Wohin mit all dem Geld? Private Banking in Tschechien

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Hat der Kommunismus dem Unternehmertum in Tschechien ein für alle Male den Garaus gemacht? Keineswegs! Direkt nach der Samtenen Revolution verwirklichten Viele ihre Ideen in einer eigenen Firma, manche im großen, manche im kleinen Stil. Wer auf der sicheren Seite bleiben wollte und dennoch Lust auf Karriere hatte, stieg bei den großen ausländischen Firmen ein, die auf den Markt strömten. Jetzt, 17 Jahre später, sind die Geschäftstüchtigen unter ihnen bereits so wohlhabend, wie ihre westlichen Kollegen, manchmal sogar noch wohlhabender. Und damit sind sie die idealen Kunden für einen Sektor der Banken, der bisher noch unterentwickelt ist: das Private Banking. Renate Zöller erklärt, worum es geht.

Private Banking ist der Sektor, bei dem die Banken am besten mitverdienen: Sie verwalten das Geld des Kunden, investieren es in Wertpapiere oder Aktien - und verdienen kräftig mit. Denn im Gegensatz zum Otto-Normal-Kunden beim so genannten Retail-Geschäft, also Kontoführung, Sparbuch und Kreditkarte, geht es beim Private Banking Kunden um viel Geld. Ines Schober, Leiterin der Private Banking Abteilung der Commerzbank in Prag, erklärt:

"Unser Privat Banking richtet sich an die Kunden mit mindestens einer halben Millionen Euro Privatvermögen. Wir bieten ihnen vor allem Vermögensanlagen an in den verschiedenen Formen, von einem hohen Anteil an Selbstmitbestimmung bis zur kompletten Vermögensverwaltung. Aber auch eine Rundum-Beratung bei Erbschaften, steuergünstigen Modellen und der Finanzierung von eigenen Unternehmen."

Um die Reichen davon zu überzeugen, dass sie solch große Summen der Bank anvertrauen können, werden sie ganz besonders aufmerksam betreut. Schober beschreibt das so:

"Ein Private Banker ist ja nicht wie ein Retail Banker, der im Haus sitzt und wie teilweise hierzulande noch am Schalter arbeitet oder an seinem Schreibtisch, sondern er lebt quasi mit den Kunden. Er geht mit den Kunden aus. Er besucht sie, unternimmt etwas mit ihnen... Das gehört alles mit zur Beratung selbst."

Das ist an sich nichts Ungewöhnliches und gehört in den alten EU-Ländern seit Jahrzehnten zum Standard. In Tschechien aber war es vor noch wenigen Jahren keineswegs selbstverständlich, einer Bank sein Geld anzuvertrauen, sein Gehalt auf einem Konto zu verwahren, eine Kreditkarte zu besitzen und zweimal im Jahr sein Erspartes vom Sparbuch abzuheben um es im Urlaub auszugeben. Und auch die Wohlhabenden unterscheiden sich daher vom klassischen Private Banking Kunden etwa in Deutschland. Ines Schober erklärt dies:

"Der wesentliche Unterschied ist, wie das historisch gewachsen ist. In Tschechien gibt es nicht diese alteingesessenen Familien, die über ein Vermögen schon über einen langen Zeitraum verfügen und daher auch bereits eine entsprechende Bindungen an Privatbankhäuser oder ausgeprägtes Private Banking von Großbanken haben. Das gibt es hier nicht. Das heißt die Kunden gehen ohne oder mit sehr wenig Erfahrung an die Sache ran."

Im Großen und Ganzen teilt sich die Menge der Wohlhabenden in zwei Gruppen, wie Schober erklärt. Da sind zunächst diejenigen die durch Restitution ihr Vermögen nach 1989 zurückerhalten haben oder inzwischen auch erste Erbschaften aus Vermögen, die verschiedene Herkunft haben können. Die zweite große Gruppe sind die, die nach der politischen Wende Firmen aufgebaut haben und dort sehr gute Einnahmen haben. Manche haben auch bereits ihre gut gehenden Unternehmen weiterverkauft.

Ein solcher wohlhabender Unternehmer ist Ilja Mracek. 2003 gründete er nach einer erfolgreichen Karriere in internationalen Unternehmen eine eigene Firma. Sein Unternehmen "Gentest" bietet genetische Untersuchungen für Manager, etwa um eine erhöhte Thrombosegefahr bei Langzeitflügen frühzeitig zu erkennen. Mracek ist Private Banking Kunde bereits seit etwa 1992. Ganz anders als bei seinen Retail-Geschäften, wo er oft die Bank wechselt, ist Mracek beim Private Banking seiner Bank treu:

"In dieser Zeit habe ich einen Flyer der Tschechischen Gewerbebank gelesen, deren Kunde ich bin. Die angebotenen Dienste haben mich angesprochen und ich war dann auch zufrieden damit, wie sie ausgeführt wurden, deshalb bin ich bis heute dort geblieben."

Das findet Mracek keineswegs selbstverständlich. Er hatte einige Private Banking Berater getroffen, bevor er sich entschied. Überzeugen konnte ihn nur eine Bank. Er sagt:

"Das mag dumm klingen, aber sie waren in der Lage mit mir auf einer professionellen Ebene zu kommunizieren - im Gegensatz zu einigen anderen Banken, deren Professionalität geringer war als meine, und dabei sind meine Kenntnisse nur gering. Sie konnten hervorragend mit den Fachausdrücken umgehen und hatten was das betrifft ein fundiertes Wissen. Aber in dem Moment als klar wurde, dass auch ich diese Terminologie beherrsche und mich orientieren kann, wurde es peinlich. Sie wissen nicht, was hinter den Ausdrücken steckt. Sie haben mir erklärt, dass Aktien immer riskanter sind als Anleihen, dabei kann es durchaus auch umgekehrt sein. Und das scheint mir doch sehr schlecht, wenn ein professioneller Bankangestellter solche Sachen nicht weiß."

Mraceks Erfahrung weist auf das grundlegende Problem des Private Banking Sektors in Tschechien hin: Banken, die behaupten, dass sie diesen Service anbieten gibt es viele. Banken, die tatsächlich inhaltlich die Dienstleistung Private Banking anbieten, sind darunter aber nur wenige. Auch Ines Schober räumt da Nachholbedarf ein:

"Sowohl in den Umgangsformen, in der Behandlung der Kunden, in dem gesamten Aufbau dieses speziellen Bereiches, was Anonymität, Diskretion und so weiter betrifft, da stecken wir noch weit hinten zurück, auch vom Angebot der Produkte und von der Qualität der Berater her. Da haben Sie auch sehr, sehr starke Unterschiede zwischen den einzelnen Banken hier."

Eine andere Schwäche ist, dass viele Banken glauben, ihre Strategie, die etwa in der Schweiz erfolgreich war, auf Tschechien einfach übertragen und einfach Mitarbeiter aus der Zentrale entsenden zu können. Um Wertpapiere zu verkaufen, kann das ausreichen, es funktioniert allerdings nicht immer. Wenn etwa ein Unternehmer dahingehend beraten werden soll, möglichst wenig Steuern zu zahlen, muss der Private Banker schon genau die Rechtslage in Tschechien kennen. Schober sagt:

"Was das Technische betrifft, da sollte natürlich das Know-how transferiert werden. Aber was die persönliche Betreuung betrifft, die muss dem einzelnen Land angepasst werden. Das ist gerade das Problem, wo etwa die Schweizer Banken Schwierigkeiten mit haben: sie brauchen den Zugang zum Markt über die Mentalität und über einheimische Leute. Sonst schafft man es nicht."

Einen Unterschied in der Mentalität zwischen den neuen und den alten EU-Ländern haben die Bankanalysten Gregor Broschinski und Jozef Komornik in einer Untersuchung herausgestellt: Während die Wohlhabenden in den EU-15 Ländern gerne mit riskanteren aber einträglichen Geldanlagen ihr Vermögen vermehren, sichern die reichen neuen EU-Bürger lieber ihr Gespartes mit so genannten konservativen Geldanlagen, die weniger Risiko aber auch weniger Gewinn versprechen. Die These der beiden Experten: Es sei riskant genug gewesen, in Mittelosteuropa ein Geschäft aufzubauen, da gehe es den Betroffenen nur noch darum, das Gewonnene zu sichern. Indirekt bestätigt dies Ilja Mracek:

"Ich selbst bin, was das angeht, konservativ. Der Grund ist ganz einfach: Das was mich ernährt ist nicht die Spekulation mit Wertpapieren, sondern eine ganz andere Arbeit, meine Firma Gentest. Wenn ich wirklich mit Geldgeschäften Gewinne machen wollte, müsste ich mich ganz in dieses komplizierte Thema einarbeiten und mich jeden Tag genau informieren, um das Risiko tragen zu können."

Genau das sollten Unternehmer wie Mracek jedoch eines Tages vertrauensvoll in die Hände des Bankers legen, so die Hoffnung der Banken. Offenbar ist es noch nicht so weit. Aber man ist schon einen erheblichen Schritt weiter als zu Beginn des Private Bankings in Tschechien in den Neunzigern, glaubt Schober:

"Das Vertrauen in die Banken hier ist gewachsen. Die sind ja auch alle in ausländischer Hand und stabil. Das Know-how wächst, der Service wächst. Wenn man keinen unlauteren Grund hatte das Geld außer Landes zu schaffen, dann kann man sich inzwischen im Land selbst auch zwar noch nicht auf so hohem Niveau wie in der Schweiz aber doch sehr gut beraten lassen."