Bevölkerung Tschechiens altert und schrumpft

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Der 15. Juni wird weltweit als der Tag gegen die Misshandlung von Senioren begangen. Gerade alte Menschen sind oft ein leichtes Opfer der häuslichen Gewalt. Aber nicht nur an diesem Tag, auch sonst soll den Senioren künftig immer mehr Aufmerksamkeit seitens der Gesellschaft und der jeweiligen Staaten zukommen. Denn die Bevölkerung in den Ländern wird durchschnittlich immer älter, zumindest in Europa.

Eine niedrige Geburtenzahl und eine ständige Verlängerung des menschlichen Lebens aufgrund des immer höheren Lebensstandards und der verbesserten medizinischen Pflege. Das sind die wichtigsten Trends, die die Bevölkerungsentwicklung prägen. Dies gilt allerdings nicht für die ganze Welt gleich, betont Norbert F. Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden:

„Auf der südlichen Hemisphäre haben wir wachsende Bevölkerungen, die immer jünger werden. Und auf der nördlichen Hemisphäre haben wir Bevölkerungen, die schrumpfen, mehr oder weniger rasch, und altern. Um nur ein Beispiel zu nennen: Eine der jüngsten Bevölkerungen hat Niger, dort ist jeder zweite Mensch jünger als fünfzehn. Und in Tschechien ist jeder zweite Mensch älter als vierzig.“

Jitka Rychtaříková
Das Leben der Tschechen wird Jahr für Jahr um einige Monate länger. In den letzten zwei Jahrzehnten hat es sich bei den Männern um fast sieben Jahre, bei den Frauen um über fünf Jahre verlängert. Im Laufe des 20. Jahrhunderts ist das durchschnittliche Menschenalter sogar um etwa 25 Jahre gestiegen. Die Leiterin der tschechischen Demographischen Gesellschaft, Jitka Rychtaříková von der Karlsuniversität Prag, verweist allerdings auf einen deutlichen Unterschied zwischen West und Ost vor der Wende von 1989:

„Die Sterblichkeit war ein Problem des gesamten Ostblocks. Dort ist die Sterblichkeit nicht in dem Maße zurückgegangen, wie es im Westen etwa in der Bundesrepublik Deutschland der Fall war. Sowohl die Tschechische Republik als auch die DDR hatten Probleme mit der hohen Sterblichkeit von Menschen im erwachsenen und höheren Alter. In der Gegenwart sehen wir indes eine überraschende Sache: Die Gebiete der ehemaligen DDR haben ihr Handicap bereits überwunden. In Tschechien dagegen verlängert sich das Lebensalter zwar auch, es ist aber immer noch kürzer als in den beiden früheren deutschen Staaten.“

Norbert F. Schneider
Die positiven Trends in Tschechien sind jedoch ebenso unumstritten:

„Es gelingt in hohem Maße die Sterblichkeit bei Kreislaufkrankheiten zu reduzieren. Im Westen geschieht das seit den 1970er Jahren und bei uns seit den 90er Jahren. Dies wird durch neue Technologien in der Kardiologie ermöglicht.“

Die Alterung der Gesellschaft ist eine positive Folge der sich stets verbessernden medizinischen Pflege. Andererseits bemühen sich die Staaten im Rahmen ihrer Bevölkerungspolitik, die Alterung der Gesellschaft durch eine Förderung der Geburtenzahl abzumildern. Durch neue Rahmenbedingungen wird die Familienplanung indirekt beeinflusst. Prof. Norbert F. Schneider:

Foto: Štěpánka Budková
„Sehr allgemein kann man sagen, dass die demographische Entwicklung ein permanenter Prozess ist. Das, was wir heute erleben, diese spezifische Alterung und Schrumpfung, ist ein Prozess, den wir in vielen Ländern seit 40 Jahren beobachten können. Der entscheidende Wandel jetzt ist, dass man diesem Prozess seit wenigen Jahren politisch mehr Aufmerksamkeit schenkt. Es gibt eine ganze Reihe von Strategien, die in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich sind. Das geht von einer sehr stark Geburten fördernden Politik in Frankreich bis hin zu einer intensiven Strukturpolitik wie in Schweden, wo der Ausbau der Kinderbetreuung im Zentrum steht. Oder einer starken finanziellen Unterstützung der Familie, wie das in Deutschland der Fall ist. Sehr allgemein kann man zusammenfassen, dass strukturpolitische Maßnahmen, also die Kinderbetreuung, eine stärkere Wirkung als ökonomische Transferleistungen entfalten.“