Böhmisch-mährische Höhe: "Lustiger Berg"

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Liebe Hörerinnen und Hörer, seien Sie herzlich willkommen zur neuen Wanderung mit Radio Prag. Unsere Schritte werden uns heute nach Ostböhmen führen. Die Böhmisch-mährische Höhe ist die Region, von der wir sprechen wollen. Damit, wie man dort früher lebte, kann man sich im Freilichtmuseum Veselý kopec (Lustiger Berg) in der Nähe von Hlinsko am besten bekannt machen. Was dort zu sehen ist, erfahren Sie in der heutigen Sendereihe. Gute Unterhaltung wünschen Tobias Troll und Marketa Maurova.

Auf dem Lustigen Berg konzentrierte man Volksbauten aus den Regionen von Hlinsko, Chrudim, Policka, Litomysl und Vysoke Myto. Den Eingang bildet ein Bauernhof aus der nahen Umgebung aus dem 18. Jahrhundert. Er repräsentiert den sog. verstreuten Typ des Bauernanwesens. Einzelne Wohn- und Wirtschaftsbauten gruppieren sich rund um den Hof, ohne aber dicht aneinander zu stehen. So ist es möglich, dass der Hof sogar durch einen öffentlichen Weg durchquert wird.

Das Bauerngut Nr. 4 musste nicht extra auf den Lustigen Berg transportiert werden. Es handelt sich um einen gezimmerten Bau, der dort wahrscheinlich schon seit Anfang des 17. Jahrhunderts steht und das älteste erhaltene Anwesen in der Region darstellt. Der erste schriftliche Beleg davon stammt aus dem Jahre 1654. Das Anwesen besteht aus einem Wohn- und einem Wirtschaftsteil. Zum Wohnteil gehört die Stube, der einzige Raum in dem man heizte, und weiter eine Hausflur und eine Kammer. Den Wirtschaftsteil bilden Ställe, über denen sich weitere Kammern befinden, die von einem Hängeboden aus zugänglich sind. Daran schließt sich eine Scheune an, die mit Strohbündeln bedeckt ist. Die Scheune stand bis zum Jahre 1877 rechtwinklig zu den Ställen. Sie nahm jedoch zu viel Platz ein und verhinderte die Durchfahrt. Der Gutsbesitzer spannte deswegen ein Paar Ochsen ein und ließ die Scheune in die Lage umdrehen, wie wir sie heute finden.

Die Beschreibung der Gebäude im Freilichtmuseum könnten wir lange Zeit fortsetzten. Es ist jedoch besser, wenn jeder selbst nach Hlinsko und auf den Lustigen Berg fährt, um mit eigenen Augen die Bauernarchitektur zu sehen. Sie finden dort Anwesen und kleinere Bauernhäuser, Speicher, Scheunen, Ställe, Trockenkammern, aber auch eine Mühle, eine Sägemühle, eine Hammermühle im nahen Dorf Svobodné Hamry, ein Hegerhaus, eine Tischlerwerkstatt und viel weiteres mehr. Sie erfahren u.a., wie man Tuch webte, Leinenöl produzierte, wie man Wasser als Treibkraft zu vielen Arbeiten nutzte, wie man Wäsche bleichte, wie man Schindeln herstellte usw. usf.


Das Freilichtmuseum wird während des ganzen Jahres durch verschiedene Ausstellungen, aber auch Feste belebt. Am Programm beteiligt sich in erheblichem Maße auch das Folklore-Ensemble "Vysocan" aus dem nahen Hlinsko. Es wurde 1983 gegründet und in seinen Reihen haben sich bisher über 200 Mitglieder abgelöst. Heute hat Vysocan 11 Musiker und 28 Tänzer.

Wenn verschiedene Folklore-Gruppen heute die alte Volkskunst pflegen wollen, bedeutet das, dass sie sich vor allem den Liedern und Tänzen widmen. Die Mitglieder des Ensembles Vysocan haben Glück. Sie können nämlich aus den Sammlungen von Karel Vaclav Adamek schöpfen. Wer war dieser Adamek, dessen Namen auch ein Folklore-Festival in Hlinsko trägt? Ich fragte den Leiter des Vysocan-Ensembles, Milan Slavik:

"Karel Vaclav Adamek war eine bedeutende Person in Hlinsko. Sein Vater war Bürgermeister und Abgeordneter des Reichsrates in Wien. Er selbst studierte Jura und wurde Rechtsanwalt. Dann gab Adamek seine Anwaltspraxis auf und widmete sich hauptsächlich der Ethnographie. Die Familie Adamek stammte direkt aus Hlinsko, und das Geschlecht lebt hier eigentlich bis heute. Adameks Sammlungen konzentrierten sich auf diese Region von Hlinsko und Nasavrky."

Schauen wir nun gemeinsam mit Karel Vaclav Adamek, wie es in der Vergangenheit mit Gesang und Tanz aussah, wie man sich damals unterhielt. Wir schlagen in seinem Buch "Das Volk der Hlinsko-Region" aus dem Jahre 1900 nach, in dem man einfach alles über das Leben der dortigen Bevölkerung finden kann: über die Bräuche und Gewohnheiten, über das Essen, Wohnen, Wirtschaften, über Arbeit und Freizeit.

Die Musik, Tanzunterhaltung war die üblichste Art der Unterhaltung auf dem Dorfe und die beliebteste Freizeitgestaltung der Dorfjugend nach der Arbeit in der Wirtschaft, erfahren wir. Die Tanzunterhaltungen wurden relativ oft veranstaltet; eine Blütezeit für den Tanz stellte aber die Kirmes dar. Man fing am Sonntag mit dem Tanzen an, am Montag wurde die Unterhaltung fortgesetzt und die Musik erklang noch am Dienstag. Es wurde überwiegend tagsüber getanzt, nur ausnahmsweise zog sich die Veranstaltung bis in die Nacht hin, als man Fackeln anzünden musste. Erst etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich diese Gewohnheit und man begann, bei Kerzenschein Tanzabende zu veranstalten.

Die Burschen gingen allein zur Musik. Die Töchter wurden oft von ihren Müttern begleitet. Die Väter gingen nicht, häufig aus Spargründen, weil sie Bier für die Musiker hätten bezahlen müssen. Der eigentliche Grund beruhte aber eher darin, dass die Landwirte den Sonntag Nachmittag lieber zum Spaziergang auf ihren Feldern nutzten, um sich zu überzeugen, dass die Saat gut gedeiht. Erst am Abend kamen sie bei der Tanzunterhaltung vorbei.

Wenn wir im Frühling von Mähren gesprochen haben, hörten wir oft Zimbelmusik. Für das westböhmische Chodenland ist hingegen bis heute der Dudelsack charakteristisch. Und die Böhmisch-mährische Höhe? Milan Slavik dazu:

"Hier auf der Höhe gab es kein so typisches Instrument. Obwohl wir aus Quellen erfahren haben, dass es hier auch den Dudelsack gab und vor allem die Zither, die man heute kaum auftreiben kann. Sonst nutzte man hier die sog. Streicher-Kapelle, das bedeutet eine klassische Besetzung: Kontrabass, drei Geigen, zwei Klarinetten und eventuell noch eine Flöte."

In den ältesten Zeiten spielten aber nur drei Musiker zum Tanz: der erste schlug die Zimbel (auch hier in Ostböhmen), der zweite spielte Dudelsack und der dritte strich den Bass. Die Musiker spielten ohne Noten oder Notizen. Die Burschen standen in der Mitte des Kreises. Als man das erste Lied einsetzte, wählten sie ihre Mädchen aus. Der Jung winkte entweder seiner Tänzerin zu, oder knackte vor ihr mit den Fingern und sprang vor ihr auf. Und dann füllte sich schon der Saal mit den tanzenden Paaren. Man zahlte keinen Eintritt. Die Musiker wussten jedoch gut, dass sie von den Tanzenden Geld bekommen. Sie wählten selber das erste Lied, dann bestellten aber - einer nach dem anderen - alle Burschen einzelne Stücke und Lieder, für die sie auch bezahlten.


So war es also in der Vergangenheit. Heute tanzt man sonntags keine Volkstänze mehr. Wer sich dafür interessiert, kann aber zahlreiche Folklorefestivals besuchen; darunter - alljährlich am letzten August-Wochenende - auch das sog. Adamek-Folklore-Fest:

"Das Adamek-Folklore-Fest fand bereits fünf Male statt. Es wird jedoch nicht auf dem Lustigen Berg, sondern im sog. Bethlehem direkt in der Stadt Hlinsko, das zum Freilichtmuseum gehört, ausgetragen. In der Mitte der Stadt konzentrieren sich alte Holzbauten und bilden ein sehr schönes Ensemble. Das Fest dauert zwei Tage: am Samstag findet ein Kinderfestival statt und am Sonntag stellen sich 5 bis 6 Ensembles der Erwachsenen vor, ein oder zwei davon auch aus dem Ausland."

Soweit der Leiter des Folklore-Ensembles Vysocan, Milan Slavík, und seine Einladung für das nächste Jahr nach Hlinsko. Bevor wir unseren Oktober-Besuch auf der Böhmisch-mährischen Höhe abschließen, hören Sie sich noch einige Bauernregeln aus dieser Region an, die sich auf diesen Monat beziehen. Also:

"Wenn am Remigiustag (dem 1. Oktober) der Wind vom Osten weht, kommt ein strenger Winter."

"Die hl. Theresia setzt Winterfenster ein."

"Am Gallustag muss das Vieh in den Stall." Und auch: "Gibt es am Gallustag keinen Regen, kommt ein dürrer Frühling."

"Am Lukastag gibt es reichlich Brot und Brei."

Und zum Schluss: "Viel Regen im Oktober, viel Wind im Dezember."

Autoren: Tobias Troll , Marketa Maurova
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