Bücher in Corona-Zeiten? Tschechen ziehen Filme und Computerspiele vor

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Wieviel Zeit verbringen die Menschen in Tschechien während der Corona-Pandemie mit Büchern und Medien? Ist Lesen beliebter als zuvor? Oder taucht man lieber in Filme und Fernsehserien ab? Und wie hat die Pandemie sonst die Freizeitaktivitäten beeinflusst?

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Die Pandemie hat die Möglichkeiten an Freizeitaktivitäten wesentlich eingeschränkt. Daher widmet man sich viel mehr als sonst den Medien. Nach einem Buch greifen nur diejenigen Menschen häufiger als früher, die auch noch vor Corona-Zeiten regelmäßige Leser waren. Das hat eine Forschung gezeigt, an der die tschechische Nationalbibliothek, die Akademie der Wissenschaften und das Meinungsforschungsinstitut Nielsen Admosphere beteiligt waren. Jiří Trávníček vom Institut für tschechische Literatur an der Akademie der Wissenschaften beschäftigt sich seit 2007 mit den Lesegewohnheiten der Tschechinnen und Tschechen:

„Wir haben in allen Bereichen, die uns interessiert haben, einen hohen Anstieg festgestellt. Das betrifft nicht nur das Lesen, sondern auch weitere mediale Aktivitäten. Die Ursache liegt selbstverständlich darin, dass derzeit nur eingeschränkte Möglichkeiten zu Aktivitäten außer Haus bestehen. Die Menschen haben sich daher auf Tätigkeiten daheim konzentriert, also auf Computer und die Welt des Internets. Am häufigsten werden sich Filme angeschaut. Auf Platz zwei folgt das Lesen. Dabei geht es aber nicht um Bücher und Zeitschriften. Sehr stark zugenommen hat hingegen der Konsum von kurzen Meldungen und Texten im Internet.“

Kurze Texte im Internet

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Während der Pandemie schauen die Menschen hierzulande etwa 24 Prozent häufiger Filme und TV-Serien und lesen 18 Prozent mehr Texte im Internet. Um 19 Prozent ist das Verfolgen der Online-Berichterstattung gestiegen und um 18 Prozent die Zeit vorm Fernseher. Auf das Hören von Radio und Audiobüchern sowie auf das Lesen von E-Büchern hat der Lockdown keinen besonderen Einfluss gehabt. Dennoch gebe es Unterschiede, die vom Alter abhingen, sagt Trávníček:

„Den größten Anstieg beim Radiohören gab es bei der ältesten Generation, den geringsten bei der jüngsten Generation. Bei den Online-Aktivitäten war es umgekehrt. Die Pandemie hat die Gewohnheiten bei der jüngsten Generation am meisten erschüttert. Je älter man ist, desto stabiler sind die Gewohnheiten. Eine wichtige Rolle spielt auch die Bildung. Je höher sie ist, desto weniger lässt man sich durch das äußere Geschehen beeinflussen. Lesen und kulturelle Gewohnheiten tragen zur Stabilität und Widerstandsfähigkeit bei, und gebildete Menschen erweisen sich da als widerstandsfähiger. Menschen mit geringerer Bildung lassen sich viel einfacher von der Bahn abbringen, auf der sie sich vor der Pandemie bewegt haben.“

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Obwohl eine deutliche Mehrheit (66 Prozent) der Leser der Meinung ist, dass man sich beim Buch besser erholt als vorm Fernseher oder am Computer, lesen nur etwa sieben Prozent der Befragten mehr. 38 Prozent gaben an, sie hätten nun eigentlich mehr Zeit dazu als früher. Etwa 20 Prozent beschweren sich allerdings, dass sie sich wegen des Stresses und der unsicheren Lage in Corona-Zeiten nicht auf das Geschriebene konzentrieren könnten:

„Wir sind einem interessanten Paradoxon begegnet: Einerseits zeigt sich, dass die Befragten durch die Pandemie mehr Zeit haben. Viele gaben daher an, sie hätten Bücher in die Hand genommen, die schon lange Zeit bei ihnen herumlagen, sie hätten sich also in ihrer eigenen Hausbibliothek bedient. Andererseits wurde berichtet, dass das Lesen nicht möglich gewesen sei, weil der Kopf nicht frei war für den Text.“

Mehr Zeit, weniger Konzentrationsfähigkeit

Quelle: Verlag Bertelsmann

Nach dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr vergangenen Jahres kam es neben steigenden Corona-Fallzahlen auch zu steigenden Verkaufszahlen von Werken wie „Die Pest“ von Albert Camus, „Die Pest zu London“ von Daniel Defoe oder „Liebe in den Zeiten der Cholera“ von Gabriel Garcia Márquez. Der Literaturwissenschaftler dazu:

„Es scheint, dass die Menschen einen Schlüssel zur Pandemie gesucht hätten. Wir haben in unserer Umfrage kein solches konkretes Werk gefunden. Aber ein Moment lässt sich erwähnen: Die Menschen haben in der Zeit der Pandemie deutlich häufiger zu Büchern über die Zivilisation sowie medizinische Bücher gegriffen. Sie bemühen sich, das Geschehen mithilfe von vertrauenswürdigen Informationen aus Büchern zu begreifen.“

Die Buchhandlungen mussten im vergangenen Jahr viele Monate lang geschlossen bleiben. Auf die Verkaufszahlen von Büchern hat sich dies aber nicht sonderlich ausgewirkt, wie sich aus der Erhebung weiter ergibt:

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„Die Einkäufe im stationären Buchhandel sind selbstverständlich stark zurückgegangen. Auch wurden deutlich weniger Bücher in Bibliotheken ausgeliehen. Ein Wachstum gab es hingegen beim Online-Verkauf. Insgesamt scheint aber, dass die Befragten nicht weniger Bücher als zuvor gekauft haben. Im Gegenteil, die Zahl liegt etwas höher als sonst.“

Neben dem eigenen Buchregal und den Buchhandlungen sind öffentliche Büchereien eine wichtige Quelle für neuen Lesestoff. Auch die Bibliotheken mussten aber wegen der Corona-Maßnahmen schließen. Vít Richter leitet die Nationalbibliothek in Prag. Er berichtet, wie man sich an die Lage angepasst hat:

Vít Richter  (Foto: Julija Maslowa)

„Das größte Problem war die Aussetzung von verschiedenen Bildungs-, Kultur-und Gemeinschaftsaktivitäten. Die Bibliotheken haben sich bemüht, diese online anzubieten, das persönliche Treffen lässt sich aber nicht immer ersetzen. Man hat unterschiedliche Wege gesucht, um die Bücher an die Leser zu bringen. Der Lieferservice funktioniert sehr gut, es gibt öffentliche Bücherschränke und Ausgabeschalter. Die Bibliotheken sind also in dieser Hinsicht nur zum Teil geschlossen.“

Bibliotheken online

Und die Leser sind den Bibliotheken treu geblieben, obwohl sich die Form der Nutzung geändert hat:

Bibiliothek online  (Foto: Lucie Fürstová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Die Zahl der ausgeliehen Bücher ging natürlich deutlich zurück. Hingegen nahm das Herunterladen von E-Büchern stark zu. Ein schönes Beispiel bietet die Stadtbibliothek in Prag: Sie stellt eine große Auswahl sowohl älterer als auch neuer Bücher kostenlos online zur Verfügung.“

Bei der Erhebung wurden Leser im Alter ab 15 Jahren berücksichtigt. Das Meinungsforschungsinstitut Nielsen Admosphere befragte dabei im Februar insgesamt 1065 Menschen. Eine besondere Kategorie bildeten Eltern von Kindern zwischen 6 und 18 Jahren. Sie teilten ihre Meinungen zum Leseverhalten ihrer Kinder mit. Hana Friedlaenderová von Nielsen Admosphere fasst zusammen:

Hana Friedlaenderová  (Foto: ČT24)

„Die Corona-Pandemie und die Bewegungsbeschränkungen haben alle medialen Aktivitäten der Kinder intensiviert. Im Vergleich mit der Zeit vor der Pandemie nahmen an erster Stelle Spiele an Handy, Computer und Notebook zu, und zwar um 41 Prozent. Es folgen Social Media sowie Filme und Serien. Zu den Computerspielen und Social Media sagen die Eltern zudem, dass sie für die Kinder Ersatz seien für den Kontakt mit den Gleichaltrigen. Hingegen hat die Pandemie das Interesse an Büchern bei Kindern nicht wesentlich verändert. Nur sieben Prozent der Eltern sind der Meinung, dass ihre Kinder mehr als vor der Pandemie lesen würden.“

Das entspricht übrigens auch den Ergebnissen der Umfrage unter der erwachsenen Bevölkerung. Jiří Trávníček:

Jiří Trávníček  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

„Die Pandemie hat die tschechischen Leser meiner Meinung nach nicht so stark erschüttert, obwohl große Unterschiede je nach Generation bestehen. Im Prinzip wurden die Trends beschleunigt, die wir schon früher beobachtet haben: Die zunehmenden Online-Aktivitäten haben wir schon in unserer ersten Studie festgestellt. Seitdem ist es stetig so weitergegangen.“

Autoren: Markéta Kachlíková , Karolina Koubová
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