Wo die Nacht zum Tag wird und Krokodile Rekorde aufstellen: Besuch im Zoo Jihlava
Wer nach Jihlava kommt, kann den Zoo der Stadt gar nicht verfehlen. Er liegt keine 200 Meter Luftlinie vom zentralen Marktplatz entfernt, allerdings gut geschützt in einem baumreichen Tal. Die Hauptstadt des Kreises Vysočina mag nicht gerade der bekannteste Ort Tschechiens sein. Dennoch dürfen wir ihren Tierpark in unserer Sommerserie nicht auslassen. Im Folgenden geht es um Krokodile, Hirscheber und ganz besondere graue Mäuse. Und zwischen all ihren Gehegen kann man auch heiraten.
Der Zoo von Jihlava ist der meistbesuchte Ort im gesamten Kreis Vysočina. Jährlich gehen rund 350.000 Menschen durch das geschwungene, mit Reet gedeckte Eingangstor, das dem Comic der Familie Feuerstein entstammen könnte. Es sind aber natürlich weder Säbelzahntiger noch Dinosaurier, die in dem Areal leben, das sich wie ein S in den Heulos-Park einfügt. Zoosprecherin Simona Kubičková fasst die tierische Bewohnerschaft von mehr als 260 Arten zusammen:
„Ich spreche zum einen immer von den sexy Tieren, wie Tigern und Bären. Das sind die mächtigen, flauschigen Wesen mit den großen Augen. Die gewinnen das Publikum immer gleich für sich, weil sie die Lieblinge sind. Aber oft sind die weniger auffälligen Tiere die kostbareren. Bei uns sind das auf jeden Fall die Babirusa, also Hirscheber, die unser Zoo als einziger in Tschechien züchtet. Daneben haben wir etwa Riesenborkenratten, Springratten oder die Primaten Loris, die wir in geschützten Bereichen züchten und die ebenfalls sehr rar sind.“
Daneben sei in Jihlava Tschechiens größte Ansammlung von Krallenaffen zu sehen, ergänzt Kubičková. Und der Zoo ist spezialisiert auf die Zucht von katzenartigen Raubtieren. Diese sind in ihren natürlichen Lebensräumen häufig gefährdet, weil sie von Wilderern illegal verkauft werden…
„Eine Menge Arten werden geschmuggelt. So zum Beispiel auch der Gibbon, den unser Zoo im Logo hat. Unser erstes Gibbonmännchen stammte aus Vietnam, wo es mit anderen Tieren in Käfigen auf seinen Verkauf wartete. Sie waren wohl als Schmusetiere bestimmt oder zur illegalen Zucht. Sie wurden gerettet, kamen nach Europa und später zu uns nach Jihlava. Opfer von Schmugglern werden häufig auch Primaten, Reptilien oder Papageien – also viele Tierarten.“
Im Zoo lebt zudem der stark bedrohte Sumatra-Tiger. Dieser wird in Asien gejagt, um seine Körperteile für angebliche Wunderheilungen zu nutzen.
Ein Krokodil und sein Rekord
Exotische Tiere sind der Zuschauermagnet im Zoo Jihlava, der in zwei Jahren sein 70. Gründungsjubiläum erlebt. Seit der Wendezeit hat sich die Artenvielfalt in der Einrichtung fast verdoppelt. Während 1991 dort nur 390 Tiere lebten, sind es nach Aussage von Simona Kubičková heute rund 1500. Seitdem ist auf dem Gelände zum Beispiel der Amazonas-Pavillon entstanden oder auch das afrikanische Dorf Matongo. Die neueste Attraktion ist aber der Tropen-Pavillon. Hier arbeitet die Pflegerin Lubomíra Ševčíková. Sie stellt ihre Zöglinge vor:
„Die Wahrzeichen dieses Zoos sind die Krokodile. Denn das erste Stumpfkrokodil kam schon 1989 zu uns. Es ist die kleinste Krokodilart überhaupt. Den Lehrbüchern zufolge erreicht sie eine Länge von 1,50 bis 1,70 Metern. Unser Krokodil hat aber vergessen nachzulesen und ist auf 2,10 Meter angewachsen. Darum steht es heute im Guinness-Buch der Rekorde.“
Es seien immer noch die Tere von damals zu erleben, betont die Pflegerin. Niemand wisse jedoch genau, wie alt sie sind. Ševčíková berichtet, dass die Krokodile einst aus dem Zoo in Dvůr Králové übernommen worden seien. Aber auch dorthin seien sie schon als ausgewachsene Tiere aus freier Wildbahn gekommen. Den Forschungen zufolge können diese afrikanischen Sumpfbewohner 50 bis 60 Jahre alt werden. Da das Weibchen in Jihlava aber gerade wieder Eier austrägt, äußert die Pflegerin die Hoffnung, dass die Tiere noch länger leben werden als durchschnittlich angenommen. Von natürlichen Feinden jedenfalls können sie im Tierpark nicht getötet werden. Und selbst würden sie auch kaum andere Tiere angreifen, sagt Ševčíková:
„Krokodile sind an sich ziemlich duldsam. Unsere Stumpfkrokodile fressen zum Beispiel überhaupt keine Fische. Darum können in ihrem Wasserbecken auch Knochenhechte oder Buntbarsche schwimmen. Des Weiteren haben wir festgestellt, dass die Stumpfkrokodile nicht mit Schildkröten zusammenleben können – denn sie beginnen gleich, diese zu jagen. Ansonsten bewegen sich im Pavillon auch Basilisken. Diese Leguane liegen am Wasserufer, ohne dass etwas passiert.“
Stumpfkrokodile gibt es in der freien Natur Westafrikas nur noch wenige. Sie gehören zu den am stärksten bedrohten Tierarten, was den Bestand im Zoo Jihlava so bedeutsam macht. Ševčíková resümiert:
„Wir waren die ersten in der Welt, die mit der Zucht begonnen haben. Heute findet ihre Vermehrung nicht nur bei uns erfolgreich statt, sondern auch in anderen Tierparks. Ich will nicht sagen, dass Stumpfkrokodile also schon üblich sind. Aber sie sind in mehreren Zoos zu sehen.“
Drei Partnerinnen zur Auswahl
Gleich gegenüber dem Tropen-Pavillon leben einige Vierbeiner, die auch ganz gern in sumpfartigen Gewässern oder Pfützen wühlen. Die Babirusa – auch Hirscheber genannt – sind eigentlich auf der indonesischen Insel Sulawesi beheimatet. Pfleger Pavel Hájek gibt aber zu bedenken:
„In der freien Natur kommen sie überhaupt nicht mehr vor. Das gab es zuletzt im vergangenen Jahrhundert. Die Zucht wurde von einer ursprünglichen Tiergruppe auf mehrere europäische Zoos verteilt. Dieses Männchen kam aus Deutschland zu uns, nämlich aus dem Opel-Zoo in Kronberg. Von den Weibchen stammt eines aus den USA, eines aus England, und eines ist bei uns geboren.“
Das vier Jahre alte Männchen darf sich nun aussuchen, mit wem es sich paart und fortpflanzt. Am ehesten komme aber wohl das jüngsten der drei Weibchen in Frage, lächelt Hájek, da die anderen beiden schon zu betagt seien.
Unübersehbares Merkmal der Babirusa sind ihre langen Hauer. Sie wachsen vom Unterkiefer in einem Bogen nach oben, Richtung Augen. Diese Stoßzähne bleiben das ganze Leben lang im Wachstum. Klarer Nachteil der Zoohaltung sei allerdings, dass die Zähne nicht auf natürliche Weise gestärkt und oft abbrechen würden, räumt der Pfleger ein. Denn die Tiere seien eher friedliebend:
„Man kann mit ihnen so arbeiten wie mit Hunden. Sie erkennen ihr Herrchen und lernen sämtliche Übungen, die sie für eine Belohnung machen sollen. Das ist eine völlig problemlose Abrichtung. Wenn aber Brunftzeit ist oder sie vielleicht schlechte Laune haben, dann muss der Mensch vorsichtig sein.“
Und das gelte natürlich auch, wenn die Babirusa Junge haben und diese besonders schützen wollen, fügt Hájek hinzu.
Führungen in der Dämmerung
Wie bei den meisten Tieren trennt die Besucher von den Hirschebern ein Zaun, der eventuell provozierende Berührungen verhindern soll. Lange konnte man im Zoo Jihlava jedoch frei herumkletternde Krallenäffchen erleben. Da hatte so mancher Besucher den Eindruck, die Tiere seien aus ihren Käfigen ausgebüchst. Zoosprecherin Simona Kubičková:
„Diese Attraktion hat viele Jahre lang gut funktioniert. Aber leider haben unsere Besucher nicht respektiert, dass man diese Tiere nicht füttern darf. Als dann schon der dritte Tamarin-Affe verendete, haben wir sie wieder in einem umzäunten Auslauf untergebracht. Sie bewegen sich also nicht mehr wie früher mitten unter den Besuchern.“
Das sei sehr schade, fügt Kubičková hinzu, denn es habe immer einen ganz anderen Blick auf die Affen ermöglicht, als nur vom Zaun aus. Besondere Einblicke bekämen die Zoobesucher nun aber bei abendlichen Führungen…
„Diese Führung beginnt nicht erst im Dunkeln, sondern in der Dämmerung. Dann kommen nämlich viele Tiere erst hervor. Kommentiert wird die Besichtigung entweder von unserem Chefzoologen oder vom Zoodirektor. Sie laufen mit der Besuchergruppe durch das Gelände und machen bei solchen Tieren Halt, die abends oder nachts aktiv sind und die sich tagsüber für gewöhnlich nicht sehen lassen.“
So manche Nachtschwärmer werden allerdings auch den Tagesbesuchern präsentiert – durch einen Trick, den einzelne Pavillons ermöglichen. Marek Dohnal ist für die nachtaktiven Säugetiere zuständig. Er berichtet von der Fütterung der Votsotsas, auch Madagassische Riesenratte genannt:
„Ein Tier bekommt zum Beispiel eine Möhre oder zwei Petersilienwurzeln, immer von jedem etwas. Wir halten sie im Noctarium, in dem die Lichtphasen vertauscht werden. So können die Besucher die Tiere auch sehen. Wenn bei uns Nacht ist, haben sie also Tag – und umgekehrt.“
Da die Riesenratten aber eher so große graue Mäuse wären, bekämen sie leider nicht die Aufmerksamkeit der Zoobesucher, die sie eigentlich verdienen würden, bedauert Dohnal:
„Sie sind eine Rarität, denn sie gehören zu den bedrohten Arten. Wir sind sehr froh, dass wir sie in unserem Zoo haben und dass es ihnen hier gut geht. Es ist aber schon ein Problem, dass die Leute an ihrem Gebäude oft gar nicht anhalten. Dabei sind die Tiere dort gut zu sehen und viel in Bewegung. Meistens gehen die Besucher durch und denken: Naja, Mäuse eben.“
Die Riesenratten sehen aus wie eine Mischung aus Ratte und Kaninchen. Sie kommen nur auf Madagaskar vor. 14 Tiere sind aber eben in Jihlava zu sehen.
Erwachsene willkommen!
Wie viele Zoos bietet auch die Einrichtung in Jihlava Tierpatenschaften an. Dabei spenden Menschen das Futtergeld für eine bestimmte Tierart und helfen dem Tierpark finanziell. Eine weitere Möglichkeit, dem Zoo auf längere Zeit, eventuell sogar ein Leben lang verbunden zu bleiben, sind Hochzeiten. Simona Kubičková weist aber darauf hin, dass zwischen den Tiergehegen nur die Trauung stattfinde. Zum Feiern müsse die Hochzeitsgesellschaft dann woanders hingehen:
„Das Paar muss zudem ein bisschen exhibitionistisch veranlagt sein, denn alles passiert während der normalen Öffnungszeiten des Zoos. Es darf das Paar also nicht stören, dass die Besucher vorbeilaufen und sehen, wie es gerade die Ehe schließt. Das will nicht jeder. Aber so manche Tierliebhaber kommen zu uns und heiraten hier im Zoo.“
Und genauso, wie sich dieses Angebot an erwachsene Menschen richtet, spricht Kubičková dieser Zielgruppe eine besondere Einladung aus:
„Es ist ein Mythos, dass Zoos nur etwas für Familien mit Nachwuchs oder eben nur für Kinder seien. Ich sage immer, wer den Tierpark einmal richtig genießen will, der sollte die Kinder bei der Oma lassen und ohne sie herkommen. Denn dann werden die Menschen das erste Mal wirklich die Tiere beobachten und nicht nur darauf achten, wo Eis verkauft wird oder der nächste Spielplatz ist. Wir sind aber natürlich ebenso froh, dass die Kinder uns besuchen. Denn nur, wer die Natur und die Tiere kennt, wird sie schätzen und auch schützen.“
Und genau dieses Bewusstsein müsse schon früh geschaffen werden, unterstreicht Simona Kubičková – indem die Verbindung zu den Tieren bereits bei den kleinsten Besuchern aufgebaut werde.
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