Buchpreisträger Sedláček: „Geld hat die Macht, die wir ihm geben“

Tomáš Sedláček (Foto: Jan Sklenář, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Vor zwei Wochen haben wir an dieser Stelle ein Gespräch mit dem tschechischen Wirtschaftswissenschaftler Tomáš Sedláček gesendet. Das Gespräch über sein Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“, für das Sedláček Anfang Oktober mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2012 ausgezeichnet wurde, haben wir aufgeteilt. Den zweiten Part des Interviews von Lothar Martin mit dem Chefvolkswirt der Tschechoslowakischen Handelsbank AG (ČSOB) hören Sie im folgenden Wirtschaftsmagazin.

Tomáš Sedláček (Foto: Jan Sklenář, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Im ersten Teil unseres Gesprächs hat Tomáš Sedláček verraten, dass er sein Buch geschrieben habe, um Antworten auf Fragen zu Sinn und Zweck der Ökonomie zu finden. Er hat für das Buch zwölf Jahre gebraucht, es ist also keine bloße Antwort auf die gegenwärtige Krise. Er selbst betrachte sich als einen Reformkapitalisten: Man müsse das kapitalistische System selbst in die Hand nehmen und nicht - wie einst von Adam Smith propagiert - der berühmten unsichtbaren Hand überlassen, die den Markt steuere, so Sedláček. Die Wirtschaft müsse sich endlich vom Wachstumsfetischismus lösen und ihre Prioritäten auf Stabilität oder den Grundgedanken einer gerechten Verteilung legen.

Foto: Archiv ČRo 7
Müssen wir daher nicht davon loskommen, alle Dinge vorrangig nach ihrem materiellen Wert einzustufen? Spielt das Geld nicht schon zu oft eine zu große, weil einzig entscheidende Rolle?

„Das Geld wird immer die Stärke haben, die wir ihm geben. Wenn wir zum Beispiel das Verhältnis zu unseren Kindern in Geld ausdrücken wollen, dann ist das selbstverständlich auch möglich. Mir erscheint das pervers, und sicher nicht nur mir, doch Gott weiß, ob wir in der momentanen Weise fortfahren werden. Denn dann würde in vielleicht 30 Jahren auch das finanziell geregelt sein.“

Die finanzielle Regelung der Beziehung zu unseren Kindern – das ist fast schon eine Horrorvorstellung. Sedláček aber erklärt am Beispiel der Kommunikation, wie schnell sich alles ändern kann:

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„Die Kommunikation war vor 20 Jahren noch eine Sache, die außerhalb der Märkte stand. Man traf sich, um miteinander zu reden. Heutzutage läuft die Kommunikation zu 80 Prozent über Marktteilnehmer ab. Dazu gehören das mobile Netz, das Internet und all die Dinge, die auch bezahlt werden müssen. Wir unterhalten uns fast nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern haben aus der Kommunikation einen monetären Wirtschaftszweig gemacht. Aus diesem Grund ist die Wirtschaft in den letzten 10 bis 20 Jahren gewachsen. Wenn aber die Kommunikation nach und nach vollkommen zu Geld gemacht wird, dann wird natürlich auch hier die Möglichkeit eines weiteren Wachstums irgendwann ausgeschöpft sein. Spätestens dann aber wird sich die Frage stellen: Welche weitere Eigenschaft wollen wir dem Markt überlassen?“



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An einem anderen Beispiel erklärt Sedláček, wie unsere spezialisierte Gesellschaft immer weiter Gräben aufreißt zwischen uns und unseren Bedürfnissen, auf der anderen Seite diese Gräben aber sofort wieder überbrückt, und damit Leute beschäftigt. Das Beispiel lautet: Wie erhalte ich einen Liter Milch? Früher hat man dafür eine Kuh gemolken beziehungsweise eine Magd oder einen Knecht angestellt, heute werden dafür in der Milchindustrie mehrere hundert Leute beschäftigt. So funktioniere unser System, sagt Sedláček, und verweist darauf, dass man immer weniger Dinge umsonst bekommt, und dass fast alles seinen Preis hat. Das aber berge eine Gefahr in sich, warnt der Wirtschaftswissenschaftler:

„Ich denke, wir sollten es nicht dem Geld überlassen, alle Werte zu diktieren. Bei einigen Werten sind wir es gewöhnt, dass sie in Geld ausgedrückt werden. Aus einer rein materiellen Betrachtungsweise erwächst allerdings allzu schnell ein Diktat und das Geld wird dann auch nicht mehr unser Diener sein, dem wir sagen, was für einen Wert er hat. Es entsteht vielmehr das Gegenteil, nämlich dass wir der Diener des Geldes werden, und dass das Geld uns sagen wird, was im Leben einen Wert hat.“

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Für diese und ähnliche Gedanken, die Sedláček in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ hinterfragt und mit anderen Zeiten und Kulturen vergleicht, wurde dem Buchautor auf der Frankfurter Buchmesse der Deutsche Wirtschaftsbuchpreis 2012 verliehen. Eine Auszeichnung, die ihn gleich mehrfach überrascht hat:

„Für mich war das natürlich eine große Überraschung. Schon allein deswegen, weil ich festgestellt habe, dass viele deutsche Unternehmer gleichzeitig wahre Philosophen sind. Das hat mich sehr überrascht. Des Weiteren die Tatsache, dass meine philosophisch-humanitären Fragen einen sehr breiten Leserkreis gefunden haben. Ich hatte mit vielleicht 500 bis 1000 Interessierten gerechnet. Mit der weit darüber hinaus gehenden Nachfrage aber habe ich nicht mal andeutungsweise gerechnet. Was mich aber am meisten überrascht hat: Mein Buch hat nicht nur Leuten aus dem Wirtschaftssektor gefallen, sondern auch Lesern, die außerhalb stehen und sich mit Humanwissenschaften befassen.“

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Von vielen Leuten habe er zudem gehört, sein Buch habe die Ökonomie für sie ein Stück verständlicher gemacht. Das freue ihn sehr, ebenso wie die Tatsache, dass ihm wegen des Buchs gerade in Deutschland große Wertschätzung zuteil werde:

„Darüber bin ich natürlich erfreut, und zwar nicht nur weil Deutschland die Lokomotive Europas ist, sondern weil es auch ein Land ist, dass in der heutigen Zeit eine gewisse Verantwortung für Europa in sich spürt. Auf Deutschlands Schultern liegt jetzt tatsächlich die Lösung der europäischen Problemfragen. Ich bin froh, dass Deutschland diese Führungsrolle einnimmt, denn ansonsten wüsste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Auch aus dieser Sicht freut es mich, dass man sich bemüht, die Dinge jetzt auch anders zu sehen, was früher nicht der Fall war. Ich denke, auch das ist möglicherweise eine Lösung des Rätsels, warum mein Buch so großen Anklang fand.“

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Ihm sei es aber nicht darum gegangen, ein möglichst populäres Buch zu schreiben, das große Einnahmen verspricht. Vielmehr sei es sein Ziel, eine Diskussion zu entfachen, die auch kontrovers ausgetragen werde, sagt Sedláček. Diesbezüglich habe er sogar noch weit mehr Gegenwind erwartet für sein Buch, das in Tschechien bereits ein Bestseller ist. Wird er nun also abwarten, wie sich diese Diskussion weiter entwickelt, oder plant er schon ein neues Buch?

„Ich arbeite bereits an einem weiteren Buch. Es enthält keinen geschichtlichen Abriss mehr, sondern beschäftigt sich mit Ideologie beziehungsweise mit Dingen, an die wir glauben. Das neue Buch wird vermutlich ‚Die zweite Ableitung der Sehnsucht’ heißen. Dazu trage ich noch viele Gedanken im Kopf, aber ich kann schon jetzt sagen: Es soll an das erste Buch anknüpfen, jedoch noch mehr Kontroversen aufwerfen und drastischere Beispiele ansprechen.“

Tomáš Sedláček (Foto: Kristýna Maková)
Er sehe sich als Europäer, der sein Land wirklich liebt. Darum tue es ihm immer weh, wenn er schlechte Nachrichten über sein Land hört. Am meisten aber stört es ihn, dass es unter den Tschechen gegenwärtig an Elan und einer positiven Grundstimmung fehle. Die historisch verbriefte Skepsis der Tschechen sei zwar hinlänglich bekannt, aber nicht in diesem Maße, so Sedláček. Eine solche Ernüchterung über gewisse Dinge habe er weder in Polen noch in der Slowakei erlebt. Dabei sei die Situation nicht so schlecht, dass man sie nicht meistern könnte. Allerdings resignieren seine Landsleute zu oft oder zu schnell, wenn etwas schlecht laufe, moniert Sedláček. Er selbst sei der Typ, der anpacke, wenn es ein Problem zu lösen gebe. Und er sei durchaus optimistisch, dass er dabei nicht der Einzige sei, betont der Buchpreisträger:

Václav Havel (Foto: Archiv ČRo 7)
„Ich denke, dass unsere Regierung in diesem Sinne schon bald einige Dinge wieder so zurechtrücken wird, dass auch wir stolz sein können, zum Beispiel auf unsere Politiker. Und zwar genauso stolz, wie wir auf einige unserer Unternehmen wie Škoda oder die Urquell-Brauerei in Pilsen stolz sein können. Also auf Produkte, die in der ganzen Welt geschätzt werden. In der gegenwärtigen Politik können wir so etwas noch nicht sehen, aber es besteht die Hoffnung, dass sich auch da vieles zum Besseren wendet. Ich wäre erfreut, wenn in der tschechischen Politik etwas mehr vom Vermächtnis Václav Havels Einzug halten würde. Er wurde in der ganzen Welt geliebt, aber auch er selbst liebte die Menschen in aller Welt. Jetzt aber neigen wir dazu, der Welt gegenüber etwas gehässig eingestellt zu sein, und dann wundern wir uns darüber, dass man uns aus dem gleichen Blickwinkel betrachtet.“

Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Die Person des verstorbenen Dichterpräsidenten, Dissidenten und Visionärs Václav Havel hat Tomáš Sedláček nicht von ungefähr erwähnt. Von November 2001 bis Februar 2003 arbeitete Sedláček als ökonomischer Berater für den damaligen Präsidenten. Und diese Zeit hat den rothaarigen Querdenker ganz offensichtlich auch geprägt:

„Mit seiner Sicht der Dinge und seiner Denkweise stand mir Václav Havel sehr nahe. Havel war zwar kein Ökonom, aber gerade dadurch hatte er eine ganz andere Sicht auf die Wirtschaft. Und Sie haben vielleicht Recht, seine humane Herangehensweise an die Dinge hat wohl auch mich beeinflusst. Wenn ich zum Beispiel für ihn Unterlagen vorbereitet hatte, musste ich sie ihm auch in seiner Sprache erklären. Ganz einfach deshalb, damit er mit diesen Unterlagen dann auch arbeiten konnte. Diese Erklärungsmethode habe ich bis heute beibehalten.“

Tomáš Sedláčeks 2009 zunächst auf Tschechisch veröffentlichtes Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ ist seit diesem Jahr auch in deutscher Übersetzung im Buchhandel erhältlich.