Wie der Rock´n´Roll den Eisernen Vorhang überwand (2. Teil)

Prozess mit Bohumil Schlonz

Im Oktober 1957 nahm die Prager Polizei 28 junge Menschen fest. Sie hatten bei einer Party den verbotenen Rock´n´Roll getanzt. Das sei nicht mit der Moral des sozialistischen Menschen zu vereinen war, hieß es. Die Staats- und Parteiführung inszenierte einen Schauprozess gegen die Jugendlichen. Das Resultat: Fünf der sogenannten Randalierer wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt. Einer von ihnen war auch Jiří Bohuslav. Im heutigen Geschichtskapitel hören Sie den zweiten Teil zum Thema „Wie der Rock´n´Roll den Eisernen Vorhang überwand“.

Sowjetisches Tonbandgerät Dnepr
Es war ein besonderer Anlass: Bohumil Schlonz musste zum Armeedienst einrücken und wollte sich von seiner Clique gebührend verabschieden. Doch ohne Weiteres eine Tanzdiele für ein Privattreffen zu mieten, war nicht möglich. Der als Handwerker tätige Schlonz fragte seinen Chef um Unterstützung. Nach angeblich langem Überreden versah dieser dann einen schriftlichen Antrag mit einem offiziellen Stempel. Mit diesem Papier stieß Schlonz letztlich auf Verständnis im damaligen Literaturhaus Mánes, wo die Clique gute Beziehungen zu einem Kellner pflegte. Und so kamen an einem Oktoberabend im Jahr 1957 rund 30 Freunde zusammen. Im Tanzsaal des Mánes tanzte man zu Rock´n´Roll-Musik, die von einem sowjetischen Tonbandgerät abgespielt wurde. Gegen halb elf Uhr abends, die Party lief bereits seit einigen Stunden, wurde die Feier abrupt unterbrochen. Auch Jiří Bohuslav wurde Zeuge der folgenden Ereignisse:

Foto: Tschechisches Fernsehen
„Auf einmal platzten Polizisten herein. Ich versteckte mich hinter einem Fenstervorhang, wurde aber erwischt. Wir wurden in zwei Streifenwagen gesteckt. Ich war überzeugt, man würde uns höchstens zum Alkoholtest fahren, wie es damals so üblich war. Wir landeten aber in der Bartolomějská-Straße, wo sich eine berühmt-berüchtigte Polizeistation befand. Es folgte ein Verhör. ‚Wo sind die entwendeten Autos?’ – so die erste Frage, und gleich - zack, bum – ein Schlag ins Gesicht. ‚Wo habt ihr die geklauten Sachen aus dem Auto versteckt?’ Und zack, schon wieder bekam ich etwas ab. ‚Ich weiß nicht’, sagte ich immer wieder. Man suchte unverhohlen nach einer Begründung für unsere Festnahme. Letztlich lautete der Vorwurf: ‚Propagierung des amerikanischen und insgesamt westlichen Lebensstils sowie negativer Einfluss auf junge Menschen’. So ein Unsinn.“

Rudolf Barák  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Am 19. Oktober 1957 schrieb das Abendblatt „Večerní Praha“:

„In der Nacht von Donnerstag auf Freitag (…) hat die Polizei 28 Randalierer festgenommen. Die Beamten „störten“ eine Clique mitten in ihrer Unterhaltung (vom Typ ‚Made in USA’) in der Weinstube des Mánes-Hauses. Extravagantes Verhalten, noch extravaganterer Tanz, das Schreien ins Mikrophon, wilde Musik vom Tonband: Das bereitete den Randalierern Vergnügen und löste mit Recht Empörung bei den Mitbürgern aus.“

Innenminister Rudolf Barák wollte Journalisten davon überzeugen, dass die Teilnehmer der Party nicht nur eine jugendliche Subkultur repräsentierten, sondern politische Motive hatten. In der Tagespresse hieß es, Zitat:

Schauprozess gegen die Jugendlichen  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Allein in Prag wurden unter Anderem 101 Individuen festgenommen. (…) Sie finden Gefallen am ‚amerikanischen Lebensstil’, attackieren friedliche Menschen unter Alkoholeinfluss, treiben ihr Unwesen in Hausgängen und Kinos. Sie sind die Reservisten, mit denen der Klassenfeind rechnet.“

Das Vorhaben war ziemlich durchsichtig: Man wollte der breiten Öffentlichkeit einreden, die neue westliche Musik und Kriminalität hingen miteinander zusammen. Den kommunistischen Funktionären war auch das Outfit der Rock´n´Roll-Fans ein Dorn im Auge. Ludmila Krchňavá, die wie Jiří Bohuslav zu der Clique um Schlonz zählte und nur per Zufall nicht bei der Abschiedsparty war, bezeichnete den Stil als „Klassiker“:

Ludmila Krchňavá
„Meistens trugen wir weite Röcke aus rotem Kordstoff, darunter bauschig-weite Unterröcke aus versteiften Stoffen, dazu schwarze T-Shirts mit Dekolleté. Zum Outfit gehörten auch die Schuhe, die so genannten „kačenky“ („Entchen“) und ein breiter Gürtel mit einer Metallschnalle, die unsere Jungs, die in einer Maschinenwerkstatt arbeiteten, für uns anfertigten. So gekleidet sahen zwar wir Mädchen alle gleich, aber trotzdem gut aus, glaube ich.“

Und die Frisur? Nichts Besonderes, ganz normal, sagt Krchňavá. Auch kein Make-Up: Dafür habe es kein Geld gegeben. Sozusagen „in“ gekleidet waren damals viele Mädchen - dank geschickten Händen ihrer Mütter, die selbst moderne Kleider schneiderten. Für junge Männer war es etwas komplizierter, Schritt mit der Mode zu halten. Von einer Jeanshose konnten die meisten nur träumen. Doch man war erfinderisch. Jiří Bohuslav war der einzige, der in der Clique eine Original-Bluejeans besaß. Diese ließ er für seine Freunde von einem Schneider, einem Bekannten, nachmachen, soweit dies möglich war:

Prozess mit Bohumil Schlonz
„Er fertigte die Hosentaschen nach dem Originalvorbild an. Ich kaufte Kupfernieten und schlug sie als gelernter Werkzeugmacher in den Hosenstoff ein. Diese Kopien wurden aber nicht aus echtem Jeansstoff, sondern aus einem ziemlich steifen, fast schwarzen Leinenstoff maßgeschneidert.“

Ein Großteil der Jugendlichen, die die Polizei am 18. Oktober 1957 im Mánes festgenommen hatte, wurde im Lauf der Ermittlungen aus der Haft entlassen. Sechs von ihnen wurden vor Gericht gestellt. Der Hauptschuldige war Bohumil Schlonz. In seiner Anklageschrift stand:

Richter im Prozess mit Bohumil Schlonz  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Der angeklagte Bohumil Schlonz ist ein Bewunderer des amerikanischen Lebensstils. Es wurde ermittelt, dass er während der Schulzeit an der Fachmittelschule für Maschinenbau in Prag 1, Betlémská-Straße, im Verhalten Note 2 im Zeugnis hatte und mit einer Rüge des Schulleiters bestraft wurde.“

Selbst der Grund für die Rüge war für den Ankläger wichtig. Bei einer Tanzveranstaltung der schulischen Organisation des Jugendverbandes habe Schlonz, Zitat:

„… wilde Melodien gespielt, wobei er nur ein Hemd an hatte und die Musik mit provokanten Gesten begleitete. Sein Verhalten wurde für weitere Tanzpaare zum Impuls, auch eine provozierende Tanzweise vorzuführen, die von anwesenden Veranstaltungsteilnehmern kritisiert wurde. Einige von ihnen verließen den Saal.“

Diese und weitere Argumente ließen die Anklage folgende Schlussfolgerungen ziehen. Zitat.

„Schlonz ist nicht nur ein Hooligan durchschnittlichen Stils. Er ist auch eine sichere und gut getarnte Größe, die aus einiger Entfernung unsere Jugend demoralisiert und nur dank der Wachsamkeit unserer Sicherheitsorgane enthüllt werden konnte.“

Ähnlichen Vokabulars bediente sich die Justiz auch im Fall der anderen Angeklagten. Für Jiří Bohuslav war einer der belastenden Umstände vor Gericht, dass „seine Hosenbeine beim Tanzen auf dem Parkett bis auf die Waden hochgekrempelt waren“.

Haftanstalt Vinařice  (Foto: Archiv des Gefängnisdienstes der Tschechischen Republik)
Bereits knappe drei Wochen nach ihrer Festnahme wurden die sechs „Auserwählten“ laut Paragraph 188 wegen der Straftat des Rowdytums zu Freiheitsstrafen zwischen 10 und 20 Monaten ohne Bewährung verurteilt. Den höchsten Strafsatz erhielt Schlonz als Hauptorganisator des Tanztreffs. Jiří Bohuslav musste für 15 Monate hinter Gitter.

„Das war ein Schock. Ich legte Berufung ein, und das Urteil wurde erneut bestätigt. Schlonz und ich wurden in die Prager Haftanstalt Pankrác gesteckt. In der Gefängniszelle war ich allein und musste jeden Tag arbeiten. Zunächst habe ich Knoblauch für die Gefängnisküche geschält, dann Federn geschleißt und später auch Papieretuis für Rasierklingen gefertigt. Wer die Leistungsnorm nicht erfüllte, bekam weniger zu essen. Ungefähr nach zwei Monaten wurden wir vom Gefängnisarzt zu Arbeiten außerhalb zugeteilt. Mich wollte man zu einem Arbeitskommando in der Landwirtschaft schicken, was ich aber nicht wollte. Es gelang mir, den Arzt zu überreden, dass ich in die Haftanstalt Vinařice verlegt wurde, dort war auch Schlonz. Dort haben wir dann in der Kohlegrube Nosek gearbeitet. Bis dahin wusste ich über die Kohleförderung nur das, was ich als Schüler mit meiner Klasse im Prager Technischen Museum gesehen hatte.“

Illustrationsfoto
In dem Arbeitslager bei Kladno belief sich die festgelegte Förderquote auf 70 Doppelzentner pro Tag und Person. Dennoch sei es besser gewesen als in Pankrác:

„Wir wohnten in ehemaligen Militärbaracken aus Holz jeweils zu zwölft in einem Zimmer, das wir selbst beheizen durften. Unter den Insassen waren auch studierte Menschen, die viel Interessantes zu erzählen wussten. Daher konnte man die Zeit dort irgendwie rumbekommen, wenn auch mit Ach und Krach. Doch es waren auch Schnüffler unter uns, die es sofort den Knastaufsehern meldeten, wenn jemand etwas ‚Verdächtiges’ sagte. Man wurde dann in eine Einzelzelle von einem Quadratmeter gesperrt. Dort gab es nur einen Lattenrost aus Holz zum Liegen, im Winter aber auch eine Decke. Die Essensrationen wurden erheblich reduziert oder man bekam gar nichts zu essen.“

Fragt man Jiří Bohuslav, ob sich vor 55 Jahren vielleicht auch ein bisschen Protest gegen das politische System hinter der Leidenschaft seiner Altersgenossen für den Rock´n´Roll versteckt hatte, antwortet er entschieden:

„Dahinter habe sich keine Politik verborgen, es sei lediglich ein jugendliches Faible für Musik und Tanz gewesen.“

Umso sinnloser war die Strafe. Aber sie blieb nicht ohne Folgen: Seit dem Aufenthalt im Arbeitslager leidet der Rock´n´Roll-Fan unter gesundheitlichen Problemen.