Barockoper pur: Purcells „Dido und Aeneas“ im Prager Ständetheater

Markéta Cukrová (Dido), Lukáš Bařák (Aeneas), Collegium Vocale 1704

Im Prager Ständetheater hatte am Donnerstag eine Neuproduktion der Oper „Dido und Aeneas“ von Henry Purcell die Premiere. Dirigiert wurde sie vom deutschen Dirigenten Michael Hofstetter, und die Partie des Aeneas singt der tschechische Bariton Lukáš Bařák. Martina Schneibergová hat vor der Generalprobe mit beiden gesprochen.

Herr Hofstetter, welche Stellung hat die Oper „Dido und Aeneas“ in Henry Purcells Werk?

Michael Hofstetter | Foto: Uwe Moosburger,  Nationaltheater Prag

„Purcell lernte sozusagen in Frankreich bei Lully. Er hat aber dann sein ganzes Wissen in England angewendet und wirklich etwas Eigenes geformt. Warum ist etwas so Eigenes daraus geworden? Weil er sich ganz dem Duktus und dem Sprachfluss der englischen Sprache anvertraut hat. Ungefähr zur gleichen Zeit in Deutschland sprach Heinrich Schütz, der Komponist geistlicher Motetten, davon, dass er das Wort oder den Text in die Musik übersetze. Genau das machte auch Purcell. Deshalb wurde aus dem, was er in Frankreich gelernt hat, in Kombination mit dem Fluss und dem Duktus der englischen Sprache eine ganz eigene musikalische Sprache, ein ganz eigener Klang, eine ganz eigene Phrasierung.“

Sie gelten als Spezialist für die Barockmusik. Wie ist Ihre Erfahrung jedoch mit dieser Oper?

„Ich hatte diese Oper noch nie gemacht. Ich habe zum Beispiel schon Werke von Caccini dirigiert, also aus der Zeit ein bisschen vor Purcell, und dann natürlich sehr viel in der nächsten Generation, etwa Werke von Händel. Er wirkte ja auch in England, aber eine oder zwei Generationen später. Da ich noch nie etwas von Purcell dirigiert habe, ist es für mich auch eine späte Premiere. Ich finde es wunderbar.“

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Prager Nationaltheater?

Per Boye Hansen | Foto: Patrik Borecký,  Nationaltheater Prag

„Ich habe schon vor Jahrzehnten an der Komischen Oper in Berlin eine Produktion von Händels ,Tamerlano‘ dirigiert. Und in Oslo habe ich die ,Zauberflöte‘ dirigiert. In beiden Fällen war Per Boye Hansen der Operndirektor. Und er hat mich nun eingeladen, in Prag zu dirigieren.“

Die renommierte tschechische Regisseurin Alice Nellis hat Regie des Stücks. Wie finden Sie die Zusammenarbeit mit ihr?

Alice Nellis | Foto: Jana Přinosilová,  Tschechischer Rundfunk

„Wirklich menschlich wunderbar. Aber das Stück ist auch szenisch so schön, es ist sehr inspirierend, was die Regisseurin und ebenso der Bühnenbildner zusammen auf die Bühne bringen. Jeder Blick auf die Bühne ist auch für mich inspirierend zum Musikmachen. Ich weiß, dass es den Sängern genauso geht.“

Ich habe nur gelesen, dass die Regie davon ausgeht, dass sich vieles im Kopf von Dido abspiele, dass sie Probleme habe – heute würden wir von psychischen Problemen sprechen…

Markéta Cukrová  (Dido),  Jekatěrina Krovatěva  (Belinda),  Collegium Vocale 1704 | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

„Ja, man hört sie natürlich. Alle Musik von Dido ist in Moll und immer in Molltonarten, die eine Tragödie bedeuten, wie c-Moll. Sie sind auch in g-Moll und d-Moll – und d-Moll, wie beim Mozart-Requiem, ist immer die Todes-Tonart. Wenn Dido singt, bringt sie sozusagen die Tragödie, den Schmerz mit auf die Bühne.“

Das Ständetheater ist wohl der passendste Theaterraum in Prag für diese Oper. Denn das Nationaltheater wäre vermutlich zu groß, und in der Staatsoper werden eher neuere Werke aufgeführt. Wie finden Sie die Bühne?

„Das Ständetheater ist vielleicht eines der schönsten Opernhäuser der Welt. Durch die Historie mit Mozart ist es ein singulärer Ort, wie es ihn nirgendwo sonst mehr gibt. Es ist ein Segen für mich, hier sein zu dürfen.“

Markéta Cukrová  (Dido),  Jekatěrina Krovatěva  (Belinda),  Collegium Vocale 1704 | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

Ich würde Sie gerne auch nach Ihrer Beziehung zur tschechischen Musik fragen.

„Ich bin eigentlich Spezialist für das 18. und frühe 19. Jahrhundert und auch für, sagen wir, die Wiener Klassik sowie vielleicht noch für Rossini und den frühen Verdi. Im vergangenen Jahr habe ich aber zufälligerweise bei einem Neujahrskonzert Musik aus der ,Rusalka‘ dirigiert. Ich fand, dass diese Musik wie kaum eine andere sofort zum Herzen geht. Es ist eine ganz andere klangliche Welt, aber ich glaube, man kann sie sofort verstehen. Und sie ist wirklich wie Balsam für die Seele.“


Herr Bařák, die Rolle von Aeneas singt manchmal ein Tenor, manchmal ein Bariton. Ist die Partie für den Bariton schwieriger?

Lukáš Bařák | Foto: Nationaltheater Prag

„Für mich ist sie ziemlich bequem, obwohl ich Bariton bin. Für den Tenor ist es vermutlich leichter, denke ich. Ich glaube jedoch, dass sowohl Tenöre, als auch Baritone die Partie schön singen können.“

Haben Sie die Oper zuvor gekannt?

„Ich habe vorher nichts von der Oper gesungen, habe aber die Musik gekannt, weil meine Frau (die Mezzosopranistin Arnheiður Eiríksdóttir, Anm. d. Red.) die bekannte Arie von Dido gesungen hat. Die Arie finde ich sehr schön. Das ganze Stück ist wunderbar.“

Ist es für Sie etwas Besonderes, in einer Barockoper aufzutreten? Denn sonst singen Sie in den Opern von Mozart oder Puccini, aber auch von Janáček…

Markéta Cukrová  (Dido),  Lukáš Bařák  (Aeneas) | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

„Für mich ist es das erste Barockstück, das ich singe, und es freut mich sehr. Es ist etwas Neues für mich, ich musste mehr mit der Stimme arbeiten. Aber ich denke, dass ich die entsprechende Farbe der Stimme gefunden habe.“

Wie finden Sie die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Michael Hofstetter und der Regisseurin Alice Nellis?

„Die Arbeit mit Alice Nellis ist sehr schön. Wir haben über alles detailliert gesprochen. Ich denke, das Publikum wird das erkennen. Mit Herrn Hofstetter habe ich zusammen viel an der Partie gearbeitet, denn es war etwas Neues für mich. An der Universität in Wien habe ich öfter Händel gesungen. Die Zusammenarbeit war wirklich schön.“

Markéta Cukrová  (Dido),  Lukáš Bařák  (Aeneas) | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

In welchen Rollen kann Sie das Publikum in den nächsten Monaten sehen?

„In der nächsten Zeit werde ich mehrmals Aeneas singen. Es folgen auch Papageno und Figaro. In der Oper in Brünn trete ich in Leoš Janáčeks Oper ,Das Schicksal‘ auf. Im Sommer geht es dann nach Österreich – bei den Bregenzer Festspielen singe ich in Janáčeks ,Ausflügen des Herrn Brouček‘.“

Die zweite Premiere der Oper „Dido und Aeneas“ findet am Samstag, 17. Januar, um 19 Uhr im Ständetheater statt. Weitere Reprisen stehen am 21., 24. und 31. Januar auf dem Programm sowie am 9. und 25. Februar. Es gibt noch Restkarten.

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