1500 Bananenkisten Fundstücke: Archäologische Forschungen beim Ausbau des Prager Autobahnrings
Der östliche Bogen des Prager Autobahnrings wird derzeit weiter ausgebaut. Im Vorfeld haben Archäologen ein Jahr lang das Gelände untersucht – und haben eine große Anzahl an Funden zutage gefördert. Die historische Zeitspanne bei diesen reicht von der Steinzeit bis ins Römische Reich. Vergangene Woche haben die Wissenschaftler erstmals die archäologischen Stücke präsentiert.
Es sind Stücke aus Gold, Kupfer oder auch nur Stein – und zwar kistenweise. Sie alle stammen von den 13 Kilometern Großbaustelle am östlichen Rand von Prag, wo der Autobahnring weitergebaut wird. Archäologen haben die Artefakte aus dem Boden geholt, bevor die großen Bagger kamen. Die Fundstücke belegen eine intensive Besiedlung der Gegend von der Steinzeit bis in die Neuzeit. Die schönsten Stücke sind nun in einer Ausstellung zu sehen. Bei einer Pressekonferenz der beteiligten Institutionen wurden sie vergangene Woche in den Räumen der tschechischen Akademie der Wissenschaften (Akademie věd ČR) vorgestellt. Jan Mařík leitet das Archäologische Institut an der Akademie und sagte gegenüber Radio Prag International:
„Die archäologischen Untersuchungen wurden auf einer Fläche von 126 Hektar durchgeführt. Damit haben sie zu den größten solchen Arbeiten gehört, die in den letzten Jahren auf tschechischem Boden unternommen wurden. Zugleich gibt es derzeit mehr von diesen Untersuchungen, weil das Autobahnnetz deutlich erweitert wird.“
Kollegen von Mařík und weiterer beteiligter Institutionen präsentierten am Rand der Pressekonferenz die besonders schönen Fundstücke.
„Hier haben wir eine Goldkollektion aus der Hallstattkultur, also aus der Zeit von 800 bis 650 vor unserer Zeitrechnung. Es waren Grabbeigaben. Konkret handelt es sich um Spiralen, die vor allem als Haarschmuck dienten, und um Plättchen, mit denen die Kleidung verziert wurde“, sagte Karel Říha vom Archäologischen Institut der Akademie der Wissenschaften.
In solchen Gräbern aus der Hallstattzeit seien in der Regel auch Keramik-Gefäße zu finden, meist handele es sich um 15 bis 20 Stück, so der Experte.
Milan Kukla vom Institut für archäologische Denkmalpflege in Mittelböhmen präsentierte wiederum eine große Bandbreite an Objekten:
„Das hier sind zum Beispiel Gegenstände aus Körpergräbern zur Kupfersteinzeit, konkret der sogenannten schnurkeramischen Kultur. Sie sind nicht nur ihres Materials wegen so eigentümlich, sondern auch wegen ihrer Form. Daneben sind Dinge der keltischen Latènekultur zu sehen, die ebenfalls aus einem Körpergrab stammen. Es sind Armreifen, die eine Frau trug, Broschen sowie eine Glasperle, die typisch für diese Epoche ist. Denn diese Perle hat offene Augen. Damit sollte die Halskette einen im Schlaf beschützen.“
Kupfersteinzeit bedeutet die Epoche zwischen 4000 und 3000 Jahren vor unserer Zeitrechnung, die Latènekultur wird auf 450 bis 40 Jahre vor Christi Geburt definiert.
Aber auch aus der Zeit der germanischen Besiedlung oder der Völkerwanderung fanden sich Objekte. Ein weiteres Grab der bereits genannten Hallstattkultur barg eine für Tschechien besondere Beigabe...
„In dem Grab war eine Frau von 50 Jahren oder älter bestattet worden. Sie hatte zwei Armreifen und zudem einen sogenannten rhombischen Gürtelhaken, der in einen Ring am anderen Ende des Gürtels eingehakt wurde. Diese Frau muss eine hohe Stellung innegehabt haben. Zum einen haben wir einen solchen Gürtelhaken bisher auf tschechischem Boden noch nicht gefunden. Wahrscheinlich sind die nächstgelegenen Fundorte in Oberösterreich. Zum anderen, und das ist besonders wichtig, wurde die Frau in einer Grabkammer unter einem Grabhügel bestattet. So eine Ehre wurde nur höhergestellten Angehörigen der damaligen Gesellschaft zuteil“, so Kukla.
Das Grab mit der hochgestellten Frau der Hallstattkultur wurde übrigens auf dem Gebiet der Gemeinde Běchovice gefunden.
Gürtelhaken der Hallstattkultur
Die richtige Forschungsarbeit zu all den Ausgrabungen beginnt aber erst jetzt, und sie wird Jahre dauern angesichts der Menge an Fundstücken. Jan Mařík:
„Es waren über 15.000 Objekte, die wir geborgen haben. Aber immer noch müssen die Fundstücke katalogisiert werden. Wir rechnen das in Bananenkisten, weil die am praktischsten sind für den Transport. Und zwar haben wir derzeit 1500 Bananenkisten.“
Längst nicht alle Funde sind einzigartig, das ist schon jetzt klar. Der Institutsleiter verteidigt dennoch die umfangreichen archäologischen Grabungen, die ab Mai vergangenen Jahres liefen...
„Für uns sind die Funde von daher wichtig, weil sie ansonsten verloren gegangen und auf der Müllhalde gelandet wären. Das machen sich viele Menschen gar nicht bewusst. Ich begegne immer wieder der Kritik im Sinne von: ‚Warum graben die dort, warum lassen sie die Sachen nicht liegen, wo sie schon seit Jahrtausenden lagern.‘ Diese Argumente muss ich zurückweisen. Denn sie würden bedeuten, dass durch die Bauarbeiten alles zerstört würde, was unsere Vorfahren dort hinterlassen haben. Für uns bedeuten die Grabungen auch eine unglaubliche Sonde in die Landschaft. Wir können hier in einem breiten und sehr langen Band verfolgen, wie sich die Landschaft von der frühen Steinzeit mit den ersten Bauern – also der ersten Phase der Besiedlung, die nachweisbar ist – bis in die Neuzeit gewandelt hat“, erläutert Mařík.
Da die Auswertung aller Fundstücke sowie die Untersuchung all der Aufnahmen von den Gräbern und Siedlungsresten gerade erst begonnen hat, kann Mařík bisher nur allgemeinere Aussagen machen zu deren Bedeutung. Auf zwei Epochen und die dazugehörigen Funde verweist er aber dennoch gerne:
„Wir haben zum Beispiel eine interessante Reihe an Siedlungen entlang des Říčany-Baches nachgewiesen. Sie gibt uns eine Vorstellung davon, wie die Landschaft dort zu römischer Zeit ausgesehen haben dürfte. Zudem reichen einige Funde in die Jungsteinzeit zurück. Es handelt sich um das größte Gräberfeld aus dieser Zeit in Böhmen mit mehr als 80 Gräbern. Dabei bergen nicht nur die Artefakte, die wir hier ausgestellt haben, interessante Informationen, sondern auch die menschlichen Knochen, die dort gefunden wurden. Sie sind tolles genetisches Material. Die Analyse wird uns etwas über die Mobilität der damaligen Menschen erzählen, ihre Ernährungsgewohnheiten und den Anbau von Pflanzen. Und wir können daraus auch gewisse Schlüsse ziehen, wie sich seitdem das Klima verändert hat. Die Archäologie ist also ein breit angelegtes Fachgebiet, das Erkenntnisse liefern kann, die von den kulturellen und historischen Grundlagen bis zur Medizin oder Genetik reichen.“
Tiefe Schächte für Gold- und Lehmabbau
Und dann weist der Experte noch auf eine weitere Entdeckung hin, die im Örtchen Kuří bei Říčany gemacht worden sei. Sie habe für große Augen gesorgt bei den Archäologen, gesteht Jan Mařík. Und zwar handle es sich um eine Serie von sehr tiefen Schächten...
„In diesen Schächten sind wir anscheinend auf die Spuren der Förderung zum einen von Gold gestoßen. Denn ein Ausläufer des Flözes von Jílové, der für den Goldbergbau im Mittelalter bekannt ist, reicht bis dort. Und zum anderen wurde dort sehr feiner Lehm fürs Töpfern abgebaut, und das unter der Erde, was ebenfalls eher ungewöhnlich ist. Wir müssen jetzt das Areal weiter begutachten, das bedeutet Arbeit für Geologen und weitere Spezialisten, mit denen wir kooperieren“, so der Institutsleiter.
Im Übrigen unterhielten die Menschen, die am östlichen Rand von Prag siedelten, quer durch die Epochen nicht nur regionale Kontakte – sondern auch in entferntere Regionen, wie der Archäologe zum Abschluss noch erläutert.
„Wir haben zum Beispiel auch Gegenstände zutage gebracht, die aus unterschiedlich weit entfernten anderen Weltgegenden stammen. In Bezug auf die Urzeit bedeutet dies das erweiterte Europa und der Mittelmeerraum. So haben wir etwa Münzen entdeckt, die zu römischen Zeiten in Rom geprägt wurden. Zu den Funden gehört ebenso Bernstein, der von der Ostsee stammt. Dann sind da Glasperlen, bei denen der Herkunftsort des Materials in Syrien-Palästina auszumachen ist. Solche Funde, die auf weltweite Verbindungen deuten, sind ebenfalls sehr wichtig.“
Aber auch bei diesen Objekten wartet auf die Wissenschaftler noch viel analytische Arbeit. Denn sie wollen herausfinden, welches die genauen Herkunftsorte sind.














