„Zwölf Jahre gibt dir keiner zurück“ – František Šedivý über die Haft in den tschechischen Urangruben

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Er war kurz vor seinem Studienabschluss: 1953 schickte das kommunistische Regime den Widerstandskämpfer František Šedivý zur Zwangsarbeit ins Uranbergwerk. Als einer von über 60.000 in der Tschechoslowakei musste Šedivý Uran abbauen – für die Atomwaffen der Sowjetunion. Nun sind František Šedivýs Erinnerungen an diese Zeit auch auf Deutsch erschienen. Sie erzählen von Hunger, Schikanen und einem Kapitel der tschechischen Geschichte, das bis heute nur oberflächlich aufgearbeitet wurde.

František Šedivý (Foto: Hynek Moravec, Archiv Post Bellum)
František Šedivý ist 88 Jahre alt – und arbeitet noch immer. Als zweiter Vorsitzender der Konföderation der politischen Häftlinge ist er regelmäßig im Verbandsbüro in Prag anzutreffen. Verfolgt wurde Šedivý von zwei Regimen. 1944 musste er Zwangsarbeit für die Nazis leisten. Nach der Befreiung studierte er Wirtschaft.

„Der Krieg war vorbei, und wir dachten, damit sei auch die Ära der Gewalt zu Ende. Aber so war es nicht. Nach dem Putsch von 1948 begann es von neuem. Das lag am neuen System: Die Kommunisten wollten die Menschen mit Gewalt erniedrigen. Wir haben das nicht ausgehalten. Wir wollten aufklären und gewissermaßen intellektuell auf unsere Mitbürger einwirken – um zu zeigen, worum es diesem Kommunismus eigentlich geht. Denn das war vielen am Anfang nicht bewusst.“

František Šedivý hilft Menschen, die vor den Repressalien der Kommunisten ins Ausland fliehen. Gemeinsam mit Kommilitonen gründet er eine Widerstands-gruppe. Sie verteilen Flugblätter und versuchen ihre Umwelt aufzurütteln.

Treppe zum Arbeitslager in Jáchymov (Foto: Hynek Moravec, CC BY-SA 3.0)
„Die Zustände lassen sich heute schwer beschreiben. Nehmen wir zum Beispiel eine Gruppe von 100 Menschen an einer beliebigen Fakultät. Von 100 waren 50 eiserne Antikommunisten. Die anderen 50 aber waren unentschlossen und wussten nicht, was sie tun sollen: sich den Kommunisten anschließen, oder nicht? Wenn man es tat, hatte man bestimmte Vorteile. Wenn nicht, hatte man Nachteile, im schlimmsten Fall drohte Gefängnis. Und gerade auf diese 50 einzuwirken, die noch überlegt haben, das war sehr schwer.“

Šedivý und seine Mitstreiter versuchen es – und fliegen auf. Im Mai 1952 wird er festgenommen. Der 25-Jährige hatte sich kurz zuvor verlobt, eine Prüfung fehlte ihm noch zum Diplom als Wirtschaftswissenschaftler. Stattdessen: U-Haft, Verhöre, schließlich das Gerichtsverfahren. Wegen Hochverrat und Spionage wird Šedivý zu 14 Jahren Haft verurteilt. 1953 kommt er nach Jáchymov / Joachimsthal ins böhmische Erzgebirge. Offiziell ist es ein „Arbeitsbesserungs-lager“. František Šedivý beschreibt ein System, das den nationalsozialistischen Konzentrationslagern gleicht:

Nancy Aris (Foto: Ordercrazy, CC0 1.0)
„Wenn man nach Joachimsthal kam, bekam man eine Nummer. Ich hatte die A011333. Das vergesse ich nie. Wenn sie etwas von dir wollten, musstest du die Nummer sagen. Der Name hat sie nicht interessiert. Man musste also sagen, es meldet sich Häftlinge Nummer soundso. Beim Rapport, überall.“

Ob es tatsächlich Konzentrationslager waren, ist in der Forschung umstritten. Fest steht: Die 17 Lager, die ab 1945 in der Tschechoslowakei entstanden, dienten dem Atomwaffenprogramm der Sowjetunion. Nancy Aris ist die stellvertretende Beauftragte für die Stasiunterlagen in Sachsen und Mitherausgeberin von František Šedivýs Erinnerungen. Sie hat sich mit dem Uranabbau im Erzgebirge beschäftigt, auf deutscher, aber auch auf tschechischer Seite:



„Ganz am Anfang stand Marie Curie. Sie hat mit dem Abraum aus Joachimsthal ihre ersten Versuche gemacht und konnte Radioaktivität nachweisen. Die Nationalsozialisten haben das Gebiet dann besetzt und das Uran genutzt. 1945 stellte sich heraus, dass die Sowjetunion über keine eigenen sofort arbeitsfähigen Uranförderstätten verfügte. Der Atombombenabwurf von Hiroshima und Nagasaki zeigte den Sowjets sehr deutlich, dass sie zwei Jahre in der militärischen Entwicklung zurücklagen.“

Das Erzgebirge in Sachsen und Böhmen wird zur Urangrube der Sowjetunion. Beim staatlichen Uranabbauunternehmen der DDR, bei der Wismut, blieb es bei Ansätzen für ein Lagersystem. In der Tschechoslowakei hingegen wurden die Unerwünschten zur Zwangsarbeit abgeschoben. Grob kann man das in drei Phasen einteilen, sagt Nancy Aris:

Turm des Todes im Lager Vykmanov (Foto: Jiří Paclík, Public Domain)
„Das waren von 1945 bis 1950 deutsche Kriegsgefangene. Sie kamen entweder aus dem Territorium der Tschechoslowakei oder aus der Sowjetunion. Dann gab es von 1949 an Zwangsarbeitslager. Dort wurden nach dem kommunistischen Putsch von 1948 Menschen ohne Gerichtsurteil eingewiesen. Sie konnten ‚zur Erziehung‘ drei Monate bis zu zwei Jahren festgesetzt werden. 1950 wurde das gestoppt, auch das Gesetz, das dies legalisiert hatte. Dann begann die Ära der sogenannten Arbeitsbesserungslager. In diese Zeit fällt auch František Šedivý. Es waren politische Häftlinge mit hohen Strafen, die dann in diese Lager kamen.“

Zu Beginn der 1950er Jahre herrschen die schlimmsten Zustände. 30 Mann bekommen im Lager Vykmanov an einem Tag zusammen einen Laib Brot. Drei Mal wöchentlich gibt es eine Suppe aus verdorbenen Zutaten. „Sie stammte wahrscheinlich noch aus Zeiten des Protektorats“, schreibt Šedivý.

František Šedivý (Foto: Archiv Post Bellum)
„Es war etwa um 1953, als dieser Hunger wirklich seinen Höhepunkt erreichte. Das war ein Hunger, ich würde sagen: mit großem H. Die Menschen sind zwar nicht daran gestorben, sie haben sich noch irgendwie aufrecht gehalten. Irgend-eine Art von Arbeit konnten sie noch verrichten, aber es war mit allerletzter Kraft.“

Um mehr Nahrung zu erhalten müssen die Häftlinge eine Norm von 130 Prozent erfüllen – unmöglich. Im Uranschacht ist es am härtesten. Ohne Schutzkleidung arbeiten sie mit dem gefährlichen Material.

„Das geringwertige Erz wurde im sogenannten OTK bearbeitet – dort haben fast nur Häftlinge gearbeitet. Dort wurde das Uran bearbeitet, veladen und in die Sowjetunion transportiert. Nur an den Kontrollstellen waren Zivilisten. Dieses Lager war das schlimmste. Dort gab es den sogenannten Todesturm. Den Staub, den die Flüchtlinge dort eingeatmet haben, hat sie buchstäblich umgebracht.“

Šedivý entgeht dem schlimmsten Kommando. Was ihm zusetzt, ist die Isolation. In den ersten beiden Jahren bekommt er zweimal Besuch. Briefe sind nur auf Antrag und gegen Leistung zugelassen. Untergebracht sind die Häftlinge in Baracken. 14 Mann liegen dort in einem Raum, geheizt wird nur von Oktober bis Mitte April.

Lager Vojna (Foto: Archiv des Projektes Moderní dějiny / Moderne Geschichte)
„Nach 1954, 1955 haben sich die Verhältnisse geändert. Ich würde nicht sagen, dass sie gut waren, aber doch so, dass man überleben konnte.“

František Šedivý durchläuft die Lager Vykmanov, Vojna und Bytíz. Arbeitet in der Grube, im Straßen- und im Siedlungsbau. Sobald das Uranvorkommen an einem Ort erschöpft ist, wird die nächste Grube erschlossen. Anfang der 1960er Jahre ist der Verkauf des Urans an die Sowjetunion kaum noch lukrativ. Die Gefangenen werden sukzessive entlassen. František Šedivý gehört zu den letzten, die gehen. Ein Gnadengesuch lehnte er ab – es wäre einem Schuldeingeständnis gleichgekommen:

František Šedivý (links) auf einem Hochzeitsfoto 1964 (Foto: Archiv von František Šedivý)
„Ich sagte Nein, ein Gnadengesuch werde ich nicht einreichen. Meine Mama war gestorben. Meine Freundin hatte längst einen anderen geheiratet. Mein Bruder war im Ausland, und mein Vater war tot. Ich hatte überhaupt keinen Grund, schnell dort herauszuwollen.“

Fast zwölf Jahre nach der Verhaftung, am 21. Januar 1964, wird František Šedivý schließlich entlassen. Er versucht ins Leben zurückzufinden. Zunächst wird er Schweißer, dann arbeitet er in einer Autowerkstatt.

„Dazwischen wurde auf meinen Antrag das Gerichtsverfahren wieder aufgerollt. 1965 war das, und 1966 haben wir gewonnen. Nach diesen hohen Strafen, die wir abgesessen hatten, zwölf Jahre, zehn Jahre, bekamen wir einen Freispruch. Das war fast schon Ironie. Gebracht hat es natürlich nichts. Zwölf Jahre bringt keiner zurück. Man kann natürlich sagen: Entschuldigung. Aber das ist ja nur ein Wort. Zwölf Jahre kann dir niemand zurückgeben.“

Gedenkstätte Vojna (Foto: Martina Schneibergová)
Kurz vor dem Prager Frühling darf František Šedivý doch noch sein Studium abschließen. Er heiratet, arbeitet als Übersetzer und schließlich als Wirtschaftsexperte bei einem Verlag. Erst nach der politischen Wende von 1989 kann er über seine Haft öffentlich sprechen. Doch bis heute sind die Opfer in einer isolierten Position, glaubt Nancy Aris. Immerhin, bei Příbram gibt es seit 2005 die Gedenkstätte Vojna...

„Doch angesichts der Größenordnung schockiert es mich, dass es so wenig präsent ist in der tschechischen Gesellschaft. Wir sprechen von 60.000 bis 80.000 Menschen. Und wenn man sich die Homepage der Gedenkstätte ansieht, so ist das ein Sammelsurium zwischen Bergbaumuseum und Events für Kinder. Und nebenbei eben noch eine Gedenkstätte. Andererseits ist es natürlich gut, dass sie überhaupt existiert, um daran zu erinnern. Darum wollten wir das Buch auch unbedingt machen – weil die Vorgänge so gut wie gar nicht bekannt sind.“

František Šedivý begann auf Anregung seines Bruders zu schreiben und hat mehrere Zeitzeugenberichte verfasst. Es war ihm unangenehm, über sich selbst zu schreiben – darum heißt der Protagonist seines Buches Pavel. Erzählt wird jedoch die Geschichte von František. Sein Engagement für die Konföderation der politischen Häftlinge ist bis heute sein Lebensinhalt. Doch geholfen hat es nur wenig:

„Es ist eine Tragödie, dass die Täter nicht bestraft wurden. Die Menschen, die dafür verantwortlich waren, verließen sich darauf, dass Straftaten nicht geahndet werden. Und das ist ein großer Fehler, ein großer moralischer Fehler. Dadurch verliert die ganze Gesellschaft.“


Das Buch „Uran für die Sowjetuntion“ mit den Erinnerungen von František Šedivý und einem Vorwort von Nancy Aris und František Bartík ist bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erschienen. Wir verlosen unter unseren Hörern drei Exemplare. Bitte schreiben Sie uns bis zum 28. November eine Email unter deutsch@radio.cz