Buchpreisträger Sedláček: Müssen Strukturen ändern, um Sünden zu minimieren

Tomáš Sedláček (Foto: Kristýna Maková)

Vor rund vier Wochen haben wir darüber berichtet: Der tschechische Wirtschaftswissenschaftler Tomáš Sedláček hat für sein Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2012 gewonnen. Seitdem reißen sich die (deutschen) Medien um den Chefvolkswirt bei der Tschechoslowakischen Handelsbank AG (ČSOB). Nahezu jeder will mehr über den rothaarigen Querdenker erfahren, den das renommierte Magazin „Yale Economic Review“ zu einem der „fünf heißesten Köpfe“ der Wirtschaft stempelte. So auch Radio Prag. Lothar Martin hat mit dem 35-jährigen Hochschullehrer, Kolumnist und Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrates (NERV) gesprochen.

Tomáš Sedláček  (Foto: Kristýna Maková)
Zwischen zweien seiner vielen Termine nimmt sich Tomáš Sedláček Zeit, um gegenüber Radio Prag zu sprechen – im belebten Café Savoy auf der Prager Kleinseite. Hier ist das Treiben rastlos, und auch Sedláček kommt schnell zur Sache:

„Warum ist das Buch geschrieben habe? Nun, ursprünglich waren es lediglich meine allabendlichen akademischen Niederschriften, mit denen sich meine Schublade füllte. Tagsüber war ich ökonomischer Berater des damaligen Präsidenten Václav Havel, danach beim damaligen Finanzminister Bohuslav Sobotka oder ich habe bei der Handelsbank gearbeitet, so wie auch heute noch. Bei einem Glas Wein saß ich viele Abende an meinem Schreibtisch und habe überlegt, für was die Wirtschaft alles gut ist oder nicht. Die Ökonomie als solche hat mir keine Antworten auf meine Fragen geben können. Auf meine tiefgründigsten Fragen musste ich also die Antworten woanders finden. Da ich auch ein Freund von Philosophie, Theologie und Literatur, aber auch Anthropologie und Soziologie bin, habe ich besonders in diesen Bereichen gesucht. Für mich selbst wollte ich begründet wissen, warum einige Kennzahlen so wichtig sind, weshalb wir etwas messen oder auch nicht, wo alles angefangen hat, woher die Vorstellung kommt, dass die Märkte sauber und in Harmonie sind, und vieles mehr. Und daraus ist dann dieses Buch entstanden.“

„Die Ökonomie von Gut und Böse“  (Foto: 65. Pole Verlag)
In seinem Buch geht Sedláček auf eine Zeitreise durch die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte. Die Reise führt ihn vom Gilgamesch-Epos über das Alte Testament zu Thomas von Aquin und Adam Smith sowie über die Filme „Fight Club“ und „Matrix“ bis zur Wall Street und zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2007. Der tschechische Ökonom stellt dabei die kühl-analytische und scheinbar wertfreie Betrachtungsweise der modernen Volkswirtschaftslehre infrage und mahnt an, dass jede noch so trivial erscheinende Kaufentscheidung letztlich eine moralische Entscheidung sei. Aber es sei kein Buch, das er wegen der Krise geschrieben habe, betont der Autor:

„Das Buch ist im Zeitraum von zwölf Jahren entstanden, also nicht als unmittelbare Reaktion auf die Krise. Ich habe mit dem Schreiben des Buches schon viel früher begonnen, als die Wirtschaft noch als unfehlbar galt und die unsichtbare Hand ebenso wie der internationale Handel noch funktioniert haben. In einer Zeit also, als die ökonomische Evangelisierung der gesamten Welt als eine gute Botschaft angesehen wurde.“

Johannes Paul II.  (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Aber auch die Wirtschaft der Gegenwart habe ihre Vorzüge, zumal sie unaufhörlich nach Wegen suche, wie man die Krise überwinden könne, ergänzt Sedláček. Dennoch – und das sei eine der Kernaussagen seines Buches –, müsse die Ökonomie etwas Grundlegendes ändern, weil sie in etwas gefangen sei, was er die „sündhafte Struktur“ nenne. Und Sedláček beginnt zu erläutern:

„Mir scheint, dass das Problem nicht so sehr bei den Menschen selbst liegt. Papst Johannes Paul II. sprach seinerzeit von einer sündhaften Struktur, weil ein System schlecht aufgebaut ist. Da kann man ein ganzes Heer von Leuten haben, die es alle gut meinen und nichts Böses wollen, aber letzten Endes genau dies tun. Zum Beispiel auch wir zwei, die wir hier in einem Café sitzen, denn auch unseretwegen wird hier beleuchtet. Dazu braucht es Strom, für dessen Erzeugung vielleicht die Umwelt leidet. Also auch wir zwei beteiligen uns an Dingen, die wir eigentlich nicht wollen. Wir müssen also auch unsere Mentalität verändern, damit die Dinge besser werden. In dieser Hinsicht betrachte ich mich als einen Reformkapitalisten. Das darf man nicht verwechseln mit einem Reformkommunisten, denn der Kommunismus ist nicht reformierbar. Im Gegensatz zum Kommunismus ist aber der Kapitalismus ein Gesellschaftssystem, das sich an neue Gegebenheiten anpassen kann und will. Daran ist nichts Unnatürliches. Der Kapitalismus vor hundert Jahren sah anders aus als der vor zehn Jahren oder der von heute. Und auch ich will nicht zu dem Kapitalismus vor hundert Jahren oder vor zehn Jahren zurückkehren. In weiteren zehn Jahren wird er wieder anders aussehen, und unsere Aufgabe ist es, die Strukturen so zu ändern, dass die Sünden, die wir unwissentlich oder ungewollt begehen, minimalisiert werden.“

Adam Smith  (Foto: Kim Traynor,  Wikimedia Creative Commons 3.0)
Dafür aber, so Sedláček eindringlich, müsse man das kapitalistische System selbst in die Hand nehmen und nicht - wie einst von Adam Smith propagiert - der berühmten unsichtbaren Hand überlassen, die den Markt steuern soll. Nur dann sei es auch möglich, dem kapitalistischen System die Ausrichtung zu geben, die wir selbst wollen. Dies könne zum Beispiel der Grundgedanke sein, dass es gerecht zugeht. Oder aber man setzt sich als grundlegende Priorität die Stabilität und nicht das Wachstum, bemerkt Sedláček. Dann erklärt er:

„Im Kapitalismus will jeder gewinnen, doch gewinnen darf eigentlich niemand. Das würde das Monopol bedeuten und im Gegenzug das Ende der Konkurrenz. Im Wesen des Konkurrenzkampfes steckt zwar auch die Begierde aller Konkurrenten, der Beste zu sein, doch diese Gier darf nicht materiell ausgerichtet sein, weil am Ende der Konkurrenz wieder das Monopol stehen würde. Ich will das mal an zwei Parolen verdeutlichen: Im Englischen heißt es, ´good is the enemy of the best´, also ´Warum nur gut sein, wenn ich der Beste sein kann´. Das ist zwar gut gemeint, doch andererseits gilt auch: ´Der Beste ist der ärgste Feind des Guten´. Das heißt, alles ist gut, unser Leben ist in Ordnung, denn niemand leidet, doch immer wieder quält uns der Gedanke, dass es noch besser sein könnte, und damit werden wir uns selbst geißeln.“

Foto: Sufi Nawaz,  Stock.xchng
Der Wachstumsfetischismus, dem sich die Wirtschaft weiterhin unterwirft, sei tatsächlich eine Zwickmühle, aus der man endlich ausbrechen müsse, sagt Sedláček und resümiert:

„Ich denke, dass unsere Entwicklung gut ist, ich denke aber nicht, dass alles besser wird, wenn wir nur auf Wachstum setzen. Letztlich ist es nicht mehr vorzustellen, wie wir als Gesellschaft immer reicher und reicher werden sollen. Fangen wir lieber an, darüber zu diskutieren, dass unser Reichtum möglicherweise nicht gut verteilt ist, dass manches nicht gerecht ist und so weiter. Dieser Diskussion stehe ich offen gegenüber. Der Gedanke aber, dass wir als reichster Teil der Welt, der noch dazu in der Periode der Weltgeschichte mit dem größten Reichtum lebt, ständig den Komplex haben, im Grunde genommen arm zu sein und daher wachsen zu müssen, erscheint mir paradox. Doch dieses oberflächliche Streben nach Reichtum wird sich nie erfüllen, solange wir nicht lernen, in gewisser Weise auch dankbar und mit dem zufrieden zu sein, was wir haben.“


Anm.: Den zweiten Teil des Interviews mit Tomáš Sedláček veröffentlichen wir in zwei Wochen in der nächsten Ausgabe unseres Wirtschaftsmagazins.