Antonín Dvořáks Weg zum Weltruhm führte über Wien und Berlin

Antonín Dvořák

Antonín Dvořák ist der weltweit bekannteste tschechische Tonkünstler. In diesem Jahr, exakt am 1. Mai, wurde seines 110. Todestags gedacht. Dieses Jubiläum ist einer der Jahrestage, dank denen 2014 auch als Jahr der tschechischen Musik gefeiert wird. Radio Prag hat über Dvořáks Werk und künstlerische Laufbahn mit der Musikwissenschaftlerin Jarmila Gabrielová gesprochen.

In der Musik begegnet man heute einem Streben nach einer möglichst authentischen Interpretation von Werken. Diese so genannte historische Aufführungspraxis nahm ihren Ausgang bei der älteren Musik, aber sie bezieht sich inzwischen auch auf Musik des 19. Jahrhunderts. Was kann uns bei dieser Interpretation helfen. Antonín Dvořák hat sehr wenige Kommentare zu seinen Werken hinterlassen, er hat kein Tagebuch geschrieben wie z.B. Bedrich Smetana, er hat auch keine theoretischen Schriften wie Richard Wagner geschrieben. Wo kann man also etwas darüber erfahren, was er meinte, wie er es sich vorstellte?

"Das kann man natürlich auf Grund seiner Manuskripte, seiner Autographen studieren und natürlich auf Grund der Kenntnisse über die damalige Aufführungspraxis, über damalige Interpreten, damalige Kritiken usw. Das ist durchaus möglich."

Und wie sieht es mit schriftlichen Dokumenten aus, was ist zum Beispiel mit seiner Korrespondenz?

"Ja, die ist ziemlich reich, und sie ist erhalten geblieben und zum großen Teil auch herausgegeben worden. Und darin kann man Dvořáks Laufbahn, seine künstlerische Tätigkeit und natürlich auch sein persönliches Leben, sein Familienleben, seine künstlerischen Reisen usw. sehr gut und genau folgen."

Wenn wir Dvořák als Komponist betrachten: Er wird als ein spontaner Komponist mit einem riesigen Reichtum an Ideen und musikalischen Einfällen charakterisiert. Ist es wirklich so, dass er so leicht komponierte, oder war es auch eine intellektuelle Arbeit?

"Ja, wissen Sie... Also mit dem Reichtum an Einfällen und Ideen, das stimmt vollkommen. Aber diese Spontaneität, das hat man auch z.B. über Mozart oder Schubert gesagt, das trifft nicht zu. Auch nicht für Mozart, auch nicht für Schubert und natürlich auch nicht für Dvořák. Das Komponieren ist immer eine anstrengende intellektuelle Tätigkeit, vor allem wenn es um große Formen geht. Und so war es auch bei Dvořák, muss ich sagen. Und man kann das genau an seinen Autographen, an seinen Skizzen, Entwürfen und auch an fertigen Autographen studieren."

Kann man sagen, wo er Inspiration für sein Schaffen gesucht und gefunden hat?

"Ja, wenn man äußere Eindrücke in Betracht zieht, dann ist es eigentlich schwer zu sagen, dafür haben wir wenige Belege - also Natureindrücke, Liebeserlebnisse usw. Ich glaube, er fand Inspiration vor allem in der Musik, in der Musik von seinen Zeitgenossen. Und daran kann man schon genauer betrachten oder genauer verfolgen, wie er auf seine Zeitgenossen und auch auf seine Vorgänger reagiert hat. Das heißt die Musik, sagen wir von Beethoven, Schubert (er hat Schubert sehr geschätzt), aber auch Liszt, Wagner und dann Johannes Brahms, Tschaikowski, Grieg und sogar die jüngeren Zeitgenossen, wie z.B. Richard Strauss."

Manuskript der Oper 'Kathinka und der Teufel'
Dazu fällt mir eine weitere Frage ein: Was für Möglichkeiten hatte Dvořák, die Werke dieser Komponisten zu hören? Wie sah eigentlich das Musikleben in Prag bzw. in den Böhmischen Ländern aus? Wo konnte er so etwas hören?

"Ja, also in Böhmen war es vor allem in Prag, da war das Musikleben am reichsten, aber zu Dvořáks Zeiten bedeutete es vor allem die Oper, das Theater. Und wie bekannt ist, er war auch ein Opernkomponist und hat einige Zeit am Theater gewirkt. Also bei Opernaufführungen konnte er eigentlich das gängige europäische Repertoire, die italienische, französische und natürlich auch die tschechische Oper hören. Mit der Instrumentalmusik war es ein bisschen komplizierter, da es zu Dvořáks Zeiten eigentlich kein professionelles Orchester in Prag gab. Und symphonische Konzerte waren eigentlich ziemlich selten. Aber trotzdem gab es Aufführungen, zu Dvořáks Studienzeiten waren es z.B. der Prager Cäcilien-Verein und die so genannte Sophien-Akademie mit Laienorchestern, in denen auch professionelle Musiker spielten. Diese trafen zusammen und bereiteten die Konzerte vor. Dabei handelte es sich um große Aufführungen, z.B. Werke von Berlioz, Wagner und Ähnliches. Später in den 60er und 70er Jahren war es so, dass eben das Opernorchester auch Konzerte gab. Es waren meistens beide Opernorchester, das Orchester des tschechischen Interimstheaters und das Orchester des damals deutschen Landestheaters in Prag. Dabei handelte es sich, das kann man sagen, um sehr gute symphonische Aufführungen. Das war in Prag. Aber in seinen späteren Jahren reiste Dvořák ziemlich oft zu Aufführungen nach Wien, nach Leipzig, nach Berlin, um die Werke z.B. von Johannes Brahms und anderen zeitgenössischen Komponisten zu hören."

Antonín Dvořák Im öffentlichen Bewusstsein sind bei Dvořák und seinem Leben seine Reisen nach England und vor allem nach Amerika bekannt. Da Radio Prag jedoch auf Deutsch, in deutschsprachige Länder sendet, möchte ich gerne nach seinen Beziehungen zum deutschsprachigen Raum, zu Deutschland und zu Österreich fragen...

"Man muss unterscheiden. Es handelte sich einerseits um Dvořáks Beziehungen zu Wien, zur damaligen Hauptstadt der Habsburger Monarchie, und anderseits zu Deutschland. In beiden Richtungen war es sehr wichtig. Wien und Berlin, das war eigentlich Dvořáks Weg zum Weltruhm. Das ist eine bekannte Geschichte: In Wien war sein Antrag für das staatliche Künstlerstipendium von großer Bedeutung, mit dem er die Aufmerksamkeit von Eduard Hanslick und Johannes Brahms erweckte. Diese haben ihm dann geholfen, seine Werke an den Berliner Verleger Fritz Simrock zu senden und bei ihm zu veröffentlichen. Das war damals enorm wichtig, einen guten, großen Verleger zu haben, um eigene Werke in die Welt zu bringen. Also das war sehr wichtig. Und später natürlich wurden Dvořáks Werke sowohl in Wien als auch in verschiedenen deutschen Städten aufgeführt, zum Teil auch unter Dvořáks Leitung. Ich kann z.B. Dresden, Leipzig, Berlin und Frankfurt am Main erwähnen."

Sie haben Brahms erwähnt, der eine große Rolle beim internationalen Durchbruch von Antonín Dvořák gespielt hat. Wie hat sich ihr Verhältnis entwickelt? Waren Sie Freunde? Haben sie z.B. über ihre Werke diskutiert?

"Ja, das stimmt. Wie schon gesagt, Johannes Brahms war etwas älter, er war acht Jahre älter als Dvořák und hat sich für Dvořáks Musik und Dvořáks schöpferische Entwicklung von Anfang an sehr interessiert und Dvořák wirklich geholfen. In den ersten Jahren sozusagen als der Ältere, als Mentor, als ein erfahrener Komponist, später war es dann eine gleichberechtigte Beziehung und eine tiefe Freundschaft, kann man sagen. Und auch Dvořák schätzte Brahms sehr, er war zum Beispiel an seinem Sterbebett und hat an seinem Begräbnis teilgenommen und auch danach ein Konzert in Leipzig zum Andenken an Brahms geleitet."

Die Zusammenarbeit mit dem Simrock-Verlag, die auch von Brahms initiiert wurde, was hat das für Dvořák bedeutet? Wenn eines seiner Werke bei Simrock erschien, ermöglichte dies, dass Dirigenten und Interpreten mehr danach gegriffen haben?

Ja, das stimmt. Wie schon gesagt, das war damals der wichtigste Weg oder der einzige Weg, um Werke in die Welt zu bringen, also durch gedruckte Noten. Und wenn es sich um einen so renommierten Verlag handelte, dann war es umso wichtiger. Und wiederum, dieses Verhältnis zu Fritz Simrock und seinem Verlag dauerte lange Jahre, bis zu Simrocks Tod. Es war natürlich nicht ohne Streitigkeiten und ohne Verstimmungen, aber im Grunde genommen, war es auch in diesem Fall ein persönliches Verhältnis und eine Freundschaft zwischen dem Komponisten und seinem Verleger."

Dvořáks Klavier (Foto: Archiv des Dvořák-Museums in Prag)
War Dvořák der einzige böhmische Komponist seiner Zeit, dem es gelang, so einen internationalen Ruhm zu erringen?

"In seiner Generation bestimmt, ja. Das ist nicht vergleichbar z.B. mit dem Ruhm von Bedrich Smetana, von Zdenek Fibich und anderen Komponisten dieser Generation. Aber wie schon gesagt, das hängt eigentlich mit der Verlagssituation zusammen und mit der Möglichkeit, die Werke im Druck zu veröffentlichen. Einen ausländischen Verleger zu finden, das gelang z.B. Smetana nicht."

Dvořák ist ein sehr universaler Komponist, er hat alle möglichen Formen und in allen möglichen Genres geschrieben, von Liedern, über Kammermusik, große symphonische Werke bis zu den eben genannten Opern. Lag ihm etwas davon besonders am Herzen?

"Also Dvořák wurde vom Anfang an als Instrumentalkomponist geschätzt, also als Symphoniker und als Autor der Kammermusik. Aber ihm lag eben die Oper sehr am Herzen, und er hat sich sehr bemüht, Erfolg als Opernkomponist zu haben. Und dies ist ihm eigentlich nur teilweise gelungen. Aber ich glaube, mindestens einige seiner Opern verdienen die Aufmerksamkeit, das heißt nicht nur 'Rusalka', sondern z.B. auch 'Dimitrij', 'Wanda', oder auch die komischen Opern wie 'Die Dickschädel' oder 'Der Bauer, ein Schelm'."

Weltweit sind einige Werke sehr populär. Vor allem die 9. Symphonie 'Aus der Neuen Welt', das Cello-Konzert h-moll, die Oper 'Rusalka'. Warum sind Ihrer Meinung nach gerade diese Werke so populär geworden, ist das ihre Qualität oder sind das auch glückliche Umstände bei der Erstaufführung und bei der weiteren Rezeption?

"Ich glaube beides. Es sind sicher Werke von höchster künstlerischer Qualität und zugleich auch Werke, die irgendwie im guten Sinne populär sind, also auf den ersten Blick irgendwie verständlich."

Die Musikwissenschaftlerin Jarmila Gabrielová wird einen Festvortrag zum „Jahr der Tschechischen Musik“ bei den Musikfestspielen „Europäische Wochen Passau“ halten. In ihrem Vortrag geht sie der Frage nach, welche charakteristischen Momente die Musik- und Kompositionstradition Tschechiens bestimmen. Dabei beschäftigt sie sich im Besonderen mit dem Werk von Antonín Dvořák. Die Veranstaltung findet am 20. Juli um 11 Uhr im Klavierhaus Piano Mora in Passau statt.


Dieser Beitrag wurde am 1. Mai 2004 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.