Bilanz nach der Wende - Erfahrungen von Unternehmern in Tschechien

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Welche Erfahrungen haben Unternehmer in Tschechien seit der politischen Wende gemacht? Wie sehen Sie heute ihre damalige Entscheidung? Welche Probleme und Schwierigkeiten mußten und vielleicht müssen sie noch immer bewältigen? Die Antworten auf diese Fragen und hoffentlich noch andere interessante Informationen erhalten Sie in der heutigen Ausgabe des Wirtschaftsmagazines. Aus Prag begrüßt Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, am Mikrofon Jürgen Siebeck.

Herr Diplom-Ingenieur Premysl Cerny ist der Inhaber der Firma Art D-Graficky atelier Cerny, eines Reprostudios und Kleinverlages für zeitgenössische, tschechische Kunst. Dieser mittlere Betrieb mit 18 Mitarbeitern arbeitet rund um die Uhr und teilweise auch am Wochenende, um einen Jahresumsatz von etwa 17 Millionen Kronen, das sind 570 Tausend Euro, zu erreichen. Wie kam es nach der Wende zur Gründung der Firma?

"Für mich war das eine Herausforderung. Ich war der Direktor eines Zweigbetriebes von Svoboda mit etwa 150 Mitarbeitern. In einem staatlichen Unternehmen waren aber viele Dinge determiniert. Da konnte ich nicht viel Selbständigkeit aufweisen. So habe ich 1993 die Gelegenheit ergriffen, die sich mir als Manager bot und habe von Null neu angefangen. Ich habe mich entschieden, selbstständig zu werden, auch wenn es dabei ein Risiko gab. Ich habe mir gesagt, es ist besser, wenn mich der Markt von meinem Sessel wirft, als wenn mir irgendein Chef kündigt. Etwa 20% des Startkapitals hatte ich selbst erspart und der Rest kam als günstiger Kredit von Freunden aus Österreich."

Selbstverständlich seien anfangs auch Schwierigkeiten zu bewältigen gewesen:

"Das Schwierigste war für mich Cash-Flow am Anfang und die Notwendigkeit, technologisch auf dem neuesten Stand zu sein - und gerade in unserer Branche, wo software- und hardwaremäßig jeden Monat neue Produkte kommen und die Ansprüche der Kunden steigen. Da ist es manchmal schwierig, den richtigen Zeitpunkt für Investitionen zu wählen - zumal wenn der Betrieb, wie fast alle in Tschechien in meiner Größenordnung, unterkapitalisert ist. Außerdem mußte ich von Anfang an die Produktivität im Wettbewerb mit anderen halten und qualifizierte Mitarbeiter finden, was in Prag nicht immer leicht war und ist. Auch die Vielzahl der neuen Vorschriften und bürokratischen Regelungen habe ich vorher nicht im vollen Maße geahnt. Man lernt jeden Tag etwas neu, auch in den eigenen Fehlern natürlich. "

Die Zukunftsaussichten seiner Firma schätzt Herr Cerny so ein:

"Gut, wie sonst. Ich denke über einige Diversifizierungen in andere Produktpaletten nach und ich glaube, daß unser Entwicklungstempo ausgewogen ist. Im kommenden Jahr plane ich eine technologische Umstellung, die uns für zwei, vielleicht drei, vier Jahre, so hoffe ich es mindestens, eine bestimmte Sicherheit ins Unternehmen bringen wird."

Die damalige Entscheidung, sich selbständig zu machen, wertet der Firmeninhaber aus heutiger Sicht immer noch positiv.

"Es gibt sicher ein paar Schritte, die ich heute anders machen würde. Und ich würde mir auch wünschen, daß die Wirtschaftspolitik kleinere und mittlere Betriebe in ihrer Entwicklung zum Beispiel durch günstige Kredite besser fördert. Aber im Grunde bin ich der Überzeugung, daß ich den richtigen Weg gegangen bin. Auch jungen Leuten bei uns kann ich es empfehlen, weil es auch Spaß bringt, etwas zu versuchen, was man bisher nicht gemacht hat."

Soweit Herr Cerny von der Firma Art-D.

Der zweite Unternehmer, mit dem ich über seine Erfahrungen gesprochen habe, ist Herr Julius Prüger von der Firma Amedis. Die 1990, gleich nach der Wende, gegründete Firma vertreibt wissenschaftliche Messgeräte bis hin zu kompletten medizinischen Abteilungen in der Radiotherapie und bietet den dazu gehörigen Service. Das Unternehmen Amedis hat Büros in Prag, in der Slowakei und in Ungarn und international einen Jahresumsatz von etwa 20 Millionen Euro. Herr Prüger, der neben Tschechisch und Slowakisch, noch Deutsch, Ungarisch, Polnisch und Russisch spricht, hat vor der Wende als Leiter einer Vertretung westlicher Firmen von Wien aus bereits technische Geräte in den gesamten damaligen Ostblock geliefert.

"Nach der Wende hat man Überlegungen angestellt, wie man weitermacht. Natürlich der Anreiz war da, um den vorherigen staatlichen Großorganisationen zu zeigen, daß wir besser sind, daß wir auch mit einem kleineren Unternehmen unter Einführung von westlichen Standards am Markt bestehen können. Wir haben 1990 zu zweit angefangen mit einem Kollegen aus der Slowakei und heute sind wir international 43. Natürlich hat es dann Jahre gegeben, wo wir keinen Urlaub gehabt haben und die Woche hat dann sieben Tage gehabt. Schwierigkeiten waren natürlich da. Zuerst hat man irgendwo das Vertrauen von unseren Lieferanten gewinnen müssen."

Ein besonders heikles Problem waren dabei die Vorauszahlungen für Bestellungen der hochwertigen Geräte.

"Wir haben das Vertrauen von Kunden gewinnen müssen und wir haben die Verpflichtung gehabt, irgendwo auf dem Markt so aufzutreten, daß wir nicht als Neureiche disqualifiziert werden. Startkapital, haben wir zunächst das im Westen verdiente Geld hineingesteckt. Wir haben es geschafft, ohne irgendeine staatliche Unterstützung im Lande anzufangen und auch fortzusetzen. Man mußte lernen, einmal, daß man nicht für einen großen Konzern handelt, wo hinter uns der Konzern gestanden hat. Man hat auch die Verantwortung für eine größere Anzahl von Personen gehabt. Es war für uns nicht unbedingt leicht, qualifizierte Mitarbeiter zu suchen. Die Entwicklung war eher linear, das heißt wir haben irgendwo die Firmenerweiterung, meine ich, personalmäßig gut überlegt und auch entsprechend den Umsatzsteigerungen gewählt. "

Herr Prueger von der Firma Amedis bemängelt das in Tschechien nicht immer ganz transparente Ausschreibungssystem für Einkäufe. Auch seien seine Erwartungen an die wirtschaftliche Umstrukturierung des Landes in Bezug auf das Tempo und das Ausmaß der Verbesserungen nicht ganz erfüllt worden. Hier übt er Kritik an der Politik der neunziger Jahre. Nicht spezifisch auf seine Firma bezogen, meint er:

"Es hat auch zu tiefe Spuren, diese vierzig Jahre, an den Angestellten gelassen. Wir sehen, oft bemühen sich die Leute, aber es steckt zu tief in ihnen drin, die sozialistischen Arbeitsmethoden. "

Doch wieder zurück zu den Problemen, die speziell sein Unternehmen belasteten:

"Direkte Krisensituationen haben wir vielleicht durch die Zahlungsunfähigkeit unserer Kunden gehabt. Wir haben Großkunden, die Aufträge mancher Krankenhäuser gehen in Millionen von Dollar. Und wenn da die Zahlungen dann verspätet kommen, hier im Lande ist Verspätung nicht zwei Wochen, nicht zwei Monate, aber manchmal zwei Jahre, dann zehrt das schon an der Materie und natürlich ist es nicht so einfach, das auszugleichen. Es gibt weniger Geld für Investitionen vom Staat aus. Es wird weniger Forschung gemacht."

Auch sei festzustellen, daß westliche Firmen häufig die niedrigeren Lohnkosten in Tschechien ausnutzten, aber den hiesigen Betrieben kaum Grundlagenforschung oder kaum mehr als ein wenig Qualitätskontrolle verbleiben. Dies wirke sich natürlich auch auf den Absatz an analytischen Messgeräten aus.

Herr Prüger von der Firma Amedis setzt auf ehrliche, konstante Qualität im Angebot, in der Lieferung und in der Betreuung seiner Kunden und sieht dies als einen Grund für das konstante Wachstum der Firma in den letzten zwölf Jahren.

"Wir sind unverbesserliche Optimisten. Wir bauen unser Personal sukzessiv aus. Ich würde auch jedem Tschechen, welcher vom Leben ein bisschen mehr erwartet, wie ein treuer Diener von irgendeiner Firma oder vom Vater Staat zu werden, empfehlen privat anzufangen, Unternehmer zu werden. Es soll keiner die Vorstellung haben, daß es eine Goldgrube ist, ohne ehrliche Arbeit leisten zu müssen."

Soweit die eigentlich positive, persönliche Bilanz zweier Unternehmer in Tschechien in unserem heutigen Wirtschaftsmagazin. Aus Prag verabschiedet sich Jürgen Siebeck.

Autor: Jürgen Siebeck
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