Zug mit Brennelementen traf ohne Zwischenfälle in Temelin ein

Radioactive

Noch vor kurzem schauten die tschechischen Fernsehzuschauer zum Teil ungläubig nach Deutschland, als sie die Bilder vom letzten Castor-Transport nach Gorleben in ihre Wohnzimmer geliefert bekamen. Nur schleppend und unter massivem Polizeieinsatz kam der Zug voran und die radioaktive Ladung an ihren Bestimmungsort, da sich Umweltaktivisten und Linksradikale immer wieder einfallsreich in den Weg stellten. Ein solches Szenarium blieb dem Antransport der Uranbrennstäbe für das südböhmische Atomkraftwerk Temelin am letzten Wochenende erspart. Lothar Martin kennt die Gründe:

Der mit den Brennelementen für das AKW Temelin beladene Zug ist am Sonntag Nachmittag planmäßig und ohne Zwischenfälle in seinem Zielort angekommen. Der Grund dafür war ganz simpel: sowohl die Streckenführung als auch die Durchfahrtszeiten unterlagen strengster Geheimhaltung! Deshalb war auch nur ganz wenigen Leuten bekannt, dass das Uran an Bord des amerikanischen Frachters "Andromeda" am Samstag im nordwestpolnischen Hafen Szeczecin/Stettin eingetroffen und danach auf die bereitstehenden Eisenbahnwaggons umgeladen war. Selbst der Stadtpräsident von Stettin hatte nach eigenen Angaben erst am Vortag von der uranhaltigen Fracht erfahren. Dieses Vorgehen erinnere an die Zeiten der kommunistischen Volksrepublik, kritisierte der ehemalige Umweltminister Radoslaw Gawlik im polnischen Rundfunk.

Auch in Tschechien erhitzten sich zum Teil die Gemüter bei den Bürgermeistern jener Städte, die der Zug auf seiner Route von Stettin nach Temelin durchquert hatte. Der Bürgermeister von Letohrad in Ostböhmen, Petr Siller, zeigte auf der einen Seite Verständnis für die Geheimhaltung des Transports, sagte aber auch: "Über den Transport hätten die Bürgermeister der Städte, durch die der Zug rollte, Bescheid wissen müssen, um für alle Fälle entsprechende Sicherheitsvorkehrungen treffen zu können. So sollten zum Beispiel die Vertreter der Zivilverteidigung darüber im Bilde sein. Hauptsächlich geht es aber darum, wie man sich unter solchen Voraussetzungen eigentlich eine gute Zusammenarbeit vorstellt!"

Der Leiter des AKW´s Temelin, Frantisek Hezoucky erklärte, dass dieser Transport in keinster Weise eine Gefahr für die Bevölkerung dargestellt habe. Zudem ließen sich die Brennstäbe auch nicht für militärische Zwecke verwenden. Dennoch hätte der Transport geheim bleiben müssen, sagte Hezoucky und begründete dies wie folgt: "Zum einen wegen des medialen Missbrauchs. Es ist leider sehr in Mode gekommen, dass Umweltaktivisten mit ihren Aktionen ständig auf sich aufmerksam machen wollen. Und zum zweiten, weil es sich um ein sehr teures Erzeugnis handelt, das im Falle einer eventuellem Beschädigung dem Lieferanten oder aber dem Abnehmer buchstäblich sehr teuer zu stehen kommen würde."

Bleibt zu konstatieren, dass nun auch in Tschechien und Polen Transporte von radioaktivem Material kritischer beäugt werden. Umweltgruppen im schlesischen Wroclaw/Breslau kündigten bereits Proteste gegen künftige Transporte an. Doch hilfreich sind solche Aktionen nur bedingt. Entscheidend bleibt die Frage: Will man mehrheitlich die atomare Stromerzeugung oder nicht? Ohne die Klärung dieser Frage dreht man sich immer nur im Kreis.