Wie hat sich die Prager Burg in den vergangenen 10 Jahren verändert?

r_2100x1400_radio_praha.png

Öffnung der Gärten unterhalb der Prager Burg und des Hirschgrabens für die Öffentlichkeit sowie großartige Ausstellungen, die dort zum Teil in Räumlichkeiten stattfanden, die bis 1989 unzugänglich waren - darüber haben wir Sie in den vergangenen Jahren in dieser Sendereihe informiert. Einen zusammenfassenden Bericht darüber, wie sich die Prager Burg in den letzten Jahren unter Vaclav Havel verändert hat, hören Sie in der heutigen Ausgabe des Spaziergangs durch Prag von Martina Schneibergova und Olaf Barth:

An die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts wird man sich im Zusammenhang mit der Prager Burg als eine Zeitetappe der Wende erinnern. Denn Präsident Vaclav Havel und seinen Mitarbeitern ist gelungen, die Vorstellung über die Prager Burg als ein Raum, der für die Öffentlichkeit möglichst zugänglich sein soll, nicht nur zu formulieren, sondern auch zu verwirklichen. Denn unter Havels Vorgänger im Präsidentenamt, Husak, wirkte die Prager Burg eher als eine unzugängliche Bastei und wie ich mich selbst noch gut erinnere, stellten die sogenannten "Promenadekonzerte", die am Sonntag im Garten "Na valech" stattfanden, den Höhepunkt der Unterhaltung.

Nie war die Prager Burg so offen wie heutzutage, abgesehen von dem westlichen Teil des nördlichen Vorfelds der Burg, der erst renoviert wird, kann jeder Besucher mindestens drei Viertel des Burgareals besichtigen. Das Wochenmagazin Tyden zählt in seiner letzten Ausgabe die Änderungen auf, die während Vaclav Havels Regierungszeit im Burgareal durchgeführt worden sind. Wir laden Sie in den folgenden Minuten zu einem Spaziergang durch die verwandelte Prager Burg ein.

Architekt Vit Maslo verglich im Wochenmagazin Tyden die Burg von heute mit jener vor mehr als 10 Jahren:

"Aus dem Symbol des Husak-Regimes im politischen sowie ästhetischen Sinne ist die Burg wieder zum Symbol der Kultur und Reife von europäischer Bedeutung geworden. Ich erinnere mich daran, wie ich irgendwann im Januar 1990 im Rahmen einer Studentendelegation den Staatspräsidenten besuchte und was für einen obskuren Eindruck die noch nicht gelüfteten Räume auf mich gemacht haben, die voll von bolschewistischen Utensilien waren und wie viel Arbeit man leisten musste, damit der Sitz des Staatsoberhauptes normal zu funktionieren begann."

Der Architekt hält es des weiteren für wichtig, dass auf der Burg in den vergangenen Jahren Raum für die gegenwärtige Architektur geschaffen wurde, und dass namhafte Architekten und bildende Künstler auch aus dem Ausland Gelegenheit hatten, dort zu arbeiten. Vit Maslo fügte hinzu:

"Die unter Staatspräsident Masaryk funktionierende Beziehung "ein aufgeklärter Herr - verstehe Masaryk - und ein aufgeklärter Architekt - verstehe Plecnik" wurde durch ein System ersetzt, das die Zersplitterung der demokratischen Gesellschaft besser widerspiegelt. An jedem Projekt arbeitet eigentlich ein anderer Architekt, und das Projekt wird von einem Expertenteam beurteilt, die sich auf ihrem Gebiet bereits einen Namen gemacht haben. Auf der langen Liste der verwirklichten Projekte findet man kaum etwas Misslungenes..."

Soweit die Meinung des Architekten. Die Prager Burg stellt einen einzigartigen Baukomplex dar. Nur in wenigen anderen Metropolen der Welt kann man in deren Zentrum einen so umfangreichen und gut erhaltenen Komplex von verschiedenartigen Objekten finden, die in verschiedenen Baustilen erbaut wurden und die von einem genauso umfangreichen Komplex von Gärten umgeben sind.

Die über Prag gelegene Burg war Jahrhunderte lang Sitz gekrönter Köpfe, und vielleicht aus dem Grund wird der Staatspräsident in Tschechien ein wenig als der Herrscher angesehen. Die Burg stellt ein attraktives Ziel für einheimische sowie ausländische Touristen dar. Es ist nicht einfach, das Interesse des Staatsoberhauptes, der Besucher sowie der Burg selbst, die durch Architekten und Denkmalschutzexperten vertreten wird, in Einklang zu bringen. Noch schwieriger ist es, etwas neues auf der Burg zu errichten.

Dies gelang vor allem dank zweier Architekten - Miroslav Masak, der das Konzept einer "offenen Burg" entwarf, und Ivo Koukol, der Begründer und langjähriger Leiter der Verwaltung der Prager Burg war. Masak gehörte zum Beraterteam, das gleich im Dezember 1989 mit dem neuen tschechoslowakischen Staatspräsidenten zusammenzuarbeiten begann.

Präsident Havel brachte damals den Wunsch zum Ausdruck, den ein wenig geheimnisvollen Sitz der totalitären Macht in einen offenen demokratischen Raum zu verwandeln. Schon Anfang der 90er Jahre schlug Architekt Masak vor, die allzu sehr in Anspruch genommenen Eingänge in das Burgareal zu entlasten und zwar durch die Errichtung eines Durchgangs durch das nördliche Vorfeld. Später wurde sein Gedanke erweitert und in Form des durch den Hirschgraben eröffneten Zugangs verwirklicht.

Unter der Leitung von Architekt Koukol wurde 1993 die Verwaltung der Prager Burg errichtet, die die kulturelle, gesellschaftliche und unternehmerische Tätigkeit im Burgareal anregen und für seine Instandhaltung und Entwicklung sorgen soll. Das Kulturprogramm, das von der Verwaltung in den letzten Jahren vorbereitet wurde, überschattet mit seinem Umfang sowie seiner Vielfältigkeit jedwede andere ähnliche Institution in Tschechien. Auf der Burg werden Ausstellungen, Konzerte, Theatervorstellungen sowie Konferenzen, Modeschauen und Gesellschaftsabende organisiert.

1999 fanden dort 27 Ausstellungen statt, die von 126.000 Menschen besucht wurden, im vergangenen Jahr gab es eine Ausstellung weniger, es wurden jedoch 258.000 Eintrittskarten für diese Ausstellungen verkauft. 1999 sowie im Jahre 2000 wurden jeweils um die 70 Theatervorstellungen veranstaltet, die von 50.000 Zuschauern besucht wurden. Das Konzertangebot war noch reichhaltiger. So ungefähr hat sich das auch Präsident Vaclav Havel nach seinem Amtsantritt vorgestellt, als er erklärte:

"Man sollte hier wohnen, es sollten hier Restaurants entstehen, Kulturveranstaltungen stattfinden, man sollte hier die Möglichkeit haben, durch die Gärten und den Waldpark zu spazieren. Wir wollen, dass die Burg wieder zu einem solchen Objekt wird, wie sie es vielleicht in der Zeit Rudolfs II. einmal gewesen ist."

Es stellt sich aber die Frage, ob das altehrwürdige Burgareal überhaupt eine solche Belastung erträgt. Architekt Koukol ist davon überzeugt, dass eine vernünftige Belastung bei guter Organisation nicht schaden kann. Für jedes Objekt soll die optimale Art seiner Nutzung gefunden werden. Koukol zufolge wäre dies zumeist der ursprüngliche Zweck, zu dem der Bau einst entstanden war. Er fügt hinzu, die Reitschule, der Ballsaal oder der Pferdestall würden jedoch kaum wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen.

In den letzten Jahren ist die Burg zum wichtigen Kulturzentrum mit einer Reihe ambitiöser Kunstpräsentationen geworden. Zur Zeit wird hier eines der größten Ausstellungsprojekte auf tschechischem Gebiet verwirklicht - die Ausstellung "Zehn Jahrhunderte Architektur", über die wir in unserer Sendung bereits informiert haben.

Es gibt drei Kategorien von Bauänderungen, die auf der Prager Burg in den letzten elf Jahren verwirklicht wurden. Einige Stellen wurden ohne tiefgreifende bauliche Eingriffe nur zugänglich gemacht. Mancherorts mussten Renovierungsarbeiten durchgeführt werden, die den Originalstand streng berücksichtigten. Schließlich gibt es aber auch Stellen, wo sich die Architekten etwas ganz Neues einfallen ließen.

Architekt Ivo Koukol hält die Kultivierung des ganzen Areals für seinen größten Erfolg. Gemeint sind damit scheinbar kleine Eingriffe im Interieur der Burg sowie außerhalb, bei denen man auf das ursprüngliche Material zurückgriff. Wenn man das Resultat dieser Änderungen betrachtet, hat man nicht das Gefühl, etwas Besonderes zu sehen. Darin besteht aber der Sinn der Rekonstruktionen, die oft sehr mühsam und teuer sind, meint der Architekt.

Für die Instandhaltung des ganzen Gebäudekomplexes zu sorgen - dies ist der wichtigste und teuerste Teil der Arbeit der Verwaltung der Prager Burg, die von jedem für selbstverständlich gehalten wird. Die finanziellen Mittel, die sie zur Verfügung hat, sind knapp und es geht dabei keineswegs um kleine Probleme. Im Veitsdom beispielsweise tauchten die größten Schäden in jenem Teil auf, der im 19. und 20. Jahrhundert erbaut wurde, der ältere Teil der Kathedrale ist dagegen fester uns stabiler, aber auch dieser bedarf einer Renovierung.

Wie bereits erwähnt wurde, kann man auf der Burg Spuren aus allen Zeitepochen entdecken, wie ist es jedoch mit den allerneuesten Baustilen, bzw. mit Werken zeitgenössischer Architekten? Es handelt sich meistens um kleinere, nicht auffällige Bauänderungen - wie z. B. den neuen Eingang in die Präsidialkanzlei auf dem zweiten Burghof oder das von Josef Pleskot umgebaute Restaurant "Löwenhof". Der offensichtlich bemerkenswerteste "Neubau" im Burgareal ist die renovierte Orangerie.

Autoren: Olaf Barth , Martina Schneibergová
abspielen