Premier und Minister: Atomkraft bleibt Hauptenergiequelle in Tschechien

Karel Havlíček und Andrej Babiš beim Besuch des Atomkraftwerks Temelín

Zu den Veranstaltungen, die voriges Jahr wegen der Coronavirus-Pandemie ausfielen, gehörte auch der Tag der offenen Tür im südböhmischen Atomkraftwerk Temelín. Am Samstag fand diese öffentlichkeitswirksame Besichtigung für das Jahr 2021 statt. Unter den Gästen waren unter anderen zwei Regierungsmitglieder. Während ihres Besuchs äußerten sie sich auch zur Zukunft der Kernkraft in Tschechien.

Illustrationsfoto: analogicus,  Pixabay,  CC0

Die Regierung von Premier Andrej Babiš (Ano) steckt in den letzten Zügen ihrer Amtszeit. Nach den Parlamentswahlen im Oktober wird sich vermutlich ein neues Kabinett bilden. Das hielt den Regierungschef und den Minister für Industrie und Handel, Karel Havlíček (parteilos), jedoch nicht davon ab, den größten Stromerzeuger des Landes auf ihrer Abschiedstour zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit sprachen sie auch über die Zukunft der Energiegewinnung in Tschechien. Ihr eindeutiger Tenor: Oberste Priorität hat weiter die Atomkraft.

Wirtschaftsminister Havlíček verwies zunächst darauf, dass sich der Ausstieg aus der Kohleförderung bis weit in die 2030er Jahre hinein hinziehen wird. Damit würde sich die Kapazität der Stromerzeugung – Stand heute – um 10.000 Megawatt reduzieren. Dies wolle man durch den Neubau eines weiteren Reaktors im südmährischen Atomkraft Dukovany, der zu Mitte der 2030er Jahre fertiggestellt sein soll, teilweise ausgleichen, erklärte Havlíček. Doch dies reiche noch nicht aus. Deshalb müsse ein Ausbau des Akw Temelín in Betracht gezogen werden, ergänzte der Minister und setzte fort:

Atomkraftwerk Temelín | Foto: centralniak,  Flickr,  CC BY 2.0

„Wenn wir eine stabile Energiequelle haben wollen, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass in Temelín zwei neue Reaktorblöcke entstehen. Natürlich ist dies auch eine Frage der Finanzierung, und darüber wird es eine große Diskussion geben. Es wird darum gehen, die Investitionen so aufzuteilen, dass den schrittweisen Ausbau der Kernkraft zu einem vernünftigen Anteil auch das Unternehmen ČEZ übernimmt.“

Überhaupt müsse der halbstaatliche Energiekonzern ČEZ noch stärker bei der Planung der künftigen Stromerzeugung in Erscheinung treten, sagte Premier Babiš. Für ihn war es schon ein Fehler, dass man den einstigen Monopolanbieter habe teilweise privatisieren lassen. Denn mit den Kleinaktionären, die jetzt mit im Boot sitzen, sei alles komplizierter geworden. Diese seien nicht an einer Energiegewinnung zum Zwecke der Selbstversorgung interessiert, sondern nur an einer hohen Dividende, monierte Babiš. Zudem kritisierte der Regierungschef den Fakt, zum Ausbau von Temelín bereits viel Zeit verloren zu haben. Dies warf er besonders seinem Vorgänger im Amt, dem sozialdemokratischen Premier Bohumil Sobotka, vor. Dieser habe die Pläne zum Ausbau von Temelín im Jahr 2014 scheitern lassen, so Babiš:

Andrej Babiš | Foto: Václav Koblenc,  ČTK

„Das Auswahlverfahren war organisiert, wir haben mehrere Milliarden Kronen dafür ausgegeben. Ich erachte das als großen Fehler, denn Temelín war für den Ausbau vorbereitet und dieser ist meiner Meinung nach auch einfacher umzusetzen. Wir müssen zu diesem Vorhaben zurückkehren, denn die Energiebilanz sieht perspektivisch so aus, dass die restliche Stromerzeugung nicht reichen wird.“

Nach Aussage von Babiš müsse der Staat zudem versuchen, einen strategischen Partner für die Erweiterung von Temelín zu finden, zum Beispiel in Frankreich.

Eine differenzierte Meinung zum Ausbau der Atomkraft haben die Vertreter von Fachverbänden und weitere Experten. Sie kritisieren vor allem die Rückständigkeit einiger Energiegesetze in Tschechien. Der Ausbau der erneuerbaren Energien, die Nutzung von Energieeinsparpotenzialen oder die Entwicklung einer sauberen Mobilität würden weiterhin stagnieren, sagte der Programmdirektor des Verbandes für moderne Energiewirtschaft, Martin Sedlák.

Infozentrum in Temelín | Foto: Plechovka,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0

Und wie stehen die Tschechen selbst zur Energiegewinnung? Viele finden es gut, dass ihr Land weiter auf die Kernkraft setzt. Davon zeugt auch der Andrang der Besucher zum Tag der offenen Tür im Akw Temelín. Die Verwalterin des örtlichen Infozentrums, Hana Marečková:

„Innerhalb von 48 Stunden war unser Angebot für eine Führung im Kraftwerk vollkommen ausgebucht. Wir haben den Bus mit 32 Plätzen insgesamt neun Mal belegt. Die Besucher wollten alle unbedingt das Innere eines Kühlturmes sehen.“

Vollkommen anders sieht aber die Begeisterung für die Lagerung des Atommülls aus. Hier stellen sich bislang alle Gemeinden, die in die engere Auswahl für die Errichtung eines Endlagers gezogen wurden, gegen diese Pläne.

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Autoren: Lothar Martin , Petr Kubát
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