Wie der Rock´n´Roll den Eisernen Vorhang überwand

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Der Rock’n’Roll fand auch in der Tschechoslowakei begeisterte Anhänger. Anders als in der westlichen Welt hat sich diese wilde Musik in den 1950er Jahren aber sozusagen auf „leisen Sohlen“ ins Land eingeschlichen. Erst im darauffolgenden Jahrzehnt sollte sie die Jugendkultur erschüttern. Wer waren die tschechischen Rock’n’Roll-Pioniere, die sich für die ‚dekadente’ westliche Musikkultur begeisterten? Und wie lebten sie diese Begeisterung aus? Dazu im Folgenden mehr.

Bill Haley mit seiner Band „The Comets“
Wer kennt ihn nicht: den Megahit „Rock Around the Clock“, den 1954 der US-Musiker Bill Haley mit seiner Band „The Comets“ für den gleichnamigen amerikanischen Film aufgenommen hat? Mit ihm soll laut Musikhistorikern der Rock’n’Roll seinen Siegeszug um die Welt angetreten haben. Die schnelle und spannungsgeladene Musik wie auch der damit verbundene Tanz hatten es jedoch nicht leicht, sich in der Ära des Jazz und Swing beziehungsweise der Big Bands durchzusetzen. Gen Osten gab es obendrein eine besondere Hürde zu überwinden: den Eisernen Vorhang.

Anders als im Westen hat der Rock’n’Roll keine Teenager-Revolution in der Tschechoslowakei eingeleitet. Als 1955 die Schallplatte mit dem Titelsong „Rock Around the Clock“ von Decca Records herausgegeben wurde, fand sie allein in Deutschland eine Million Käufer. Zudem konnten westliche Teenies ihre Musikidole wie Bill Hailey, Elvis Presley und andere auch live erleben. Zu hören waren sie selbstverständlich auch in Kneipen, Eisdielen oder Milchbars, vor allem aus der Jukebox. Von diesen gab es bereits 1957 allein im damaligen Westdeutschland über 12.000 Stück. Ihre Altersgenossen in der Tschechoslowakei waren auf wesentlich bescheidenere Musikquellen und Informationen angewiesen. Der 74-jährige Jiří Bohuslav erinnert sich:

Ginger Rogers mit Fred Astaire (Foto: Alt Film Guide)
„Wir trafen uns mit einem Mann, der im Filmarchiv arbeitete und uns Streifen mit Fred Astaire und Ginger Rogers zeigte. Die beiden gefielen mir, weil ich selbst sehr gerne tanzte. Das waren alles Tänzer der Swingmusik. Die Amerikaner, die 1945 hier waren, tanzten den so genannten ‚Jitterbug’. Daraus entwickelte sich später der Jive, für den sich hier bei uns der Name ‚Holländer’ eingebürgert hat. Wir waren große Fans von diesem Tanzstil und gingen gerne in Tanztreffs, wo die Kapellen diese Musik spielten.“

Das waren damals allerdings nicht viele Ensembles. Die allererste Gruppe, die es wagte, neben Swingmelodien auch einige Rocktitel ins Repertoire aufzunehmen, war die Amateurband „Acord Klub“. An ihrer Geburt waren Viktor Sodoma und seine Frau Vlasta, Sänger und Tänzer von Beruf, und der spätere Mitbegründer des legendären Musiktheaters Semafor, Jiří Suchý, beteiligt. Die hierzulande bislang unbekannte Musik hörten sie auf den Wellen von Radiosendern, die ihren Sitz jenseits des Eisernen Vorhangs hatten. Zum Beispiel über AFN Munich, das von München aus Musik für die in Westdeutschland stationierten US-Soldaten ausstrahlte, vor allem aber bei Radio Luxemburg. 1955 hörte der damals 24-jährige Jiří Suchý zum ersten Mal Bill Haleys „Rock Around the Clock“ und war begeistert. Bald darauf verfasste er zur Musik einen tschechischen Text, den Viktor Sodoma mit „Akord Club“ sang - zunächst nur im Freundeskreis und nach und nach auch öffentlich. Später hat auch Karel Gott den allerersten auf Tschechisch dargebotenen Rock’n’Roll-Titel in sein Repertoire übernommen: „Tak jak plyne řeky proud“.

Akord Club (Foto: Archiv MAPH)
„Czechs pull up the Curtain“ - unter diesem Titel beschrieb im Mai 1957 die britische Zeitschrift „Picture Post“ die Präsentationen von „Akord Club“ im Prager Nachtklub „Bystrica“, in dem zweimal die Woche ein Rock´n´Roll-Abend stattfand. „George Suchy“, Jiří Suchý also, wurde in dem Artikel als „Presley of Prague“ bezeichnet. Angesichts der Realität der kontrollierten Musikszene war dies wohl etwas zu enthusiastisch formuliert.

Immerhin haben auch andere Gruppen, wenn auch vorsichtig, Rock´n´Roll-Nummern in ihr Programm mit den üblichen Schlager- und einigen Swingmelodien „eingeschleust“. Das machten sie aber erst, nachdem ihr Repertoire von der „Musik- und Kunstzentrale“ abgesegnet worden war. Zu den beliebten Tanzsälen der Prager Teenager gehörte der „Radiopalast“ im Stadtteil Vinohrady, von dem Olga Krchňavá aus der tanzlustigen Clique von Jiří Bohuslav schwärmt:

„Den Radiopalast, in dem die Bigband des Spitzentrompeters Vladimír Kloc spielte, habe ich schon mit 15 Jahren besucht. Dort und auch anderswo musste man, wie es hieß, ‚anständig gekleidet’ sein. Jungs, die zum Beispiel keine Krawatte trugen, wurden nicht hineingelassen. Anstelle der Krawatte haben sich die Jungs dann einen Stoffgürtel umgebunden, den eine von uns von ihrem Kleid zur Verfügung stellte. Man sollte auch ‚anständig’ tanzen. Sobald man als Paar getrennt zu tanzen begann oder aber die Beine zu den Seiten schleuderte, tauchte jemand von den Veranstaltern auf, die die Tanzfläche aufmerksam beobachteten. Sie klopften einem auf die Schulter und verwiesen einen mit dem Wort ‚raus’ aus dem Saal. Man bekam dann zwei Monate Hausverbot.“

Pavel Sedláček
Weil die Schallplatten mit den beliebten Titeln und bewunderten Interpreten für die absolute Mehrheit der Jugendlichen in der Tschechoslowakei nicht zu haben waren, hörten sie leidenschaftlich gerne den „Laxík“, wie Radio Luxemburg in ihrer Sprache hieß. Vielen reichte das aber nicht, und so musste man recht erfinderisch sein. Jiří Bohuslav:

„Schallplatten bekam man nur auf verschiedensten halblegalen Umwegen. In der Regel waren es nur Singles, die jemand im Reisegepäck heimlich aus dem Westen mitbrachte. Wir haben aber auch Selbsthilfe praktiziert. Unser Freund, der später bekannte Rocksänger Pavel Sedláček, hatte schon damals von irgendwoher ein Tonbandgerät. Er ließ ein Band mit einigen Musiktiteln heimlich von irgendjemandem auf Röntgenbild-Folien aufnehmen, die ich von einer befreundeten Krankenschwester geschenkt bekommen hatte. Die Halbwertzeit dieser Aufnahmen war aber nur kurz, und außerdem war ihre Tonqualität wegen starken Knisterns sehr schlecht.“

Aber man hatte wenigstens für Kurzes die Musik, zu der getanzt werden konnte. Dazu wurde sich privat zu Hause getroffen, um neue Tanzfiguren einzuüben. Zum Rock’n’Roll öffentlich zu tanzen war allerdings verpönt. Jiří Bohuslav erinnert sich, dass zum Beispiel in der „Lucerna“, jenem bekanntesten Konzert- und Ballsaal in Prag, oft nur in einer dunklen Ecke getanzt wurde, um nicht aufzufallen. Es gab aber auch eine andere Möglichkeit:

„Wenn der Saal gerammelt voll war, tanzten wir auch in den benachbarten Räumen, wo die Musik noch zu hören war. Die Veranstalter passten jedoch gut auf und platzten auch dort unerwartet herein und schmissen uns ruckzuck raus. Dasselbe geschah, wenn wir in einer ganz kleinen Gruppe oder nur ich und noch irgendjemand inmitten von den anderen Menschen, manchmal auch von ihnen umkreist, beim Tanzen erwischt wurden.“

Jiří Bohuslav (Foto aus den 1990er Jahren: Aleš Opekar)
Bohuslav, der in der Jugendszene als brillanter Tänzer galt, wurde auch für mehrere Filme als Statist engagiert. Einmal war dies mit einem besonderen Ereignis verbunden. Man schrieb das Jahr 1957:

„Damals spielte ich als Statist im französischen Film ‚In den Strömen’ (La liberté surveillée, Anm.d.R.), der hier in der Tschechoslowakei gedreht wurde. Die Hauptdarsteller waren Marina Vlady und Robert Hossein. Einmal saßen wir bei einer Pause am Berounka-Fluss an einer Feuerstelle, und ich starrte ununterbrochen die in der Nähe mit dem Filmstab plaudernde Schauspielerin an. Nach einiger Zeit kam der Produktionsleiter zu mir und fragte: ´Warum glotzt du sie ständig an? Das ist peinlich. Sie hat es bemerkt.´ Ich sagte ihm den Grund: Sie hatte eine so tolle Hose an.“

Die tolle Hose war eine Jeanshose der Marke Wrangler, die, wie Bohuslav wusste, zum Rock’n’Roll dazugehörte. Zwei Tage später kam der Produktionsleiter wieder zu ihm, mit einem Päckchen von Marina Vlady, in dem er ihre Jeanshose fand. Seitdem habe er keine andere Hose mehr getragen, sagt er.

Direkt an der Moldau hatten die Rock’n’Roll-Freaks einen anderen beliebten Treffpunkt: das Literatur- und Kunsthaus „Mánes“. Dort befanden sich auch ein Tanzsaal und eine kleine Weinstube. Die Gruppe um Bohuslav war mit dem Kellner befreundet. Die tanzsüchtige Truppe hatte aber noch weitere Gründe, immer am Donnerstagnachmittag im Mánes zusammenzukommen:

Mánes
„Dort gab es ein Klavier, und wir konnten die Musik auch vom Tonband spielen. Außerdem hatten sie dort einen großen Wandspiegel, in dem wir uns beim Tanzen beobachten konnten. Ähnlich wie die Balletttänzer in ihrem Probesaal konnten wir so jeden Bewegungsfehler sehen, oder ob die eine oder andere neu eingeübte Figur gut aussieht.“

Die Mitglieder der Gruppe, der Olga Krchňavá zufolge, etwa 15 bis 20 Mädchen und Jungs angehörten, besuchten aber nicht nur Tanzveranstaltungen in Prag:

Restaurant Zu den ‚Smolíks’ in Prag-Klánovice
„Weil wir in Prag überall rausgeschmissen wurden, fuhren wir zum Tanzen auch oft nach außerhalb. Zum Beispiel nach Klánovice zu den ‚Smolíks’. Das war eine Kneipe in der Nähe des Bahnhofs, wo im Tanzsaal Live-Musik gespielt wurde. Dort konnten wir machen, was wir wollten, ruhig auch Purzelbäume schlagen. Wir tourten durch das Prager Umland. In die Tanzläden kamen auch Einheimische und Musikfans aus den umliegenden Dörfern, die unsere Anwesenheit überhaupt nicht störte. Dort konnten wir ein paar Stunden genießen.“

Im Zusammenhang mit der Verbreitung des Rock’n’Roll in Westeuropa berichteten ausländische Medien über „Halbstarken-Krawalle“ in London, Paris oder in deutschen Städten, bei denen sich Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. In der Tschechoslowakei begeisterten sich die jungen Rock’n’Roll-Liebhaber in den 1950er Jahren aber nur für die Musik und die Mode. Trotzdem entschied sich das politische Regime hierzulande „vorbeugend“ für ein hartes Vorgehen, wie sich im Herbst 1957 zeigen sollte.


Über das weitere Schicksal der Prager Rock’n’Roll-Jugend mehr in einem der nächsten Folgen unserer Sendereihe „Kapitel aus der tschechischen Geschichte“.