Ausstellung: Die Poesie des Ungleichzeitigen im Irgendwo

Foto: Archiv des Österreichischen Kulturforums Prag

Überall in Tschechien wird dieses Jahr an das Ende des kommunistischen Regimes vor 25 Jahren erinnert. Im Österreichischen Kulturforum Prag läuft derzeit eine Fotoausstellung, die sich mit dem politisch bedingten Wandel der ehemaligen Sowjetrepubliken beschäftigt. Christoph Grill zeigt in seinen Fotos den Alltag und den täglichen Überlebenskampf der Menschen inmitten von Überresten aus der Vergangenheit in Ländern und Regionen, in denen das kommunistische Erbe noch greifbar in der Luft hängt.

Foto: Christoph Grill, Archiv des Österreichischen Kulturforums Prag
Alles weiß. Der Übergang von Land zu Himmel verschwindet im Weiß. Vorne kauert eine schwarzvermummte Gestalt, die von der Weite der Landschaft fast aus dem Bild hinausgedrängt wird. Irgendwo ganz weit hinten ein kleiner schwarzer Punkt: ein weiterer Mensch.

Solcherart sind die Fotos, die in der Ausstellung „Die Poesie des Ungleichzeitigen im Irgendwo“ zu sehen sind. Zwölf Jahre reiste Christoph Grill durch die abgelegensten Gebiete postsowjetischer Länder, um die Lebensrealität nach dem Regimewechsel zu dokumentieren. Die Fotos erzählen eine Geschichte von der Übermacht der Landschaft. Der Mensch ist meist aus dem Zentrum der Bilder weggedrängt. Christoph Grill über die Personen in seinen Fotos:

Foto: Archiv des Österreichischen Kulturforums Prag
„Obwohl sie klein und vielleicht auch abgeschnitten sind, oder obwohl vielleicht auch das Gesicht verdeckt ist, sind sie doch immer sofort sichtbar. Das ist das Interessante für mich. Obwohl sie dann fast in diesen Landschaften untergehen. Interessant ist für mich wo diese Menschen leben, wo sie sich bewegen, in welcher Landschaft, in welchem Umfeld.“

Die Fotos werden in der Ausstellung von Tagebucheintragungen des Künstlers begleitet. Dort liest man zum Beispiel:

„Am Weg zurück zum Auto bemerke ich einen auf einer Wiese liegenden Mann, der seinen Rausch ausschläft. Die Wiese ist hinten von einer Gruppe Weiden begrenzt, vor der sich eine große Werbetafel befindet, auf der eine Biermarke angepriesen wird. Ein leichter Wind versetzt die Weidenblätter in eine Art Drehbewegung, sodass einmal ihre dunklere Ober-, dann wieder ihre silbrig glänzende Unterseite zu sehen ist. Das Ganze erweckt den Eindruck einer monumentalen Bühne, die von einer mit Flitterkram geschmückten Wand eingerahmt ist. Ich muss schnellstens den Film wechseln. Im Moment des Fertigwerdens wacht der Mann jedoch auf und geht.“

Foto: Archiv des Österreichischen Kulturforums Prag
Christoph Grill interessiert sich für Momente, die unwirklich, inszeniert, oft absurd wirken. Der Eindruck, der bleibt: Menschen in surrealen Landschaften, die am Rande der Geschichte gestrandet sind. Grill beschreibt einen dieser Orte:

„In Sachalin, zum Beispiel, war eine riesige Holzverarbeitungsfirma und es liegen Millionen von Stämmen herum, wie in einem überdimensionalen Mikadospiel. Aber dort passiert nichts mehr. Die Stämme verrotten einfach. Es passiert einfach nichts mehr, das finde ich irgendwie interessant. Metropolen nähern sich ja vom Erscheinungsbild immer mehr aneinander an, aber in der Peripherie sieht man davon recht wenig. Man sieht eher das Ende, den Umbruch, dass dort wenig oder gar nichts mehr passiert, aber man sieht keinen Fortschritt.“

Foto: Archiv des Österreichischen Kulturforums Prag
Es ist eine Welt, die vom Lauf der Zeit vergessen wurde, in der die Vergangenheit in Form riesiger Gebäude oder Anlagen noch immer präsent ist. Eine Welt, in der weder die Vergangenheit, noch die Gegenwart, noch auch die Zukunft ihren Platz finden kann.

Die Ausstellung „Die Poesie des Ungleichzeitigen im Irgendwo“ von Christoph Grill ist noch bis 22. Oktober im Kulturforum Prag zu sehen. Die Fotos und Tagebucheinträge wurden außerdem in dem Buch „Short Stalks at Distant Shores – Imagining Post-Soviet Space“ im Hatje-Cantz-Verlag veröffentlicht.

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