Bartgeier, Bukhara-Uriale und Berber-Löwen: Der Zoo Liberec

Berberlöwe

Der älteste Zoo Tschechiens befindet sich in Liberec. Neben mehreren besonders wertvollen Tierarten wie Berber-Löwen und Somali-Wildeseln können die Besucher dort eine Vielfalt von Greifvögeln bewundern.

Winterpavillon und Teich für Wasservögel | Foto: Zoo Liberec

Der Zoo in Liberec wurde 1904 offiziell eröffnet. Seine Geschichte ist jedoch länger. Als Vorgänger des Zoos gilt der Vogelpark. Dieser wurde 1895 vom Ornithologischen Verein Nordböhmens gegründet. Derzeit werden in Liberec mehr als 170 Tierarten gezüchtet. Die Sprecherin des Zoos, Barbora Tesařová, sagt, sie sehe in Zoos ein großes Potenzial:

Urial | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Denn oft sind es wirklich die einzigen Orte auf unserem Planeten, wo es gelingt, eine Reihe vom Aussterben gefährdeter Tierarten zu retten. Die Zoos schaffen eine Reservepopulation und wirken wie die Arche Noah für den Fall, dass es eine Tierart in der freien Natur nicht mehr gibt. Bei uns in Liberec gehören zu den wertvollsten Tieren beispielsweise der Bukhara-Urial, der Somali-Wildesel und der Berber-Löwe. Der Berber-Löwe überlebt eben nur dank der Zoos. Unsere Einrichtung ist zudem durch eine große Vielfalt von Greifvögeln, tropischen Fröschen und Eidechsen bekannt geworden.“

Der Zoo erstreckt sich derzeit nur auf einer Fläche von 14 Hektar. Künftig werde das Gebiet jedoch bedeutend erweitert, merkt die Sprecherin an:

„Wir sind froh, dass es uns gelungen ist, neue Grundstücke in Richtung des Isergebirges zu bekommen. Auf dem neuen Gebiet, das wir vorläufig ,Tal der gefährdeten Wildnis‘ nennen, sollen vor allem kälteliebende Tiere ein Zuhause finden, darunter die Ussuritiger, Panther, Wölfe, Bären sowie kälteliebende Affenarten.“

Das Tal der bedrohten Wildnis | Foto: Zoo Liberec

Kult der weißen Tiger

Weiße Königstiger | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Der Zoo in Liberec ist untrennbar mit den weißen Tigern verbunden. Nach ihnen wurde sogar der lokale Eishockeyverein benannt. Die Sprecherin räumt ein, der Kult der weißen Tiger sei in der Stadt wirklich unglaublich stark. Vor einigen Jahren kündigte die Leitung des Zoos jedoch an, sie habe vor, die Zucht der weißen Tiger aus einigen Gründen zu beenden.

„Zoos sollten sich vor allem auf die Zucht gefährdeter Tierarten konzentrieren, denen in der freien Natur das Aussterben droht. Und der weiße Tiger gehört nicht dazu. Es handelt sich dabei um eine künstlich gezüchtete Form des Indischen Tigers, die ebenfalls aus nur einem Exemplar hervorgegangen ist. Dank der Inzucht des gefangenen weißen Tigers mit seinen eigenen Nachkommen gelang es, die weiße Farbe aufrechtzuerhalten. Die gesamte weltweite Population der weißen Tiger stammt eben von diesem einen Tier ab. Daher kommen alle neugeborenen Jungtiere mit vielen genetischen Defekten zur Welt.“

Weiße Königstiger | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Laut der Zoo-Sprecherin wurden die weißen Tiger in Liberec 25 Jahre lang gezüchtet. Nur dreimal sei es mit großem Aufwand gelungen, Jungtiere zu züchten, so die Expertin.

„Oft waren die jungen Tiger nicht gesund und hatten verschiedene Probleme. Dies ist der Hauptgrund, warum wir uns entschieden haben, die weißen Tiger nicht mehr zu züchten. Nichtsdestoweniger lebt im Zoo noch das letzte weiße Tigerweibchen Suria Bara. Sie ist 16 Jahre alt, also eine Oma, aber sie ist immer noch guter Verfassung.“

Barbara Tesařová | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Die größte Rarität des Zoos, die jedoch von den Besuchern häufig übersehen wird, ist laut Tesařová der Bukhara-Urial.

„Wir sind der einzige Zoo in Tschechien und einer von nur fünf Zoos weltweit, in dem diese Tiere gezüchtet werden. Diese Wildschafe sind auch in ihrer Heimat in den hohen Bergen Asiens nicht gut dran. Dort leben nur noch ein paar Hundert der Bukhara-Uriale.“

Urial | Foto: Zoo Liberec

Bartgeier in die Alpen zurückgeführt

Seit 40 Jahren widmet sich der Zoo in Liberec der Rettung von gefährdeten großen Greifvögeln, vor allem von Adlern. In letzter Zeit stehe der Bartgeier im Fokus, sagt der Ornithologe Jan Hanel und zeigt auf den großen Greifvogel in einer Voliere:

Lammergeier | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Das ist ein schöner, majestätischer europäischer Greifvogel, der in Europa jedoch vor mehr als 100 Jahren praktisch ausgerottet wurde. Derzeit laufen Versuche um eine Wiederansiedlung in der europäischen Landschaft.“

Laut dem Ornithologen sind die Projekte dank des Einsatzes vieler Menschen und hoher finanzieller Förderungen inzwischen erfolgreich. So gebe es mittlerweile Bartgeier in den Alpen, schildert Hanel:

Jan Hanel | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Dort kamen jahrzehntelang keine Bartgeier vor. Nun wurden die Vögel auch in Spanien gesichtet – und nach fast 100 Jahren auch wieder auf dem Balkan. Es gelingt, die Greifvögel allmählich in die europäische Landschaft zurückzuführen.“

Am internationalen Rettungsprogramm für Bartgeier nimmt der Zoo in Liberec seit 2002 teil. 14 der in Nordböhmen geborenen Greifvögel wurden seitdem in der Natur der Alpen oder in den spanischen Bergen freigesetzt.

Lammergeier | Foto: Zoo Liberec

Affenadler auf den Philippinen

Da der Zoo laut Jan Hanel 40 Jahre Erfahrung mit verschiedenen Methoden der Greifvogelzucht hat, bemüht er sich auch, auf weiteren Kontinenten zu helfen. Die Experten aus Liberec beteiligen sich etwa an der Rettung der Affenadler auf den Philippinen. Jan Hanel:

„Diese Art von Adlern ist am meisten gefährdet. Auf den Philippinen gelingt es nicht, die Vögel zu züchten, sodass man auf künstliche Befruchtung zurückgreifen muss. Ich denke, dass wir auch dort einen guten Weg gehen. Es gibt inzwischen schon einige gezüchtete junge Affenadler.“

Wegen der klimatischen Bedingungen wäre es Hanel zufolge kompliziert, die jungen Adler in Liberec zu züchten und anschließend auf die Philippinen zu transportieren.

Affenadler-Junges | Foto: Zoo Liberec

„Auf den Philippinen herrscht tropisches Klima. In unserem gemäßigten Klima müssten die Tiere beheizt werden, was die Kosten erhöht. Zudem ist wichtig, dass die Zahl der Affenadler, die in Volieren gehalten werden, sehr gering ist. Derzeit sind wir an einem Punkt, an dem wir so schnell wie möglich die Vögel vor Ort vermehren müssen. Eine der Möglichkeiten besteht darin, sie auf verschiedene Weise an andere Zoos zu verteilen, um zu garantieren, dass es auf den Philippinen zu keiner Katastrophe kommt, wie einer Vogelgrippe oder einem Taifun. Denn das alles könnte die Zucht gefährden.“

Die Affenadler seien vor allem durch die Zerstörung des Waldes gefährdet, betont Jan Hanel. Dabei habe der Greifvogel eine besondere Bedeutung für die dortige Bevölkerung, so der Experte.

„Die Bewohner der Philippinen wählten den Affenadler vor 30 Jahren zum nationalen Vogel. Mehr als 100 Millionen Philippiner sind stolz auf ihn, sodass die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Rettung des Adlers sehr stark ist.“

Erinnert sich der Ornithologe an einen speziellen Moment, den er bei der Greifvogelrettung erlebt hat? Jan Hanel:

„Als ich im Zoo in Liberec zu arbeiten begann, war meine erste Aufgabe, für den Transport eines jungen Bartgeiers nach Spanien zu sorgen, der in die Natur freigesetzt werden sollte. Alles klappte: Das Tier wurde nach Spanien gebracht und dort freigesetzt. Nach etwa zehn Jahren reiste ich mit einem weiteren Bartgeier in den Ort in Spanien. Über mir flog ein Vogel hinweg, fing an, Kreise zu ziehen. Als wir mit dem Fernglas seine Fußringe betrachteten, stellte sich heraus, dass es eben jener erster Vogel war, den ich als Neuling vom Zoo Liberec dorthin gebracht hatte. Daran erinnere ich mich sehr oft. Dieser Moment motiviert mich dazu, die Arbeit fortzusetzen.“

Berberlöwe | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Welche Tiere bewundern die Besucher in Liberec am meisten? Die Zoo-Sprecherin Barbora Tesařová:

„Natürlich bewundern die Besucher die großen und charismatischen Säugetiere am meisten: Giraffen, Elefanten und Berber-Löwen. Einer großen Beliebtheit erfreuen sich jedoch auch beispielsweise die Westlichen Kleinen Panda und die Erdmännchen.“

In Liberec werde der Öffentlichkeit auch die Möglichkeit geboten, auszuprobieren, wie es sei, in einem Zoo zu arbeiten, merkt die Sprecherin an und betont:

Westlicher Kleiner Panda | Foto: Zoo Liberec

„Die Öffentlichkeit kann sich davon überzeugen, dass es wirklich nicht sehr romantisch ist, sich um die Tiere zu kümmern, sondern dass dazu auch harte Arbeit gehört. Die Menschen kommen dabei aber nicht in direkten Kontakt mit den Tieren, genauso wie unsere Pfleger. Die Mehrheit der Tiere verhält sich nämlich kontaktlos. Und wir versuchen, möglichst viele ihrer natürlichen Instinkte und Gewohnheiten zu erhalten, und wollen nicht, dass sie eine Bindung zum Menschen aufbauen.“

Der Zoo in Liberec ist von Juni bis August von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Ab September sind die Öffnungszeiten kürzer. Mehr über den Zoo finden Sie unter https://zooliberec.cz/de/deutsch/.

Autoren: Martina Schneibergová , Katarína Brezovská
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