10. tschechisch-deutsches Symposium in Jihlava

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Zum 10. Mal bereits kamen in der an der Scheidelinie zwischen Böhmen und Mähren liegenden Stadt Jihlava/Iglau Historiker, Politiker, Politologen, Diplomaten und Publizisten zu den traditionellen tschechisch-deutschen Gesprächen zusammen. Das diesjährige Motto der Konferenz und dementsprechend auch ihr Inhalt war nicht ausschließlich auf das tschechisch-deutsche Verhältnis bezogen. "Nationale Identität und europäische Einigung" war das Leitmotto des Treffens, über das Sie in der heutigen Begegnungen-Ausgabe etwas mehr erfahren können. Am Mikrophon begrüßt Sie Jitka Mladkova.

Dass ausgerechnet Jihlava/Iglau vor zehn Jahren für die tschechisch-deutschen Gespräche ausgewählt wurde, war kein Zufall. Bis zum 2. Weltkrieg hatten Deutsche einen hohen Anteil an der Gesamtzahl der Stadtbevölkerung. Genauer gesagt, Jihlava galt im Prinzip als eine der deutschsprachigen Inseln im Lande. Somit bot sich diese Stadt mit ihrer auf eine 700Jahre alte Symbiose von Tschechen und Deutschen, Christen und Juden zurückblickenden Geschichte als der richtige Ort für wiederholte Begegnungen an. Ein offener Dialog über zum Teil auch delikate, ja auch schmerzliche Themen sollte hier geführt werden. Einer der prominenten Gäste der Iglauer Gespräche 2001, die bundesdeutsche Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, fand noch ein Bindeglied zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, und zwar den Komponisten Gustav Mahler, der die ersten 15 Jahre seines Lebens eben in Iglau verbracht hatte. Däubler-Gmelin brachte die aus der Geschichte herrührenden Fakten auf folgende Formel:

Die deutsche Justizministerin machte einen kleinen historischen Exkurs, um die von ihr unterstrichene zeitgeschichtliche Kontinuität mit weiteren Fakten zu untermauern. Ihr Anliegen allerdings, mit dem sie nach Jihlava kam, war ein anderes: Im Rahmen der Debatte über die Zukunft und Ziele der europäischen Vereinigung stellte sie die Europäische Grundrechtecharta vor, die im Dezember 2000 auf dem EU-Gipfel in Nizza verabschiedet wurde. Das Dokument bezeichnete sie als eine Grundlage, auf der ...:

Das neue Gesetzeswerk der EU, das in 7 Kapiteln und 54 Artikeln grundlegende Rechte der Europäer definiert, wie z.B. das Recht auf Würde, Bürgerrechte, Justizgewährleistungsrechte, und auch das Verbot von Diskriminierungen aller Arten beinhaltet, präsentierte die Ministerin als ein Gemeinschaftswerk:

Das Zustandekommen der Europäischen Grundrechtecharta ist trotz unterschiedlicher Einschätzungen ein bedeutendes Ereignis. Die Umsetzung vor allem solcher Gedanken wie z.B. "nie wieder darf ein Land ein anderes Land überfallen" oder " nie wieder darf eine Minderheit ausgegrenzt oder vertrieben werden" wird aber wohl ein langwieriger Prozess sein.

Die in Jihlava besprochenen, zum Teil eben kontroversen Themen haben logischerweise Fragen ausgelöst sowie die Suche nach Antworten initiiert. Eines der Referate dieser Sorte hat der tschechische Senatspräsident Petr Pithart vorgetragen - zu einem Thema, das er selbst als kontrovers bezeichnete: "Nationale Interessen in dem sich neu formierenden Europa". Wer sind diese Europäer, die sich mit der Frage nach der Einheit und der Unterschiedlichkeit plagten, fragte sich Pithart und führte dazu weiter aus:

"Diesen Kontinent kennzeichnet kaum etwas mehr als einerseits die Suche nach einer Einheit, und auf der anderen Seite die Sorge, dass sich die Europäer in Europa irgendwie auflösen - als Italiener, Franzosen, Briten oder aber als Protestanten, Katholiken, Konfessionslose etc. Diese beiden Tendenzen waren nie ausgeglichen, Europa war immer von nationalpartikularen Tendenzen, aber auch von universal orientierten nationalen Imperialismen bedroht".

Nun geht es also darum, das für ein stabiles Europa nützliche Gleichgewicht zu finden. In einem Europa, so Pithart, wo der Nationalismus, Chauvinismus, Rassismus und die Xenophobie immer noch als risikoreiche Einstellungen zum Vorschein kommen. Diese bedrohen Europa im Namen der einen oder der anderen Idee bzw. im Namen einer einseitigen Besessenheit. In den postkommunistischen Ländern überwiegen laut Pithart in der Wahrnehmung der nationalen Interessen eher ihre ethnischen Dimensionen. Er warnte aber ausdrücklich davor, dass diesem Begriff der aus dem 19. Jahrhundert stammende Inhalt verliehen wird. Auf der anderen Seite dürfen nationale Interessen nicht als ein Relikt oder sogar verbotene Früchte gelten, meinte Pithart:

"In unserem Staatsinteresse sei es aber, Bestandteil eines solchen sich vereinigenden Europa zu werden, das die ethnischen, oder wenn Sie wollen , die nationalen, kulturellen und regionalen Spezifika in sich einbezieht und respektiert. In einem Europa, das seine Vielfarbigkeit verteidigen kann gegenüber dem gleichschaltenden Druck jeder Art - sei es durch die Medien, durch die multinationalen Gesellschaften und ähnliches".

Natürlich ist nicht jede positive Beziehung zum eigenen Land, seinem Volk und der eigenen Identität als ein Ausdruck des Nationalismus abzuwerten. Die Grenze zwischen "national" und "nationalistisch" bleibt jedoch fließend. Was ist nun hingegen das Spezifische des Europäischen, lässt es sich überhaupt definieren? Unter Hinweis auf die Ereignisse des Vorjahres, als die sogenannten Drei Weisen von der EU nach Österreich mit der Mission entsandt wurden, vor Ort herauszufinden, ob dieses Land sich im Einklang mit den europäischen Kriterien entwickele., meldete sich Univprof. Peter Kampits aus Wien mit einem ganzen Katalog von Fragen zu Worte:

Die diskutierten Themen haben den Rahmen der traditionellen tschechisch-deutschen Iglauer Gespräche weit überschritten. Diesbezüglich gab es auch Stimmen, die danach riefen, die bisherigen Erfahrungen aus dem tschechisch-deutschen Dialog zu verwerten und ihn zu einem mitteleuropäischen auszuweiten.

Die Stimmen einer kroatischen Konferenzteilnehmerin und weiterer Teilnehmer wurden offensichtlich erhört: Man habe sich für eine radikale Änderung entschieden, das nächste Mal wolle man schon neben Demokraten aus Tschechien und Deutschland auch Vertreter anderer mitteleuropäischer Parteien miteinbeziehen, informierte der Politologe Jaroslav Sabata, einer der langjährigen Organisatoren des Treffens, zum Abschluss der Konferenz.