Affenstark: Der Zoo in Ostrau engagiert sich im Artenschutz von Schimpansen
Im Zoo von Ostrava / Ostrau werden über 450 Tierarten gehalten. Besondere Aufmerksamkeit widmet man den Schimpansen.
Jana Pluháčková ist der wohl wichtigste Mensch im Leben von mehreren Hundert Schimpansen in den europäischen Zoos. Denn sie entscheidet, wo einer der Menschenaffen lebt und mit wem er Nachfahren zeugt. Pluháčková, die im Zoo von Ostrau arbeitet, leitet das Europäische Erhaltungszuchtprogramm für Schimpansen.
„Wir organisieren Transporte von Schimpansen zwischen den europäischen Zoos – also zwischen jenen, die sich im Europäischen Verband für Zoos und Aquarien zusammengeschlossen haben.“
Zu dieser Organisation, die die Abkürzung EAZA trägt, zählen mittlerweile 340 Mitglieder in 41 Ländern. Das Ziel sei es nicht nur, die bedrohten Tiere zu vermehren, sondern auch dafür zu sorgen, dass es ihnen gut gehe, erläutert Pluháčková. Deswegen würden mitunter auch Kontrollen durchgeführt…
„Wir überprüfen dabei, ob die Tiere wirklich wohlauf und die Einrichtungen für sie geeignet sind. Wir bieten aber auch kostenlose Beratungen an. Wenn etwa ein neuer Affenpavillon gebaut werden soll, kann man die Pläne vorab mit uns konsultieren.“
Und was brauchen Schimpansen, damit sie sich wohlfühlen?
„Da die Tiere in größeren Gemeinschaften leben, muss ausreichend Platz vorhanden sein. Und weil diese Tiere sehr sozial sind, muss das Terrain möglichst abwechslungsreich sein. Die Schimpansen haben in freier Wildbahn nämlich ein soziales System, das ‚fission–fusion‘ genannt wird. Sie verbringen nicht den ganzen Tag mit ihrer Gruppe, zu der 60, 70 oder gar mehr Tiere gehören können. Stattdessen bilden sie kleinere Untergruppen, mit denen sie tagsüber oder auch mehrere Tage lang unterwegs sind. Sie verlieren sich aber nie aus den Augen und wissen, zu welcher Gemeinschaft sie gehören.“
Pluháčková betont, dass hinsichtlich der Haltung auch die richtige Fütterung der Tiere nicht vernachlässigt werden dürfe. Und die Sicherheitsaspekte…
„Schimpansen sind Tiere, die potentiell gefährlich sein können. Man muss also sicherstellen, dass sie nicht aus dem Gehege ausreißen. Gleichzeitig geht es auch um ihre eigene Sicherheit. Sie sollen sich im Gehege nicht verletzen und sich so bewegen können, wie sie es gewohnt sind.“
Im Zoo Ostrau leben rund 6100 Tiere, die zu 451 Arten gehören. Rund ein Drittel davon ist vom Aussterben bedroht und steht auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Im dem Zoologischen Garten werden sieben Arten gehalten, die in freier Wildbahn bereits ausgerottet wurden. Dies sind vor allem Fische wie Ameca-Elritzen, Monterrey-Platys, Marmor-Platys und Frances-Hochlandkärpflinge. Zu diesen Arten zählen aber auch der Vietnamesische Sikahirsch, der Davidshirsch und die Socorrotaube. Neben dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm für die Schimpansen ist man auch an einem Programm für den Schutz der Lebendgebärenden Zahnkarpfen beteiligt.
Weibliche und männliche Jungtiere werden getrennt
Wie Zoologin Pluháčková im Interview für Radio Prag International weiter erläutert, hätten sich die Zuchtbedingungen für Schimpansen in den letzten Jahren grundlegend geändert.
„Früher wurden immer ein Männchen und mehrere Weibchen zusammen gehalten, was auch viel leichter war. Weibliche Jungtiere blieben in der Gruppe. Wurden jedoch männliche Jungtiere geboren, sah man diese als problematisch an und steckte sie in andere Zoos. Das ist aber komplett falsch, denn in der freien Natur leben Schimpansen ganz anders. Dort bilden die Männchen den Grundstamm der großen Gemeinschaften. Die jungen Weibchen hingegen migrieren zwischen den Gemeinschaften.“
Nach diesem Prinzip funktionieren heute auch die Zuchtprogramme in Europa. Während die Männchen also ihr Leben lang in den Zoos verbleiben, sind es die Weibchen, die in andere Einrichtungen geschickt werden. Entscheidend sei dabei nicht so sehr das Alter des jeweiligen Tieres, sondern die mentale Reife, sagt Pluháčková. Und noch ein weiterer Aspekt sei relevant:
„Es ist wichtig, dass die Tiere bei ihrer Mutter oder anderen Weibchen in der Gruppe sehen, wie Jungtiere aufgezogen werden. Dadurch lernen sie, was einmal von ihnen verlangt wird, wenn sie sich selbst vermehren.“
Wie wird aber entschieden, welches Weibchen in welchen Zoo gesteckt wird?
„Es gibt verschiedene Kriterien. Am wichtigsten ist natürlich die Genetik. Denn es kann passieren, dass das Weibchen in der Gemeinschaft bereits Verwandte hat. Wir verwenden deshalb ein komplexes Computerprogramm, mit dessen Berechnungen wir so einen Fall ausschließen können.“
Wichtig seien aber auch der Charakter des Tieres und die Zusammensetzung der neuen Gemeinschaft…
„Wenn das Tier zu unterwürfig ist und sich schlecht in eine große Gruppe einfinden kann, oder wenn es hingegen zu dominant ist, dann geben wir es in andere Gemeinschaften.“
Alpha- und Beta-Männchen
In Ostrau werden derzeit Westliche Schimpansen gezüchtet. In freier Wildbahn leben sie in den tropischen Regenwäldern West- und Zentralafrikas, allerdings sind die Tiere mittlerweile vom Aussterben bedroht.
Auch in ihrem Zoo habe man früher ein Männchen gemeinsam mit mehreren Weibchen und den Töchtern gehalten, sagt Pluháčková. Vor einigen Jahren habe man aber eine neue Gruppe aufgebaut, die dem Verhalten in der Natur entspreche:
„Es hat vier Jahre gedauert, ehe wir die Gemeinschaft zusammenhatten. Wir haben dafür Tiere aus vier Zoos zusammengebracht“, schildert die Zoologin.
Aktuell leben in der Einrichtung im mährisch-schlesischen Landesteil Tschechiens zwei ausgewachsene Männchen, fünf Weibchen und vier Jungtiere, die alle in Ostrau zur Welt gekommen sind. Der jüngste Zuwachs wurde erst im Juli dieses Jahres geboren – das erste Mal war es ein Weibchen.
Wie Pluháčková ausführt, haben die meisten der ausgewachsenen Menschenaffen im Zoo Ostrau eine bewegte Geschichte:
„Die Tiere wurden zum Beispiel in einer Gemeinschaft aufgezogen, die schlecht zusammengesetzt war und in der sie schlechte soziale Angewohnheiten annahmen. Mehrere unserer Schimpansen kommen aber auch aus Laboren oder der Privathaltung. Im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms versuchen wir stets, solche Problemfälle nicht an einem Ort zu versammeln, sondern in ‚gute‘ Gruppen zu stecken. Denn das Schöne an Schimpansen und Primaten im Allgemeinen ist, dass diese Tiere die guten Eigenschaften der Gruppe sehen und schließlich übernehmen.“
Hinsichtlich der Zuchtgruppe in Ostrau führt Pluháčková übrigens noch eine Besonderheit an. Denn das dortige Alpha-Männchen ist gerade nicht paarungswillig. Das Beta-Männchen hingegen zeigt zwar Interesse am anderen Geschlecht, ist aber nicht ausreichend selbstbewusst und sozial erfahren, um als Alpha-Tier zu agieren. Die naheliegende Lösung: Der niedriger gestellte Affe übernimmt die Paarung, der Anführer der Truppe sorgt hingegen dafür, dass etwaige Streitigkeiten beigelegt werden.
„Es gibt zwischen den beiden Schimpansen ein Gleichgewicht. Es ist zwar recht brüchig, aber derzeit funktioniert das“, sagt Pluháčková.
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