"Was passierte, als die Deutschen weg waren?" - Über die Wiederbesiedlung der ehemaligen Sudetengebiete

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Bevor unser Autor Andreas Wiedemann zu Radio Prag kam, hat er Geschichte studiert und sogar eine Doktorarbeit verfasst. Darin ging es um die Wiederbesiedlung der ehemaligen Sudetengebiete nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Arbeit ist jetzt als Buch herausgekommen.

Andreas Wiedemann im Studio
Andreas, wie bist du auf das Thema gekommen?

"In Deutschland wurde und wird - sowohl in der Politik, als auch in der Wissenschaft - viel diskutiert über die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber mir ist aufgefallen, dass es da eine große Lücke gibt, dass wir nämlich wenig über das Schicksal der ehemaligen Sudetengebiete nach der Vertreibung wissen. Was passierte, als die Deutschen weg waren? Das hat mich interessiert. Ich habe dann angefangen zu recherchieren und es stellte sich heraus, dass es viel interessantes Material dazu gibt, aber recht wenig Literatur. Das hat mich dann auf dieses Thema gebracht."

Dann bleiben wir doch bei dem Thema: Was waren eigentlich die Voraussetzungen für die Besiedlung?

"Die Voraussetzung für die Besiedlung war natürlich die Vertreibung bzw. Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die tschechoslowakische Exilregierung in London hatte während des Krieges beschlossen, dass ein Zusammenleben mit den Deutschen nach den Erfahrungen mit dem Münchener Abkommen (auf Grund dessen die Sudetengebiete 1938 an das Deutsche Reich abgetreten wurden) und den Schrecken der sechsjährigen nationalsozialistischen Besatzungszeit nicht mehr möglich ist. Auch die Alliierten verfolgten nach dem Krieg das Ziel, möglichst homogene Nationalstaaten in Europa zu schaffen. Die Vertreibung war die Voraussetzung dafür, dass Neusiedler überhaupt in die ehemaligen Sudetengebiete aufbrechen konnten. Beide Prozesse liefen aber mehrheitlich parallel. Es wurden insgesamt über drei Millionen Deutsche aus dem Land vertrieben bzw. ausgesiedelt. Der gesamte Besitz der Deutschen wurde enteignet bzw. zunächst unter staatliche Verwaltung gestellt. Die Neusiedler konnten diesen Besitz zunächst in so genannte nationale Verwaltung nehmen, mit der Hoffnung, ihn später in Eigentum übertragen zu bekommen. Das betraf eigentlich alle Besitztümer, von Fabriken, Betrieben, Bauernhöfen bis zu Häusern und Wohnungen. Das war natürlich das Hauptlockmittel, das die Menschen dazu brachte, sich auf den Weg in die Grenzgebiete der böhmischen Länder zu machen."

Wie muss man sich den Ablauf dieses Prozesses vorstellen? Gab es dabei eine Art Organisation?

"Man kann da verschiedene Phasen unterscheiden: Zu Beginn, also unmittelbar nach Kriegsende, kamen die meisten Siedler spontan in die Sudetengebiete. Natürlich gab es Aufrufe in der Presse, dass die Menschen jetzt in die Grenzgebiete gehen sollten, um den Besitz der Deutschen zu übernehmen. In dieser ersten Phase im Sommer 1945 liefen die Prozesse eher spontan und zentral weniger organisiert ab. Ab dem Spätsommer 1945 kann man auf jeden Fall von einer organisierten Phase sprechen. Es wurden auch Behörden geschaffen, die sich speziell mit diesen Fragen befasst haben, zum Beispiel ein Besiedlungsamt, eine Besiedlungskommission der Regierung und andere Behörden, die dann auch Pläne entwarfen, wie viele Siedler in welche Bezirke geschickt werden müssen, damit die Bevölkerungszahlen einigermaßen stabil gehalten werden. Diese behördliche Organisation war wichtig, denn es kamen zwar etwa 1,7 Millionen neue Siedler in die Grenzgebiete, aber das waren wesentlich weniger Menschen, als vorher dort gelebt hatten."

Woher kamen diese Siedler?

"Die große Mehrheit kam aus dem tschechischen Binnenland, also aus den inneren Bezirken, die nicht zu den Grenzgebieten gehörten. Aus Prag gingen zum Beispiel 92.000 Menschen dorthin. Die Mehrheit kam aus den angrenzenden Bezirken der ehemaligen Sudetengebiete. Das waren also Menschen, die keine großen Wege zurücklegen mussten, um ihre neuen Wohnorte zu erreichen. Etwa 160.000 Menschen kamen aus der Slowakei und rund 200.000 so genannte Remigranten. Das sind Nachfahren von Tschechen und Slowaken, die das Land verlassen hatten. Von diesen haben sich ca. 100.000 auch in den Sudetengebieten angesiedelt. Diese ganzen Gruppen kann man auch noch weiter unterteilen. Als Beispiel: Die größte Gruppe dieser Remigranten in den böhmischen Ländern waren mit knapp 40.000 Tschechen aus Wolhynien, das liegt in der heutigen Ukraine. Remigranten kamen auch aus Polen, Deutschland, Österreich, Frankreich und weiteren Ländern. Auch einige Tausend Roma aus der Slowakei nahmen an der Besiedlung teil. Es war also insgesamt eine recht bunte Mischung von Menschen."

Wie lange hat dieser Ansiedlungsprozess insgesamt gedauert?

Andreas Wiedemann: "Komm mit uns das Grenzland aufbauen!"
"Die Hauptphase war im Frühjahr 1947 beendet, da war ein Großteil der Siedler schon in die Grenzgebiete bzw. in die ehemaligen Sudetengebiete gekommen. Die Zuwanderung dieser Remigranten dauerte noch bis in die frühen Fünfzigerjahre. Wichtig ist aber, dass ab 1947 auch allmählich eine Rückwanderung einsetzte. Es war also nicht so, dass sich alle erfolgreich eine neue Existenz in den Grenzgebieten aufbauen konnten. Die Rückwanderung ab 1947 zurück in die Binnenbezirke war bis 1952 größer als die Zuwanderung. Das hatte deswegen keine katastrophalen Auswirkungen auf die Bevölkerungszahlen, weil die Geburtenrate in den Grenzgebieten nach wie vor höher war als in den Binnenbezirken. Das lag einfach daran, dass die Mehrheit der Siedler junge Menschen waren. Man kann sagen, dass sich diese Hin- und Rückwanderungen zu Beginn der Fünfzigerjahre stabilisiert hatten."

Kann man im Endeffekt sagen, dass diese Besiedlung erfolgreich verlaufen ist?

"Das ist eine schwierige Frage. Wenn man sich anschaut, welche Veränderungen in Gang gesetzt worden sind, wenn man 1952 mit 1930 vergleicht, allein was die Zahlen angeht, dann ist es so, dass ein Drittel weniger Menschen in den Sudetengebieten lebten als vorher. Das blieb natürlich nicht ohne Folgewirkungen. Das heißt, zahlreiche Dörfer, die einfach zu wenige Siedler angezogen hatten, sind im Laufe der Zeit verschwunden. Das hing auch immer damit zusammen, wo es Arbeitsmöglichkeiten gab und wo es attraktiv war zu leben. Es sind also Ortschaften verschwunden, tausende Fabriken wurden geschlossen und zehntausende besonders kleinere und mittelgroße Betriebe konnten nicht weiter produzieren, weil Arbeitskräftemangel herrschte. Man muss aber sagen, dass das wirtschaftliche Leben in den Sudetengebieten insgesamt weiterging. Es war also nicht so, dass wirklich alle Landschaften verödet wären."

Jetzt haben wir den Titel deines Buches noch gar nicht verraten. "Komm mit uns das Grenzland aufbauen!", lautet er. Was hat es damit auf sich?

"Das ist ein Slogan des Besiedlungsamtes in Prag gewesen. Es gab verschiedene Werbeaktionen, die das Amt gestartet hatte. Das Bild, das auch auf dem Titel des Buches abgebildet ist, das stammt aus einer Werbebroschüre des Prager Besiedlungsamtes. Es gab andere Kampagnen, die spezielle Gruppen dazu aufriefen, ins Grenzgebiet zu gehen, zum Beispiel Pensionäre."

Wie lange hat es gedauert, bis das Buch fertig war?

"Das Buch, also die Forschungsarbeiten im Archiv und das Schreiben des Manuskriptes, das hat insgesamt drei Jahre gedauert. Aber ich habe danach, nachdem die Doktorarbeit verteidigt war, das Buch noch einmal leicht überarbeitet. Da kam dann noch einmal eine gewisse Zeit dazu, so dass ich zusammengerechnet auf dreieinhalb bis vier Jahre komme."

Wie hast du es geschafft, dich so lange einem einzigen Thema zu widmen und dabei den Überblick über das große Ganze zu behalten? Lebt man dann nicht wie eine Art Einsiedler auf einer Insel von Büchern?

"Ja, man lebt wie eine Art Einsiedler auf einer Insel von Büchern, aber in meinem Fall waren es eher Archivdokumente. Da Literatur zu diesem Thema recht spärlich war, war ich eigentlich eher so eine Art Archivmaus. Man sitzt also jeden Tag im Archiv und man hat manchmal das Gefühl, man verschwindet unter Bergen von staubigen Dokumenten und natürlich gab es auch Phasen, in denen ich das Gefühl hatte, den Überblick zu verlieren, weil es zu viel Material gab. Aber man findet dann im Laufe der Zeit einen Weg durch diesen Dschungel." (lacht)

Vielen Dank. Andreas Wiedemann über sein Erstlingswerk.


Literaturhinweis: Andreas Wiedemann: "Komm mit uns das Grenzland aufbauen!" Ansiedlung und neue Strukturen in den ehemaligen Sudetengebieten 1945-1952. Klartext Verlag, Essen 2007.