Aus Luxemburg nach Theresienstadt: Maler Guido Oppenheim

Der luxemburgische Maler Guido Oppenheim wurde von den Nationalsozialisten im Alter von 80 Jahren ins KZ Theresienstadt verschleppt. Anlässlich seines 80. Todestags wurde vor kurzem im Ghetto-Museum in Terezín / Theresienstadt eine Ausstellung aus dem Werk des Künstlers eröffnet. Während der Vernissage hat Radio Prag International  mit dem luxemburgischen Botschafter Ronald Dofing gesprochen.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Herr Botschafter, wie ist die Ausstellung zustande gekommen? Denn Guido Oppenheim ist hierzulande fast unbekannt…

„Genau. Deshalb haben wir gedacht, dass es interessant wäre, Guido Oppenheim und sein Schicksal auch in Tschechien bekannt zu machen. Guido Oppenheim war mir bekannt als Luxemburger, weil ich als relativ junger Mensch 1982 die erste Retrospektive des Malers im Museum in Luxemburg in der Villa Vauban gesehen habe. Und ich war ganz überrascht, weil ich Oppenheim auch nicht kannte. Und was mich berührt hat, war sein Schicksal: dass ein bekannter, sehr integrierter Maler plötzlich mit 80 Jahren auf einen Judentransport ins Ghetto Theresienstadt geschickt wird und durch sein Lebensalter und die widrigen Umstände ein paar Wochen danach stirbt. Guido Oppenheim war zudem nicht allein, seine zwei Brüder und seine Schwägerin waren im gleichen Transport und kamen in Theresienstadt ums Leben. Das Schicksal Guido Oppenheims ist eines von sehr vielen. Denn Theresienstadt war bekannt als Künstlerghetto. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass der Maler Oppenheim aus Luxemburg nach Theresienstadt geschickt wurde.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Mit Sicherheit wurden nicht nur Guido Oppenheim und seine Verwandten aus Luxemburg nach Theresienstadt verschleppt…

„Theresienstadt ist insgesamt für Luxemburg eine wichtige Etappe im Zweiten Weltkrieg. Denn ein großer Teil der jüdischen Mitbürger – oder jüdischen Ausländer, die probiert hatten, in Luxemburg Asyl zu finden und nachher weiter nach Frankreich oder Belgien zu gehen, doch von den Nazis aufgegriffen wurden – schickte man eben in diese Ost-Transporte. Es gab in Luxemburg sogar ein Auffanglager: das frühere Kloster Fünfbrunnen im Norden des Landes, in den Ardennen, das zum sogenannten ,jüdischen Altersheim‘ umfunktioniert wurde. Das ist schon etwas Ähnliches wie Theresienstadt. Denn man nahm eine bestehende Struktur, deutete sie um und verharmloste natürlich das Ganze, weil es ja ein Auffanglager war. Auch dort waren die Lebensbedingungen schrecklich. Es handelte sich um ein relativ kleines Kloster, und man steckte 300 ältere Leute dahin, wo vielleicht 100 Leute Platz gehabt hätten. Von dort aus, weil das Kloster an der Eisenbahn lag, schickten die Nazis die Transporte teilweise nach nach Theresienstadt, teilweise in andere KZs.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Wann gab es die ersten Transporte aus Luxemburg?

„Das war 1941. Die ersten Transporte gingen nach Łódź – ins Ghetto Litzmannstadt, wie man das damals nannte. Die meisten Leute wurden dann im KZ Chelmno ermordet, das nahe Łódź liegt. In der zweiten Phase wurden die Menschen nach Theresienstadt geschickt. Die meisten Transporte – sie betrafen mehr als 300 Leute – wurden 1942 durchgeführt. Dazu gehörte auch der Transport, in dem Guido Oppenheim verschleppt wurde. Die Situation in Luxemburg während des Zweiten Weltkriegs ist teilweise vergleichbar mit jener in der Tschechoslowakei beziehungsweise Böhmens und Mährens. Luxemburg feierte 1939 noch 100 Jahre Unabhängigkeit, die es 1839 erreicht hatte. Ein paar Monate darauf, am 10. Mai 1940, kam der deutsche Überfall auf Luxemburg, Belgien und Holland als Generalprobe für den Weitermarsch der Wehrmacht nach Frankreich. Luxemburg ist ein kleines Land, Belgien ist auch kein großes Land. Innerhalb von einem Tag war Luxemburg von der Wehrmacht eingenommen.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Gibt es da Ähnlichkeiten mit der Lage im „Protektorat Böhmen und Mähren“?

„Die Nazis gliederten Luxemburg gleich ins Deutsche Reich ein unter der Bezeichnung Mosel-Gau, der Gauleiter hieß Simon. Dies ist vergleichbar mit der Lage in Böhmen und Mähren. Und noch eine Parallele: Die Deutschen versuchten partout, die luxemburgische Sprache auszumerzen. Luxemburgisch ist eine germanische Sprache, sie ist niederdeutsch, es gleicht in verschiedenen Lautformen sehr dem Jiddischen, weil es die gleiche Entstehungsgeschichte hatte. Die Nationalsozialisten versuchten partout, den Luxemburgern einzubläuen, dass ihre Muttersprache Deutsch wäre. Denn sie dachten, über die Sprache käme man gleich zur Nationalität. Wenn die Luxemburger Deutsch reden, dann seien es Deutsche, dachten sie. 1942 wurde ein Referendum abgehalten, von dem sich die Deutschen versprachen, es würde ihre Eindeutschungsreform massiv unterstützen. Das Gegenteil war der Fall: Über 95 Prozent der Bewohner sagten, ihre Muttersprache sei Luxemburgisch. Das war eigentlich auf dem Formular gar nicht vorgesehen, und das Resultat wurde von den Deutschen nie publik gemacht, weil ganz klar war, dass es den Beginn des offenen Widerstandes bedeutet hätte. 1942 wurde die Luxemburger Jugend in die Wehrmacht verpflichtet. Da kam es zu den ersten öffentlichen Streiks, zu Standgerichten und auch Erschießungen. Und das ist die richtige Geburtsstunde des Luxemburger Widerstandes.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Kommen wir noch auf den Maler Oppenheim zurück. Er studierte in München und in Paris, wo er einige Jahre lang lebte. Kann man ihn mit einem seiner Zeitgenossen vergleichen?

„Guido Oppenheim ist ein typischer Landschaftsmaler des frühen 20. Jahrhunderts. Man kann seinen Stil vielleicht als postimpressionistisch beschreiben. Er war in den 1920er und 1930er Jahren in Luxemburg sehr bekannt, weil er die Landschaft seiner Heimat malte. Sehr viele bürgerliche Leute hatten über ihrem Sofa ein Gemälde von Oppenheim hängen. Er war also ein sehr bekannter Mann und konnte von seiner Kunst leben. Für seinen Werdegang ist interessant, dass er in München und an der École des Beaux-arts in Paris studierte und dort bekannte Professoren hatte. Um 1905 und 1910 herum – vor dem und vermutlich auch nach dem Ersten Weltkrieg – lebte er in Paris und hatte dort Kunden. Oppenheim malte in den Wäldern in der Nähe von Paris. Es gibt in der Ausstellung ein paar Ansichten vom Wald von Fontainebleau. Er führte diese Malerei weiter nach der Rückkehr nach Luxemburg und malte in den Wäldern der Ardennen.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Von wem wurde die Ausstellung zusammengestellt? Ist sie dank der Zusammenarbeit von zwei Luxemburger Museen zustandegekommen?

„Die Sache ist die: Es gibt sehr viele Bilder von Guido Oppenheim, die meisten sind im Privatbesitz, weil sie die Leute damals kauften. Und sie besitzen diese Bilder noch. Die Museen haben etliche Bilder, aber teilweise nicht die interessantesten. Wir wollten beispielsweise unbedingt ein Gemälde der alten Luxemburger Synagoge zeigen. Dies ist eines der bekanntesten Motive von Oppenheim, befindet sich aber im Privatbesitz – und wir konnten nicht herausfinden, wem es gehört. Die Gemälde, die hier zu sehen sind, sind eigentlich der Fundus der zwei großen Museen in Luxemburg: des Nationalmuseums und des Museums der Stadt Luxemburg. Das Museum der Stadt Luxemburg hat den Maler vor einiger Zeit wiederentdeckt und zeigte 1982 schon die erste Retrospektive. In dieser wurden aber, im Gegensatz zur hiesigen Ausstellung, in der mehr Landschaftsbilder zu sehen sind, auch viele Porträts gezeigt. Hier in Theresienstadt findet sich allerdings das Porträt von Frau Rosenstiel, das aus dem späten 19. Jahrhundert stammt. Frau Rosenstil war die Ahnin der Besitzer eines Großkaufhauses in Luxemburg. Wie in anderen Städten gehörten viele der Großkaufhäuser um 1900 jüdischen Familien. Das ist auch eines der Unterthemen dieser Ausstellung. Guido Oppenheim hat sehr viele jüdische Geschäftsbesitzer gemalt. Die meisten Bilder befinden sich noch heute im Besitz der Familien. Das ist auch ein Teil der Luxemburger Geschichte. Denn natürlich wurden all diese großen Kaufhäuser gleich nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten arisiert und die Leute enteignet. Vielen der früheren Eigentümer gelang die Flucht über Frankreich und Spanien teilweise in die USA und teilweise nach Südamerika. Es gibt Dutzende unterschiedlicher Geschichten. Andere wurden in die KZs verschleppt. Das ist auch ein wichtiger Teil der Luxemburger Geschichte.“

Die Ausstellung aus dem Werk von Guido Oppenheim ist im Museum des jüdischen Ghettos in Terezín zu sehen, sie läuft noch bis 4. Juni. Das Museum ist täglich von 9 bis 17.30 Uhr, ab April bis 18 Uhr geöffnet.

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