowie von Václav Havel, der sich dann 1990 als Staatspräsident für die Abschaffung einsetzte.

Václav Havel (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Ich bin überzeugt, und das wird auch von allen wissenschaftlichen Analysen bestätigt, dass die Todesstrafe keine Lösung ist. Sie befreit uns nicht von der Bedrohung durch die Kriminalität. Ich bin aus vielen Gründen, auch praktischen, mein ganzes Leben lang ein Gegner dieser Art der Strafe gewesen“, sagte Havel.

Im Mai 1990 wurde dann durch eine Novelle des Strafgesetzbuches die Todesstrafe in der Tschechoslowakei abgeschafft. Auch in der Tschechischen Republik wurde sie nicht wieder eingeführt, dabei spricht sich die Öffentlichkeit immer wieder dafür aus. Die letzte Umfrage stammt vom Mai vergangenen Jahres. Damals gaben 62 Prozent der Befragten an, sie seien für die Wiedereinführung der Todesstrafe.