Iglauer Gespräche: Können wir uns erinnern?

Die Iglauer Gespräche wurden bereits zur tschechisch-deutschen Tradition. Am vergangenen Wochenende haben sich zum 14. Mal Politiker, Historiker und Vertreter von Verbänden in Jihlava (Iglau) zusammengefunden, um über das kollektive Gedächtnis und seine politische Umsetzung zu sprechen. Bára Procházková war dabei:

Die Organisatoren der Konferenz - die Bernard-Bolzano-Stiftung und die katholische Ackermann-Gemeinde - haben als diesjähriges Motto eine Frage gestellt: "Können wir uns erinnern?" Alle 180 Teilnehmer waren sich einig, dass man sich erinnern muss. Aber auch nach dem Ende der Konferenz bleibt offen, wie man sich erinnern sollte.

Das einführende Referat hat Professor Alfred Grosser aus Paris übernommen, und er hat sich eindeutig gegen die Kollektivschuld sowie gegen die Existenz einer Kollektiverinnerung ausgesprochen. Die Kollektivschuld müsse man durch den Begriff der Kollektivhaftung ersetzen, und ein kollektives Gedächtnis existiere gar nicht, so Grosser:

"Ich habe heute Abend sehr viel gegen die Kollektiverinnerung gesprochen. Kollektiverinnerung ist etwas, was überliefert worden ist aus der Zeit, in der man selber noch gar nicht gelebt hat, also kann man sich daran gar nicht erinnern. Und es hätte auch anders überliefert werden können."

Ein Mittelpunkt der Diskussionen in Jihlava waren institutionelle Darstellungen der Erinnerung in unterschiedlichen Formen. Die Mehrheit der Konferenzteilnehmer war sich einig, dass ein Zentrum gegen Vertreibungen entstehen sollte - es herrschte jedoch kein Konsens über die Form so einer Stätte. Ein Befürworter des Zentrums gegen Vertreibungen ist auch der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft katholischer Vertriebenenverbände, Herbert Werner. Nach seiner Ansicht kann man sich nur gemeinsam erinnern, deshalb sollte ein internationales Zentrum in Berlin entstehen:

"In einer zentralen Gedenkstätte lassen sich die Dinge in der Gesamtschau - ich bitte den Begriff zu beachten - in der Gesamtschau besser darstellen, als wenn wir regionale oder landsmannschaftliche Darstellungen haben. Diese können hervorragend sein. Aber sie geben jeweils einen einzelnen Ausschnitt aus der Vertreibung und aus der Erfahrungswelt von Menschen wieder, die miteinander gelebt haben und dann getrennt vertrieben wurden. Deswegen braucht es eine gemeinsame Erinnerungsstätte."

Die tschechische Sicht zur Entstehung eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin fasst der Publizist Vaclav Zak zusammen:

"Ich bin davon überzeugt, dass es den Tschechen relativ egal ist, ob dieses Zentrum in Berlin entsteht oder nicht. Das einzige, was sie interessiert, ist, ob eine Gefahr besteht, dass Deutschland die Eigentumsforderungen wieder öffnet. Da sind die Tschechen besonders sensibel. Sonst wollen sie den Deutschen nicht befehlen, was sie über die eigene Geschichte denken sollen. Das machen leider einige unserer polnischen Kollegen."

Der deutsch-tschechische Rahmen wurde durch die Anwesenheit von Experten aus Österreich, Polen, der Slowakei sowie aus Frankreich erweitert. Das Iglauer Symposium solle also nicht nur eine bilaterale Konferenz bleiben, sondern sich in den kommenden Jahren zu einer mitteleuropäischen Plattform entwickeln, sagte Ondrej Matejka von der Bernard-Bolzano-Stiftung.