Ein verrückter Tag am Stadtrand: Mozarts „Figaro“ im Prager Ständetheater

Pavol Kubáň (Hrabě Almaviva) und Jekatěrina Krovatěva (Zuzana)

Im Prager Ständetheater hat am Freitag eine Neuinszenierung von Mozarts „Hochzeit des Figaro“ ihre Premiere. Die britische Dirigentin Julia Jones hat die Oper zusammen mit dem Ensemble des Prager Nationaltheaters musikalisch einstudiert. Regie hat Barbora Horáková Joly. Martina Schneibergová hatte während der Proben die Möglichkeit, mit der Regisseurin und mit Lukáš Bařák zu sprechen, der die Titelrolle des Figaros singt.

Frau Horáková Joly, „Figaros Hochzeit“ wird manchmal als Komödie bezeichnet. Dabei ist sie das nicht wirklich, oder?

Barbora Horáková Joly | Foto: Nationaltheater Prag

„Nein. Ich sehe sie wirklich ganz klar als eine Tragikomödie, weil es natürlich viele komische Momente gibt. Die Oper hat viele Szenen, ganz viel mehrstimmigen Gesang, aber der Spaß ist immer gefährlich und endet eigentlich immer im Streit. Und man muss schon sehen, dass die Situationen, in die sich die Personen manchmal selbst bringen, wirklich brutal sind.“

Welchen Platz nimmt die Oper innerhalb der drei Opern ein, die im Rahmen des Da-Ponte-Zyklus (Dichter Lorenzo Da Ponte schrieb das Libretto für drei Mozart-Opern) derzeit in Prag aufgeführt werden?

„Figaros Hochzeit ist die erste Oper aus dem Zyklus. Dann kommt ‚Don Giovanni‘ und zum Schluss ‚Così fan tutte‘. Und ich finde zum Beispiel interessant, dass die Figur des Cherubino später als Giovanni angesehen wurde und sogar auch als Don Alfonso. Da Ponte war genauso wie Mozart ein im besten und wahrsten Sinne sehr lebendiger, fast verrückter Typ, der wirklich in jedem der Stücke viel erzählt hat. Das ist viel mehr, als das, was man oft herausliest. Genau das finde ich sehr spannend.“

In Ihrer Fassung spielt sich die Oper in einer Satellitenstadt oder am Stadtrand ab…

„Ja, genau. Wir wollten diesen enorm wichtigen Konflikt zwischen den Gesellschaftsschichten beibehalten, wie er im Original zwischen den Grafen und den Dienern besteht. Dabei versuche ich immer etwas hineinzubringen, mit dem ich mich selbst identifizieren kann. Ich habe eine sehr große Familie, in der man viele verschiedene Inspirationen finden kann. Und deswegen haben wir diesen Graf fast wie einen Immobilienmakler dargestellt, der seine Häuser für viel Geld, aber wenig Musik verkauft. Auf den man angewiesen ist, der aber tatsächlich trotzdem eine menschliche Seite zeigt.“

Und welche Beziehung hat der Figaro zu ihm in diesem Unternehmen?

„Figaro ist der Angestellte in dieser Firma, der die Möglichkeit bekommen hat, sich ein bisschen emporzuarbeiten. Er dient dem Grafen in der Firma.“

Kateřina Jalovcová  (Marcellina) und Lukáš Bařák  (Figaro) | Foto: Ilona Sochorová,  Nationaltheater Prag

In der Oper sollen auch einige Videoaufnahmen gezeigt werden. Wie muss man sich das vor

stellen?

„Wir haben zwei kleine Filme gedreht, in denen wir ein bisschen die Hintergründe und Hintergrundgeschichten der zwei Hauptpaare erklären oder erzählen. In einem Film schildern wir, warum die Beziehung zwischen dem Grafen und der Gräfin am Anfang so ist, wie sie ist. Und das andere Bild erzählt etwas Ähnliches über die Beziehung zwischen Figaro und Susanna.“

Erfahren die Zuschauer mehr als normalerweise bei dieser Oper?

„Ganz genau. Ich finde, der Figaro ist wirklich eine der schwierigsten Opern für Regisseure, weil es eine lange Oper mit ganz vielen Szenen und Handlungen ist. Im Untertitel heißt die Oper ‚Der tolle Tag‘, und sie ist wirklich verrückt. Es passieren so viele Sachen, dass ich auch verstehen kann, wenn sich das Publikum manchmal ein bisschen verloren fühlt: Wer ist durch welches Fenster gesprungen? Was ist dadurch passiert? Wer will wen und warum heiraten? Wer hat wem Geld geliehen? Und so weiter. Wir haben also versucht, uns dem Thema so zu nähern, dass man sich nicht den Kopf zerbrechen muss.“


Herr Bařák, war der Figaro die erste Opernrolle, die sie auf der Opernbühne gesungen haben?

Jekatěrina Krovatěva und Lukáš Bařák | Foto: Nationaltheater Prag

„Genau, Figaro war meine erste Rolle. Als ich 20 Jahre alt war, habe ich sie in der Oper in Budweis gesungen. Heute kann ich mich nur noch daran erinnern, dass das damals ein wirklich großes Erlebnis und ein großer Spaß für mich war. Daher bin ich sehr glücklich, die Rolle im Prager Ständetheater, wo Mozart persönlich seine Opern aufführte, wieder singen zu dürfen.“

Sie wurden nach den Proben sehr gelobt. Spüren Sie, dass sich Ihre Stimme inzwischen entwickelt hat und Sie sich auch als Darsteller verändert haben?

„Die Entwicklung fühle ich durch die Musik: dass ich schwerere Rollen spielen und singen kann. Was die Schauspielkunst betrifft, ist das für mich schwer zu beurteilen. So etwas muss das Publikum machen.“

Sie singen auch in den beiden anderen Mozart-Opern, die zu dieser Serie gehören: in „Così fan tutte“ und auch im „Don Giovanni“. Wie unterscheidet sich Figaro von den anderen Personen, die Sie singen, beispielsweise von Masetto?

„In meinen Augen ist der Figaro sehr glücklich, weil ihm das gelingt, was er macht. Und das ist der Unterschied zwischen ihm und dem Masetto aus der Oper ‚Don Giovanni‘.“

Kateřina Jalovcová  (Marcellina),  Jan M. Hájek  (Basilio),  Pavol Kubáň  (Hrabě Almaviva),  Jekatěrina Krovatěva  (Zuzana) und Lukáš Bařák  (Figaro) | Foto: Ilona Sochorová,  Nationaltheater Prag

Wie ist die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Barbora Horáková Joly?

„Die Zusammenarbeit mit Barbora ist wirklich toll, schön und intensiv. Da ist immer sehr viel Energie. Ich bin sehr froh, dass das unsere zweite Inszenierung ist. Wir haben gemeinsam den ‚Rigoletto‘ in der Prager Staatsoper gemacht, wobei ich den Marullo gesungen habe. Die Zusammenarbeit mit ihr macht immer viel Spaß.“

Figaro wird sich am Stadtrand abspielen, in einer Satellitenstadt…

„Genau. Ich denke, dass das für ein junges Publikum sehr interessant ist.“

Die Handlung spielt innerhalb eines Tages. Wie finden Sie diesen verrückten Tag?

„Es ist ein verrückter Tag für uns alle. Mozart hat die Oper zusammen mit da Ponte sehr gut geschrieben. Und diese Produktion von Barbara und Julia Jones unterstreicht das.“

Barbora Perná  (Hraběnka Almaviva) und Jarmila Balážová  (Cherubín) | Foto: Ilona Sochorová,  Nationaltheater Prag

Welche dieser drei Opernrollen mögen Sie am meisten?

„Das ist ziemlich schwierig zu sagen, aber ich denke, dass der Figaro meine Lieblingsrolle ist. Ich habe in Breslau auch den Graf gesungen. Der ist ebenfalls sehr schön, aber ich finde den Figaro sympathischer.“

Die beiden Premieren von „Figaros Hochzeit“ im Prager Ständetheater – am Freitag und am Sonntag – sind ausverkauft. Weitere Vorstellungen in dieser Spielzeit finden am 17. und 27. Juni statt.