Archäopark Všestary lädt in die Steinzeit ein

Foto: Martina Schneibergová

Eine prähistorische Höhle mit Felsmalereien sowie einen Grabhügel – das lässt sich in der Nähe von Hradec Králové / Königgrätz besichtigen. Und zwar bei einem Ausflug in den hierzulande einzigartigen Archäopark in der Gemeinde Všestary. Ende Januar wurde dort die erste Dauerausstellung über die ersten menschlichen Besiedlungen eröffnet. Wann die Steinzeit in Mitteleuropa begann, ist schwer zu datieren. Sie endet aber mit der Jungsteinzeit, also dem so genannten Neolithikum, das etwa von 5500 bis 2200 vor Christus dauerte.

Gemeinde Všestary (Foto: Google Street View)
Die Gemeinde Všestary liegt etwa acht Kilometer nordwestlich von Hradec Králové. Der Archäopark ist nur ein paar Schritt von der Bushaltestelle entfernt. Er besteht aus einem Freilichtmuseum und eine Dauerausstellung im neuen Museumsgebäude. Hana Dohnálková beschäftigt sich schon seit Langem mit der Erforschung der Steinzeit und war an der Errichtung des Archäoparks beteiligt. Die Idee des Archäoparks stamme aber von dem passionierten Archäologen Radomír Tichý, sagt sie:

„Er hat die Archäologie nicht nur auf die Suche nach Fragmenten von Gegenständen beschränkt, sondern interessierte sich auch dafür, wie diese Gegenstände entstanden, wie sie genutzt wurden und was mit ihnen passiert ist. Schon während des Studiums unternahm er die ersten Experimente, beispielsweise mit einem Einbaumboot auf dem Fluss Orlice. Als er Dozent an der Pädagogischen Hochschule wurde, gründete er ein Seminar für experimentelle Archäologie. Damals wurde im Rahmen des Seminars auf einem Grundstück unweit von Hradec Králové ein erstes jungsteinzeitliches Haus erbaut. 1998 mussten wir das Grundstück aber verlassen. Wir fingen dann an, in Všestary ein prähistorisches Haus zu bauen. Es entstand ein Freilichtmuseum, das sich vor allem an Schulklassen gerichtet hat. Später zeigte sich der Bedarf einer Dauerausstellung, die man nicht nur im Sommer, sondern bei jedem Wetter besuchen kann.“

Foto: Martina Schneibergová
Die neue Dauerausstellung besteht aus drei Teilen. Rund 400 Exponate sind durch Zeichnungen, interaktive Tafeln und Modelle ergänzt. Die Expertin:

„Die Atmosphäre, die Landschaft sowie das Leben in der Urgeschichte versuchen wir anhand eines Modells einer besiedelten prähistorischen Landschaft zu beschreiben. Zudem nutzen wir viele Gemälde. Draußen haben wir ein jungsteinzeitliches Haus sowie ein Haus aus der Kupfersteinzeit errichtet. Dort bieten wir den Besuchern auch die Möglichkeit, die Arbeit von Archäologen einmal selbst auszuprobieren.“

Foto: Martina Schneibergová
Die Führung durch die Dauerausstellung beginnt im Erdgeschoss. Gleich am Eingang stößt man auf die Knochen eines Mammuts.

„Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist auf dem Boden ein Mammut gezeichnet. Diese Blechstücke stellen Mammutknochen dar. Sie liegen hier genauso, wie die Mammutknochen, die unweit von hier in Svobodné Dvory gefunden wurden. Es handelt sich um die Nachstellung eines berühmten archäologischen Funds aus unserer Region. Denn es sind nicht allzu viele Mammute, die in unserer Region gefunden wurden.“

Foto: Martina Schneibergová
Das Mammut, von dem die Rede ist, lebte vor etwa 17.400 Jahren. Eine Vorstellung von der Arbeit der Archäologen können sich die Besucher an einem Modell machen, an dem die einzelnen Phasen einer Ausgrabung dargestellt sind.

Weiter geht es in eine spärlich beleuchtete Höhle, an deren Wänden sich einfache Zeichnungen und Handabdrucke prähistorischer Jäger befinden.

Foto: Martina Schneibergová
„Es handelt sich um altsteinzeitliche Felsenkunst. Inspiriert haben wir uns an Zeichnungen aus Frankreich, aber sie sind auch in Spanien oder Italien zu finden. Das Mosaik von Motiven stellt mehrere Tiere dar. Auch wenn bei uns keine derartigen Zeichnungen gefunden wurden, wollten wir zeigen, dass die prähistorischen Menschen auch auf unserem Gebiet Höhlen genutzt haben. Die gemalten oder gravierten Tierdarstellungen erinnern an die Chauvet-Höhlen in Frankreich, die vor etwa 30.000 Jahren entstanden sind. Wir nehmen an, dass diese Höhlen auch zu bestimmten religiösen Zeremonien dienten. Dabei können unterschiedliche Teile der Höhle bemalt sein. Manchmal waren es die größeren Räumen, in denen sich mehrere Menschen versammeln konnten. Ein anderes Mal findet man die Malereien oder Gravierungen an einem versteckten, schwer zugänglichen Ort. Vielleicht dachten die Felsenmaler, dort sei die Unterwelt, wo sich die Geister verbargen.“

Foto: Martina Schneibergová
„Unterwelt“ heißt im Übrigen auch der Ausstellungsteil im Erdgeschoss. Von der Felsenkunst geht es dort weiter zu einem großen, in einer Wand eingelassenem Aquarium. Prähistorische Funde stammen oft von Meeres-, See- oder Flussböden, erklärt Hana Dohnálková:

„Es wird hier sehr realistisch dargestellt, wie so ein Flussboden aussehen kann, welche Gegenstände sich dort befinden können. Ein hochinteressantes Phänomen stellen die prähistorischen Pfahlbausiedlungen dar, die sich am Ufer der Seen in den Alpenregionen befanden. Die Pfahlbauten waren verschlammt, und in diesem Schlamm ist viel organisches Material erhalten geblieben. Für uns ist das wichtig, weil auf dem Gebiet Tschechiens aus der Jung- oder Kupfersteinzeit meist nur Gegenstände erhalten geblieben sind, die nicht aus organischem Material hergestellt wurden. Die Funde aus den Pfahlbausiedlungen helfen uns, Lücken in unserem Wissen zu füllen.“

Foto: Martina Schneibergová
An einem Schacht, in dem Feuerstein abgebaut wurde, geht es vorbei zu einem Hügelgrab aus der Jungsteinzeit. Das Grab wurde nach dem Vorbild der Megalithanlage von Newgrange in Irland gestaltet. Der Grabhügel ist astronomisch orientiert. Der Sonnenstrahl fiel zur Sonnenwende auf eine bestimmte Stelle im Grabhügel. So konnten die damaligen Menschen die Jahreszeiten bestimmen. In der Dauerausstellung dient die stilisierte Megalithanlage jedoch nur als Kulisse für die Darstellung verschiedener prähistorischer Bestattungsriten.

„Als erstes zeigen wir hier Skelettgräber. Es waren häufig so genannte Hockgräber, in denen der Tote auf der Seite liegend mit angewinkelten Beinen und Händen bestattet wurde. Zudem werden hier Brandgräber dargestellt. Diese Bestattungen waren oft sehr einfach, die sterblichen Überreste wurden verbrannt und in einer Grube bestattet. Von diesen Gräbern ist oft nicht viel erhalten geblieben, weil sie nicht tief waren. Ein spezielles Thema sind Kollektivgräber, in denen aus unterschiedlichen Gründen mehrere Tote in einem Grab bestattet wurden. Wir zeigen hier auch das Grab eines wichtigen keltischen Kriegers. Er wurde mit seinem Schwert und seinem Schild sowie weiteren Utensilien bestattet.“

Foto: Martina Schneibergová
Aus der „Unterwelt“ im Erdgeschoss geht es in die erste Etage. Sie heißt „das Leben“. Der Saal wird von einem neun Meter langen und drei Meter breiten Modell einer prähistorischen Landschaft dominiert. Es handelt sich um eine Landschaft zum Ende der späten Jungsteinzeit. Das Modell im Maßstab 1:87 zeigt, wie die Menschen damals auf dem Feld arbeiteten, wie sie Häuser bauten und Tiere züchteten. Hana Dohnálková:

„Mit einer Taste kann man eine bestimmte Szene aus der Landschaft beleuchten und mehr darüber lesen. Wir haben dazu auch bestimmte Klänge aufnehmen lassen: Die hier dargestellte Bestattungszeremonie ist zum Beispiel von Jammern begleitet.“

Foto: Martina Schneibergová
Ein Blick auf die prähistorische Landschaft aus der Vogelperspektive bietet sich aus der Galerie der zweiten Etage, die als „der Himmel“ bezeichnet wird. Rund um die Galerie sind Hunderte von Repliken prähistorischer Gegenstände zu sehen – wie beispielweise Waffen, Geschirr sowie Schmuck.

Die Beschriftung der Dauerausstellung ist zweisprachig – tschechisch und englisch. Hana Dohnálková und ihre Mitarbeiter wollen das Museum aber in Zukunft auch mit einem Audioführer auf Deutsch ausstatten.

Foto: Martina Schneibergová
Bis Ende Juni ist der Archäopark für die Öffentlichkeit nur am Samstag und Sonntag von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen unter Woche sind nur für Schulklassen bestimmt. Im Juli und August ist die Anlage von Mittwoch bis Sonntag für die Öffentlichkeit geöffnet. Mehr über den Archäopark erfahren Sie unter www.archeoparkvsestary.cz

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