Als der böhmische Thron erblich wurde: 800 Jahre Goldene Bulle von Sizilien

Foto: ČTK

Am Mittwoch wird eine der wichtigsten Urkunden für die böhmischen Länder 800 Jahre alt: Am 26. September 1212 gab Stauferkaiser Friedrich II. die Goldene Bulle von Sizilien heraus. Das Original wird in dieser Woche nun für einige Tage in Prag ausgestellt.

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Der Ort, an dem das kostbare Stück aufbewahrt wird, ist streng gesichert. Archivar Denko Čumlivski ist einer von vier Menschen, die Zutritt haben zur Dokumentenkammer im Herzen der Prager Burg:

„Das hier ist ein Bunker aus Stahl und Beton in der Größe eines Klassenraums. An beiden Seiten befinden sich Stahlkonstruktionen, an denen die Urkunden der böhmischen Könige und der Stände aus allen Jahrhunderten hängen.“

Denko Čumlivski, foto: Tschechisches Fernsehen
Gleich das zweite Pergamentstück in der Reihenfolge ist die Goldene Bulle von Sizilien. Für die tschechische Geschichte ist ihr Inhalt von großer Bedeutung.

„Beginnend mit einer großen Initiale steht hier: Friedrich II. von Gottes Gnaden designierter Römischer Kaiser und König von Sizilien stellt diese Urkunde zu Gunsten des böhmischen Königs Přemysl Otakar I. aus. Friedrich II. bestätigt damit gegenüber Přemysl den Besitz des böhmischen Königreichs. Es wird ihm und seinen Nachfahren in Erblichkeit überantwortet, ohne dass Friedrich Ansprüche oder Zahlungen geltend macht“, so Denko Čumlivski.

Přemysl Otakar I.
Am 26. September 1212 geht damit eine Epoche der tschechischen Geschichte zu Ende: Das Adelsgeschlecht der Přemysliden hat den langen Kampf um die böhmische Krone für sich entschieden. Zwar hatte bereits Vratislav im Jahr 1085 erstmals die Krone erhalten, doch ohne Recht der Vererbung. Danach herrschte immer wieder Chaos in der Frage der Thronfolge in Prag. 1198 wurde Přemysl Otakar I. zum böhmischen König gewählt. Über Umwege wurde er zu einem Verbündeten des jungen Staufers Friedrich II. und setzte sich für seine Wahl zum Kaiser ein.

Die Goldene Bulle, die der frisch gewählte Kaiser noch im selben Jahr in Basel ausstellt, ist der Dank für Přemysls Einsatz. Sie legt fest, dass immer der erstgeborene Sohn der Thronfolger ist. Zudem regelt sie die Teilnahme der böhmischen Herrscher an den Reichstagen. Weitere Regelungen sind zudem in weiteren Einzelurkunden erhalten, erläutert Archivar Čumlivski:

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„An diesem 26. September 1212 in Basel gibt Friedrich II. nicht nur diese eine Urkunde heraus, sondern zwei weitere Bullen, die auch mit einem goldenen Siegel versehen sind. In der ersten von ihnen erhält Přemysl die Burgen in den böhmischen Ländern entweder als direktes Eigentum oder als Lehen. Die zweite von ihnen ist nicht an Přemysl gerichtet, sondern an seinen jüngeren Bruder Jindřich.“

Mit der Goldenen Bulle von Sizilien beginnt eine Blütezeit der böhmischen Länder, die dann Mitte des 14. Jahrhunderts in der Regierungszeit Karl IV. gipfelt. Als römisch-deutscher Kaiser gibt er selbst eine Goldene Bulle heraus, die den Vorläufer von 1212 bestätigt.


Die Ausstellung „Goldene Bulle von Sizilien 1212“ ist vom 27. bis 30. September im Nationalarchiv zu sehen. Adresse: Archivní 4, Prag 4. Der Eintritt ist frei.

Autor: Till Janzer
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