Achtung, Acht! – Podiumsdiskussion in Berlin zur tschechischen Geschichte

Berliner Podiumsdiskussion 'Achtung Acht'

Was für die deutsche Geschichte die Neun ist, ist für die Tschechen die Acht. Erwähnt wird sie nicht, weil wir gerade das Jahr 2008 haben, sondern eher weil man in Tschechien in diesem Jahr mehrere Jubiläen feiert – oder besser gesagt: ihrer gedenkt. Die Reihe der vielen Veranstaltungen zu diesem Anlass eröffnete am Dienstag die Podiumsdiskussion „Achtung, Acht“, die in der tschechischen Botschaft in Berlin stattfand.

1918, 1938, 1948 und 1968 – die magische Zahl Acht hat die Tschechen im vergangenen Jahrhundert stets begleitet. Den Rahmen bildet der Beginn der eigenen Staatlichkeit und das Ende einer Diktatur, sagt der tschechische Botschafter in Berlin Rudolf Jindrák:

„Das sind die wichtigsten Jahre für die tschechische Geschichte. Angefangen mit der Staatsgründung 1918 bis hin zum Jahr 1988, als der politische Umbruch des kommunistischen Regimes langsam begonnen hat.“

Aber nicht nur an diese positiven Daten wird erinnert, in diesem Jahr wird ebenso an die traurigen Marksteine der Geschichte gedacht – an die deutsche Okkupation, die kommunistische Machtergreifung und die Niederschlagung des Prager Frühlings und den Beginn der sowjetischen Besatzung. Auch wenn die Historiker, Politiker und Intellektuellen bei unzähligen Veranstaltungen über die Bedeutung der Aufarbeitung reden, schämt sich die tschechische Bevölkerung für diese Jahrestage „irgendwie“, meint der tschechische Diplomat und Publizist Tomáš Kafka:

„ Früher gab es die Vorstellung, dass man sich automatisch eine Sünde aufgeladen hatte, weil man mitgemacht oder sich geduckt hatte. Mittlerweile betrachtet man die Geschichte nicht mehr als Kollektivsünde, sondern es ist mehr eine Art individueller Scham. Denn die Leute schämen sich vielleicht für etwas und wollen deshalb damit nicht in Verbindung gebracht werden.“

Nach der Meinung der Journalisten und Historiker, die an der Diskussion teilnahmen, finden derzeit vorwiegend junge Leute einen Zugang zu der eigenen Geschichte. Aber „sich zu erinnern“ - das bleibt in der tschechischen Gesellschaft nach wie vor kompliziert, meint der „Welt“-Korrespondent Hans-Jörg Schmidt:

„Man redet zwar über die Lustration, aber meine tschechischen Freunde sehen dies anders. Eine gute Freundin hat mir gesagt, dass ihr Chef immer noch derselbe wie der vor 1989 sei. Sie habe dieselbe Angst wie damals, ihren Mund aufzumachen. Denn damals hätte er sie politisch erpressen können, heute aber wirtschaftlich.“

Mehr über die Erinnerungskultur in Tschechien und über die Bedeutung der Achter-Jahre für die tschechische Nation erfahren wollen, lesen sie in den kommenden Wochen die Beiträge in der Rubrik „Kapitel aus der tschechischen Geschichte“.