Am Stock: Aufklärungsjournalismus als Kasperletheater

Foto: MfDnes (12.12.2007)

Der vergangene Mittwoch - ein ganz normaler Tag in Tschechien: Die Regierung sichert mit großer Verspätung doch noch EU-Fördergelder in Höhe von 14 Milliarden Euro. Das Verteidigungsministerium storniert unter seltsamen Umständen den größten im Lande je vergebenen Rüstungsauftrag. Die Präsidentschaftskandidaten Klaus und Švejnar kämpfen hinter den Kulissen um Wahlzusagen. Kurzum die Welt dreht sich, und das auch in Böhmen, und nicht einmal allzu langsam.

Genug Stoff für eine Tageszeitung, sollte man meinen – selbst für die Mlada fronta, das meistgelesene, wie man selbst gern betont: seriöse Blatt des Landes. Und zugleich die selbst ernannte Speerspitze des investigativen Journalismus. Und da können dann die Milliarden hin- und herspülen und Präsidentschaftskandidaten kommen und gehen - wenn es gilt Bedeutenderes aufzudecken ist das egal. Seite 1 bis 3 der Mittwochsausgabe widmete sich nämlich der Frage: Haben Tschechen zu Recht Angst vor dem Älterwerden? Und das investigativ, natürlich.

Denn schließlich war es ja die Mlada fronta, die Oberbürgermeister Pavel Bém mit falschem Schnauzbart als italienischen Tourist zum Taxi-Testen geschickt hat. Und es war ebenfalls die Mlada fronta, die eine Redakteurin mit umgehängtem Schwangerschafts-Bauch sensationell aufdecken ließ, dass man nicht erst zwei Wochen vor der Niederkunft in der Geburtsklinik vorstellig werden sollte. Nach der Geburt nun also der Tod, oder das, was kurz davor kommt.

Aber wie behandelt man das Problem des Älterwerdens? Sollte man etwa mit denen reden, die es erleben? Mit alten Menschen über Lebenserfahrung, und Schmerzen, über Gelassenheit und Verluste, über das allmähliche Versagen des Körpers, über unwürdig knappe Renten, rasend schnelle Metrotreppen und die Einsamkeit des Alters? Das wäre wichtig. Aber spektakulär wäre es nicht. Und eben auch nicht so richtig investigativ.

Also Methode Mlada fronta: Man nehme eine 31-Jährige Redakteurin und viel, viel Zeit in der Maske der Barrandov-Filmstudios. Heraus kommt eine optisch überzeugend Achtzigjährige, die dann in weggeschminkter jugendlicher Frische bei einer Testrunde durch die Hauptstadt am Krückstock Venenleiden und Arthritis simuliert. Das Ergebnis - erbärmliche Erlebnisprosa vom Fußgängerübergang:

„Die Autos fahren schon an und drängen sich dicht an mir vorbei. Heiße Gase aus den Auspuffen umzüngeln meine Beine und ich denke: ´Das Spiel ist aus, ich werfe den Stock weg und renne auf die andere Seite, hier geht es ums Leben!´ - Nein ich habe es nicht getan. Denn wenn ich wirklich achtzig wäre und schlimme Beine hätte, dann könnte ich auch nicht laufen. Die Angst aber, die werde ich nicht vergessen.“

Auch wir, die Leser, werden die Angst nicht vergessen. Die Angst vor dem nächsten Beitrag, der aus wichtigen Themen Mummenschanz macht. Die Angst davor, eines Tages die Mlada fronta aufzuschlagen und mit ansehen zu müssen, wie girliehaft geschminkte Seniorinnen mit Glückshormonen vollgepumpt in die Disco geschickt werden, damit sie berichten, wie sich das Jungsein so anfühlt. Ganz investigativ, natürlich.