Brave Südmährer, gehörnte Kommunistengatten - Fremdgehen in Tschechien

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"Man kann nicht mit allen Frauen der Welt schlafen, aber man muss danach streben." Es ist nicht ganz klar, ob diese Maxime auf den iberischen Schmalzbarden Enrique Iglesias oder auf den deutsche Literaturerotomanen Marcel Reich-Ranicki zurückgeht. Sicher ist aber: die tschechischen Männer sind bei diesem Streben im internationalen Vergleich vergleichsweise weit fortgeschritten - und die Frauen stehen ihnen umgekehrt nicht viel nach. Feste Bindungen sind dabei nicht immer ein Hindernis. Thomas Kirschner im Forum Gesellschaft über den Stand der partnerschaftlichen Treue in Tschechien.

Wie steht es um die Tschechen heute? In einer breit angelegten Untersuchung hat die Meinungsforschungsagentur SC & C im Auftrag der größten tschechischen Tageszeitung Mlada fronta Dnes versucht, der Seelenlage des Landes auf die Spur zu kommen. Nach Zufriedenheit und Lebenseinstellung wurde dabei ebenso gefragt, wie nach der Partnerbeziehung -- und nach der Treue, die die Tschechen darin walten lassen. Und um die ist es laut der Umfrage nicht sehr glanzvoll bestellt, bestätigt Jana Hamanova von dem Meinungsforschungsinstitut SC & C.

"Wenn es um die Untreue geht, dann haben wir hier eine Zahl, die besagt, dass ein Drittel der Tschechen irgendwann einmal in ihrem Leben untreu sind. Das sind allerdings eigene Angaben - manche übertreiben vielleicht ein wenig, manche wollen lieber etwas vertuschen. Aber insgesamt dürfte es so ungefähr ein Drittel der Bevölkerung schon mal untreu gewesen sein."

Befragt wurden knapp 2400 repräsentativ ausgewählte Tschechen im ganzen Land. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede, etwa im Hinblick auf Region und Parteipräferenz. Ergebnis: Der typische untreue Tscheche ist ein Kommunist aus Karlsbad. Während sich von den Anhängern der Kommunisten ein Viertel dazu bekannten, ihren Partner bereits einmal hintergangen zu haben, ließ sich von den Wählern der katholischen Christdemokraten (KDU-CSL) nur jeder neunte einen Fehltritt zu Schulden kommen. Das spiegelt sich auch in der regionalen Verteilung. Ihr traditionelles Stammland haben die Christdemokraten im ländlichen Südmähren, wo die Welt auch im Ehebett noch in Ordnung ist. Nur acht Prozent der Südmährer haben es schon einmal woanders als daheim probiert - mit Abstand moralische Bestleistung in Tschechien. Für Jana Hamanova ist das keine Überraschung.

"Die Ergebnisse in Südmähren erklären sich wohl damit, dass das eine der wenigen Regionen in Tschechien ist, in der die Menschen verhältnismäßig religiös sind und das auch aktiv leben. Ich denke, dass sich in einer solchen Gegend die christliche Sexualmoral auch im Verhalten ausdrückt. Dass es also gerade in Südmähren den geringste Anteil von Untreue gibt, erscheint mir ganz natürlich und logisch."

Die Sündenbabel der Republik sind demgegenüber die Vysocina und vor allem der Karlsbader Kreis: Mehr als 36 Prozent der rund um Karlsbad lebenden Tschechen haben die ihrem Partner geschworene ewige Treue bereits zeitlich verkürzt. Nochmals Jana Hamanova:

"Wir müssen uns nur den Charakter dieser Region anschauen: Eine Bädergegend, eine Region, in der die Leute oft zur Arbeit ins Ausland fahren, und so weiter. Der Lebensstil ist hier schlichtweg anders. Ich glaube, dass die Menschen in dem Karlsbader Kreis einfach mehr Gelegenheiten haben."

Die regionalen Unterschiede in der partnerschaftlichen Treue bestätigt auch der renommierte Prager Sexologe Petr Weiss vom Sexualwissenschaftlichen Institut der Karls-Universität. Untreue ist für ihn ein Krisensymptom, das in Gebieten mit sozialen Problemen und hoher Arbeitslosigkeit stärker verbreitet ist. Der Umfang der Untreue hat nach Weiss allerdings ganz andere Ausmaße, als die anfangs zitierte Studie festgestellt hat. Nicht ein, sondern gleich zwei Drittel der Tschechen würden das Glück gelegentlich woanders suchen. Allerdings, so betont Weiss mit Verweis auf eigenen Untersuchungen, hätten die Tschechen zugleich zu einem äußerst gelassenen Umgang mit der Krise gefunden.

Foto: Archiv Radio Prag
"Aus diesen Untersuchungen geht ganz klar hervor, dass die Tschechen im internationalen Maßstab die liberalste Haltung in sexuellen Fragen haben. Im Vergleich etwa zu Frankreich, Amerika oder Großbritannien sind die Tschechen nicht nur am tolerantesten gegenüber Untreue, sondern auch gegenüber Pornografie, Prostitution, außerehelichen Beziehungen, Abtreibung, Masturbation und so weiter, und so weiter. Also: Die Untersuchungen belegen, dass zwei Drittel der tschechischen Männer und 44 Prozent der verheirateten Frauen in Tschechien zugeben, dass sie ihrem Partner bereits einmal untreu waren."

Immerhin lässt sich statistisch so etwas wie ein schlechtes Gewissen feststellen: Dass Untreue ganz natürlich und normal sei, glauben demgegenüber nämlich nur knapp die Hälfte der Männer und ein Drittel der Frauen in Tschechien - ein guter Teil weniger also als die, die selbst schon einmal untreu waren. Der Sexualforscher Petr Weiss lässt keinen Zweifel daran, dass Untreue auch in Tschechien immer eine schwere Belastung für eine Beziehung ist. Den Grund für die große Toleranz sieht der im distanzierten Verhältnis der Tschechen zur Religion.

"Die Erklärung für diesen hohen Anteil an Untreue und die liberale Haltung der Tschechen in Fragen der Sexualität überhaupt liegt wohl darin, dass die Tschechen das vermutlich säkularste Volk weltweit sind. Tschechien hat den geringsten Anteil an Gläubigen. Und wir wissen, dass gerade religiöse Überzeugungen der wichtigste Faktor für eine konservative und restriktive Haltung gegenüber der Sexualität sind."

Dass also gerade Anhänger der Kommunisten in Tschechien die eifrigsten Fremdgänger sind, muss nicht unbedingt an einer moralischen Korrumpierung liegen, die die vierzigjährige Einparteienherrschaft bei ihnen hinterlassen haben mag, sondern ist auch ein Ausdruck der Kirchenferne.

Während sich das Leben der Tschechen in vielen Bereichen nach dem Jahr 1989 komplett umgekrempelt hat, ist eine Revolution in den Partnerbeziehungen ausgeblieben. Zwar steigt das Heiratsalter in Tschechien allmählich, da nun auch Unverheiratete auf eine eigene Wohnung hoffen können, und zu der ohnehin extrem hohen Scheidungsrate kam in den ersten Nachwendejahren noch einmal eine Trennungswelle hinzu, da die neue Freiheit brüchige Beziehungen gesprengt hat. Fremdgegangen wird in Tschechien aber nach wie vor gleich, meint der Sexualwissenschaftler Petr Weiss von der Prager Karls-Universität. Nachwirkung der kommunistischen Diktatur in Tschechien sei aber, dass Sexualität einen deutlich höheren Stellenwert als in westlichen Ländern hat.

"In der Vergangenheit war die Sexualität einer der wenigen Lebensbereiche, in die das kommunistische Regime nicht eingegriffen hat. Der zweite dieser Bereiche in der damaligen Tschechoslowakei waren die Wochenendhäuser, die Schrebergärten und Chatas. Die Tschechen haben es kurz gesagt so gemacht, dass sie jedes Wochenende auf ihre Chata gefahren sind, und da haben sie miteinander geschlafen. Die Staatsicherheit hat das zwar beobachtet, sich aber weitgehend rausgehalten. Also waren Sex und die Wochenendhäuschen die letzten Bereiche, in denen die Tschechen ihre persönliche Freiheit auch unter dem kommunistischen Regime bewahren konnten."

Bleibt zum Schluss die Frage, was das Fremdgehen für Tschechen denn so reizvoll macht. Einen Hinweis liefert abermals die Statistik. In Tschechien geben Männer und Frauen in Umfragen nämlich eine weitaus längere Dauer des Geschlechtsverkehrs an als in anderen Ländern. Während der reine Akt international drei bis zehn Minuten dauert, lassen sich die tschechischen Paare für die allerschönste Nebensache der Welt angeblich eine gute Viertelstunde Zeit. Wie es scheint, wissen die Tschechen also, was sie an einander haben - sei es am offiziellen Partner oder am geheimen Geliebten.