Bilanz und Ausblick: Chefredakteur Schubert über die Entwicklungen bei Radio Prag

Gerald Schubert (Foto: Archiv ČRo 7)

Ein Jahr mit Hoch- und Tiefpunkten - das war 2012 auch für Radio Prag. Während neue Konzepte bei den Hörern gut ankamen, traf uns gegen Ende des Jahres eine andere Nachricht hart. 2013 kommen weitere Einsparungen auf die Auslandssendungen des tschechischen Rundfunks zu. Was das für Radio Prag bedeutet und auf welche Themen sich unsere Hörer im nächsten Jahr bereits trotzdem freuen können, läutert Radio-Prag-Chefredakteur Gerald Schubert im Interview.

Gerald Schubert (Foto: Archiv ČRo 7)
Gerald, Radio Prag sendet bereits das zweite Jahr nicht mehr über Kurzwelle. Haben unserer Hörer den Schock überwunden und sind uns im Jahr 2012 treu geblieben? Und wie haben sich unserer Internetbesuche entwickelt?

„Ich hoffe, die meisten sind uns treu geblieben. Unsere Internetbesuche sind stabil, sogar etwas angewachsen. Die jüngsten Zahlen, die ich habe, sind von Oktober 2012. Mehr als 1,6 Millionen Artikel sind in dem Monat aufgerufen worden – das gilt aber für alle Sprachversionen von Radio Prag zusammen. Zum Vergleich: Im Januar 2012 waren es etwas mehr als 1,5 Millionen Artikel. Es gibt also einen leichten Anstieg. Ganz interessant sind auch die Zugriffe auf unsere Hauptseite. Die sind ebenfalls leicht gestiegen. Dieser Parameter ist interessant, weil uns jemand aktiv sucht und absichtlich auf unsere Seite geht, wenn er direkt www.radio.cz aufruft. Er landet also nicht zufällig bei Radio Prag, weil er über eine Suchmaschine zum Beispiel nach einem tschechischen Begriff, einem Bauwerk oder einer Persönlichkeit gesucht hat. Im Internet gibt es einen positiven Trend. Es gibt auch einige Hörer, die uns schreiben, dass es zwar schade sei, dass sie uns nicht mehr auf der Kurzwelle hören können, aber dass sie bereit seien, uns weiter über das Internet oder Satellitenübertragungen zu verfolgen. Wir wissen natürlich auch, dass wir einige Hörer verloren haben. Das tut uns natürlich leid, genauso wie wir selbst darüber traurig sind, dass wir vor mittlerweile fast zwei Jahren die Kurzwelle abschalten mussten.“

Wir haben dieses Jahr einen neuen Hörerwettbewerb eingeführt. Wie ist dieser bei unseren Hören beziehungsweise unseren Lesern im Netz angekommen?

„Sehr gut. Wir hatten früher einmal im Jahr einen großen Hörerwettbewerb, bei dem eine Frage gestellt wurde, die mit einem längeren Text beantwortet werden musste. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen hatten dabei die Möglichkeit, sich etwas genauer zu einem Thema zu äußern. Vielleicht geht der Trend aber - ob es uns gefällt oder nicht - in die Richtung, dass alles schneller und kürzer sein muss. Unser neuer Wettbewerb funktioniert ganz gut. Es wird jetzt nur eine Wissensfrage gestellt, die mit einer kurzen Antwort zu lösen ist. Das kommt gut an. Bis eingeschlossen November haben wir auf unsere monatlichen Quizfragen insgesamt über 5000 Antworten bekommen. Ich glaube, das ist ein schöner Erfolg.“

Foto: Barbora Kmentová
Im November wurde uns vom Außenministerium und der Rundfunk-Leitung mitgeteilt, dass unsere Gelder für das Jahr 2013 wieder gekürzt werden. Für die deutsche Redaktion hat das kaum Konsequenzen. Warum nicht bei uns? Wo werden sich die Kürzungen stattdessen bemerkbar machen?

„Dass 2013 wieder weniger Geld von dem tschechischen Außenministerium für unsere Programme zur Verfügung gestellt wird, war für uns eine schmerzhafte Nachricht. Ohne Personaleinsparungen ging es leider nicht zu lösen. Am stärksten ist davon die tschechische Redaktion betroffen. Dort wird nur ein Torso übrig bleiben. Zwei Mitarbeiter werden dort noch dafür sorgen, dass die Thematik der Auslandstschechen in aller Welt, die für unserer Hörerinnen und Hörer besonders interessant ist, weiterhin berücksichtigt wird. Diese Themen werden immer noch zu interessanten Beiträgen verarbeitet. Ansonsten wird die tschechische Redaktion in Zukunft sehr viel Inhalt von den tschechischen Inlandssendungen übernehmen. Das war die Kompromisslösung. Leichte Personalkürzungen gibt es auch in der französischen, spanischen und russischen Redaktion. Dort wird es demnächst jeweils einen Mitarbeiter weniger geben. Damit gehen aber auch Änderungen im Programm einher, weil man nicht davon ausgehen kann, dass vier Redakteure die gleiche Arbeit leisten können wie fünf. Da muss man realistisch sein. Die Mitarbeiter haben genauso Nachrichtendienst, wollen zu Pressekonferenzen gehen, draußen recherchieren, sind krank oder haben Urlaub. Wenn einmal die kritische Grenze nach unten erreicht ist, kann man das bisherige Programm nicht einfach so aufrechterhalten. Das heißt, es wird in der Regel am Wochenende Einschränkungen geben, vielleicht mehr Musik gespielt werden. Aber wir versuchen auf alle Fälle, auch in diesen Redaktionen, wochentags genauso viel Information aus der Tschechischen Republik zu bieten, wie früher. Wir haben schon ein Konzept dafür - und ich glaube, dass wird gut gelingen. Die deutsche und die englische Redaktion sind von den Kürzungen zunächst nicht betroffen. Es ist uns gelungen, in diesen beiden Redaktionen den aktuellen Personalstand zu erhalten und damit auch zu garantieren, dass das Programm wie gewohnt weitergehen kann. Der Grund dafür ist, dass es finanziell einfach möglich war, zwei Redaktionen zu verschonen. Dass es gerade diese beiden Redaktionen sind, hat damit zu tun, dass sie - abgesehen von der tschechischen Redaktion - diejenigen mit der größten Reichweite sind. Sie haben auch die meisten Klicks im Internet. Natürlich hängt das auch mit den bilateralen Beziehungen zusammen. Zum Beispiel hat die Tschechische Republik zwei deutschsprachige Nachbarländer, und deswegen bestehen natürlich besonders viele bilaterale Themen, die von der deutschen Redaktion behandelt werden. Die Hörer der deutschen Redaktion müssen sich also vorerst auf keine Änderungen gefasst machen.“

Foto: Archiv ČRo 7
Auch im Tschechischen Rundfunk an sich gibt es zum neuen Jahr große Änderungen. Wie sehr betrifft das auch Radio Prag?

„Das ist richtig, es wird Umstrukturierungen im Tschechischen Rundfunk geben. In der Regel sind diese aber organisatorischer und bürokratischer Natur. Ich würde die Änderungen als ‚interne Angelegenheit’ bezeichnen. Natürlich – wenn es Kürzungen von außen und interne Änderungen gibt, bleibt das nicht ohne Folgen. Aber ich kann beruhigen: Für die Hörer und Hörerinnen wird das erst einmal nicht bemerkbar sein.“

Foto: Archiv ČRo 7
Sind für 2013 Projekte geplant, bei denen wir mit anderen Teilen des Tschechischen Rundfunks zusammenarbeiten?

„Das Hauptprojekt betrifft den 90. Geburtstag des Tschechischen Rundfunks. Im Mai 1923 wurde der damalige Tschechoslowakische Rundfunk gegründet. Ab dann hat er seine regelmäßigen Sendungen aufgenommen und war damit auch Teil der Spitze des europäischen Rundfunks. Dieser Tatsache wird der Tschechische Rundfunk während des gesamten Jahres 2013 Rechnung tragen. Es wird verschiedene Schwerpunktthemen geben, die die 90-jährige Geschichte anhand von historischen Ereignissen abhandeln. Ein paar Beispiele: Eine Rolle wird der Februar 1948 spielen, als die Kommunisten die Macht in der damaligen Tschechoslowakei übernahmen. Das wird das Schwerpunktthema im Februar sein. Im März ist das Schwerpunktthema das ‚Protektorat Böhmen und Mähren’, weil Hitlerdeutschland die damalige Resttschechei im März besetzt und das ‚Protektorat Böhmen und Mähren’ ausgerufen hat. Im August wird das Jahr 1968 und den Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings im Fokus stehen. Aber es wird nicht nur um solche Jahrestage gehen. In den restlichen Monaten werden wir gemeinsam mit anderen Stationen des Rundfunks interessante Themen aufgreifen. Dabei werden vor allem die Jahre 2013 und 1923 verglichen. Zum Beispiel: Wie hat 1923, als der Tschechoslowakische Rundfunk gegründet wurde, das Schulwesen ausgesehen – und wie sieht es heute aus? Welche war die Rolle der Wissenschaft damals, und welche Rolle spielt sie heute? Das alles recherchieren wir mithilfe von Archivmaterial. Die Entwicklung des Landes im Spiegel der Entwicklung des Tschechischen Rundfunks- das wird eine interessante Sache sein.“

Foto: Europäische Kommission
Sind bereits jetzt bestimmte Schwerpunkte für die Sendungen von Radio Prag im kommenden Jahr festgelegt?

„Wir sind natürlich in erster Linie ein Nachrichtensender und können deswegen nicht vorhersehen, was im nächsten Jahr alles passieren wird und worauf wir uns in unseren Sendungen dann konzentrieren. Aber: Gleich zu Jahresbeginn wird die Präsidentschaftswahl in der Tschechischen Republik bedeutend sein. Es ist auch international interessant, wer der Nachfolger der beiden Václavs - des im vorigen Jahr verstorbenen Václav Havel und des derzeit amtierenden Václav Klaus – wird. Wir werden uns auch um die Krise in der Eurozone kümmern. Wir sehen uns an, wie sich die Wirtschaftskrise in ganz Europa weiterentwickelt. Tschechien selbst ist zwar kein Mitglied der Eurozone, aber die Krise im Euroraum beschäftigt natürlich auch die Wirtschaft und Politik hierzulande. Das ist ein Thema, das alle Sprachredaktionen von Radio Prag abdecken werden. Es gibt aber auch Themen, die speziell für die deutsche Redaktion interessant sind. Zum Beispiel das Thema Energiepolitik. Ich glaube, da können wir im Jahr 2013 viel Spannendes erwarten. Die Energiekonzeption der tschechischen Regierung, die auf den weiteren Ausbau der Kernkraft setzt, ist doch sehr unterschiedlich zu denen in Deutschland oder Österreich, wo man aus der Kernkraft aussteigen will oder wo es Kernkraft überhaupt nie gegeben hat. Bei dem Thema wird es sicher interessante Entwicklungen und auch Konfliktpotential geben, und das werden wir natürlich in unseren Sendungen berücksichtigen. Außerdem gibt es 2013 einige Jahrestage, die besonders für die deutsche Redaktion interessant sind. Ich möchte drei davon erwähnen: Der 130. Geburtstag von Jaroslav Hašek steht an. Hašek ist vor allem in den deutschsprachigen Ländern wegen seines ‚Soldaten Schwejk’ berühmt. Wir erwarten den 100. Geburtstag von Otto Wichterle, der 1913 in Prostějov / Proßnitz in Mähren geboren wurde und als Erfinder der modernen Kontaktlinsen gilt. Wir haben aber auch etwas aus dem Sport zu bieten: Der bekannte Fußballer Josef Bican wurde 1913 als Tscheche in Wien geboren. Er war sowohl tschechoslowakischer sowie österreichischer Fußballer. Also es gibt jede Menge Themen für 2013.“