Bewohner der Tschechischen Republik und ihre Beziehung zum Buch

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Sag mir was du liest, und ich sage dir was für ein Mensch du bist. Diesen einst beliebten Spruch bekommt man heutzutage nicht mehr allzu oft zu Gehör. Vielleicht ist es auch darauf zurückzuführen, dass in der heutigen Zeit das Lesen trotz der alljährlichen Titelflut keinen so hohen Stellenwert mehr einnimmt wie früher. Nicht von ungefähr werden in vielen Ländern Untersuchungen dieses Phänomens durchgeführt. Ihre Ergebnisse bestätigen das lustvolle Lesen früherer Generationen in der Tat nicht mehr. Wie ist es in Tschechien um die Leselust bestellt? Bisher wurden hierzulande nur zwei Umfragen zu diesem Thema durchgeführt.

In Tschechien liegen mittlerweile zwei Studien vor, die auf zwei repräsentativen Umfragen basieren, in denen Informationen über die Lesekultur in Tschechien erhoben wurden. Die Auftraggeber der Studien waren die Nationalbibliothek Prag und das Institut für tschechische Literatur bei der Akademie der Wissenschaften. Der Leiter des Projektes und damit auch der beiden Umfragen, die 2007 und 2010 zustande kamen, war Universitätsprofessor Jiří Trávníček.

Der Literaturwissenschaftler, Kritiker und Hochschullehrer an der Masaryk-Universität in Brno / Brünn ist längst nicht nur in tschechischen Fach- und Studentenkreisen bekannt. In den einheimischen Medien, den Tschechischen Rundfunk einbegriffen, hat er sich auch als Buchautor und willkommener Gesprächspartner zum Thema Lesegewohnheiten profiliert. Bei den Begegnungen mit ihm kann man, ob Leser oder Nichtleser, viel Aufschlussreiches erfahren. In seinen Büchern, denen die erwähnten Umfragen mit je 1500 landesweit repräsentativ ausgewählten Teilnehmern im Alter ab 15 Jahre zugrunde lagen, schreibt er gut lesbar und unterhaltsam über Themen wie Bucherwerb, Leseleistungen, Leseverhalten, Lesefrequenz der Tschechen und weiters. „Lesen wir? Bewohner der Tschechischen Republik und ihre Beziehung zum Buch“, so der ältere Buchtitel von 2008. In seinem im Herbst 2011 erschienenen Buch „Die Leser und Internauten. Bewohner der Tschechischen Republik und ihre Beziehung zum Lesen“ hat Trávníček die Internetuser, alias Internauten, als Leser im digitalen Raum miteinbezogen.

Jiří Trávníček (Foto: Karel Cudlín, Portal der tschechischen Literatur)
Lassen wir also den Leseforschungs-Experten zu Worte kommen. 79 Prozent der Tschechen lesen mindestens ein Buch pro Jahr. Jiří Trávníček ist begeistert:

„Das ist eine phantastische Zahl! Ich bekomme immer wieder unheildrohende kulturpessimistische Bewertungen zu Gehör, nach denen es mit dem Bücherlesen hierzulande immer mehr bergab geht. Dem entsprechen aber die ermittelten Durchschnittswerte nicht. Insbesondere im europäischen Vergleich liegen die Tschechen in der Nähe der traditionellen Tabellenführer, also in der Nähe der skandinavischen und baltischen Länder.“

Die Umfragen von 2007 und 2010 basierten zu 80 Prozent auf identischen Fragen. Ihre Ergebnisse wiesen keine wesentlichen Veränderungen aus. Bis auf wenige Ausnahmen:

„Markant ist der zahlenmäßige Rückgang der Menschen, die sich Bücher im Lauf des Jahres kaufen. 2007 hat jeder elfte Einwohner der Tschechischen Republik mehr als 12 Bücher im Jahr gekauft. Drei Jahre später ist ihre Zahl um ein ganzes Drittel zurückgegangen. Ansonsten haben wir im Prinzip unveränderte Zahlen der Leser in den untersuchten Kategorien verzeichnet.“

Lesen ist nach Trávníčeks Meinung immer noch eine beliebte Aktivität der Mehrheit der tschechischen Bevölkerung, deutlich geprägt durch einen bestimmten Faktor:

„Lesen ist in hohem Maße mit der nationalen Kultur verbunden. Ich bin kein nationalistisch orientierter Altpatriot, doch es gilt tatsächlich als unumstritten, dass es national geprägte Muster der Lesekultur gibt. In unseren Studien arbeiten wir aufgrund der Lesertypologie separat mit den einzelnen Leserkategorien je nach Zahl der pro Jahr gelesenen Bücher. Daraus ergibt sich zum Beispiel ein eher wenig variierendes Bild der Nichtleser und Vielleser: Auf die Nichtleser entfallen 21 Prozent. Den Gegenpol stellen wiederum leidenschaftliche Leser dar, die 50 und mehr Bücher pro Jahr lesen. Die machen 6,5 Prozent des Bevölkerungsteils aus, der überhaupt Bücher zur Hand nimmt.“

Und wer ist der typische tschechische Leser?

„Es ist eher eine Leserin, also eine Frau, eher gebildet und überwiegend in einer größeren Stadt wohnhaft. Sie gehört eher der jüngeren oder aber auch der älteren Generation an. In der mittleren Alterskategorie, und das gilt für beide Geschlechter, geht die Leselust etwas zurück.“

Der typische Nichtleser hingegen ist eher ein Mann höheren Alters und Landbewohner. Aufgrund des nuancierten Fragenkatalogs konnte man unter anderem bestimmte lesebiografische Schlussfolgerungen erstellen, die es möglich machen, geschlechterspezifisch zu differenzieren. Hier ein Beispiel:

„Für jene Männer, in deren Kindheit es wenig Anregungen zum Lesen gab, erweist sich dieser Umstand nicht so fatal für das Leben. Viele von ihnen holen nämlich das Defizit später auf, indem sie das Lesen auf verschiedenen Umwegen für sich entdecken. Es geht sozusagen um eine Spezies der ´Selfmademen´, die sich auch trotz ungünstiger Umstände in der frühen Lebensphase durchsetzen können. Die Frauen hingegen bleiben als Erwachsene viel mehr bei den soziokulturellen Vorbildern, die sie im Kinder- und Jugendalter prägten.“

Von ausschlaggebender Bedeutung ist, so Jiří Trávníček, die primäre Fixierung der Lesegewohnheit. Dazu komme es in der Familie. Vieles kann seiner Meinung nach auch die Schule sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Etwa durch die Koppelung der Unterrichtslektüre mit unangenehmen Erlebnissen, wodurch eine lebenslange Abneigung zum Lesen entwickelt wird. Auch das habe sich in den Umfragen herausgestellt und sei sehr gefährlich.

In Tschechien wird man offenbar auch häufiger als anderswo mit einem Buch beschenkt, behauptet Jiří Trávníček:

„Das lässt sich an den Zahlen demonstrieren. Dem häufigsten Bucherwerb der Tschechen liegt eine Beschenkung zugrunde. Das funktioniert bei uns immer noch häufiger als zum Beispiel in den USA oder einigen westlichen Ländern. Schaut man sich allein die Zahlen der Bücher an, die bei uns im letzten Quartal des Jahres, in der Vorweihnachtszeit also, verkauft werden, sind die Unterschiede augenfällig. Tschechische Buchhändler verzeichnen in diesem Zeitraum traditionsgemäß einen Verkaufsanstieg von über 50 Prozent. In den USA sind es 27 Prozent.“

Große Bedeutung für die Lesekultur der tschechischen Gesellschaft misst der Brünner Wissenschaftler den öffentlichen Bibliotheken bei. In seiner Studie schreibt er:

„Die Tschechische Republik hat eines der dichtesten Netze öffentlicher Bibliotheken auf der Welt. Im Jahr 2006 lag die durchschnittliche Quote der pro Leser entliehenen Bücher bei 36,7. Die größte tschechische Bibliothek ist die Nationalbibliothek der Tschechischen Republik in Prag mit einem Bestand von 6.280.668 Bänden.“

In einem Gespräch mit dem Tschechischen Rundfunk stellt Trávníček noch ein anderes Phänomen in den Zusammenhang:

„Die Rolle der öffentlichen Bibliotheken ist hierzulande sehr groß. Doch noch wichtiger sind die Privatbibliotheken zu Hause. In diesem Bereich schneiden die Tschechen sehr gut ab. 98 Prozent der Befragten haben uns mitgeteilt, dass sie zu Hause Bücher haben. Aus der Sicht des Kindes ist es außerordentlich wichtig, das Lesen so früh wie möglich mit Büchern zu verbinden und vor allem mit dem Erlebnis zu assoziieren, seine Eltern lesen gesehen zu haben.“

Wie die Umfragen ergaben, verfügen rund 85 Prozent der tschechischen Bevölkerung in ihrer privaten Bibliothek zwischen 11 und 500 Bänden. Trávníček spricht auch von der besonderen Rolle der Privatbibliotheken in der Zeit des Kommunismus, als sie oft als Ersatzquelle von ansonsten unzugänglichen oder verbotenen Informationen oder sogar als Bildungsquelle dienten. Die Wurzeln dieses Phänomens seien allerdings im 19. Jahrhundert zu finden. In einem Presseinterview sagte er einmal:

„Wir sind eine Nation, die mithilfe der tschechisch geschriebenen Bücher wiedergeboren wurde. Die neuzeitliche tschechische Sprache entstand durch Schriftsteller, Priester und Lehrer. Das alles sind eben ´Menschen des Buches´.“

Im kommenden Jahr steht in Tschechien noch eine dritte, ebenso breit angelegte Befragung zum Thema „Lesen“ an. Hierzu eine Erläuterung des Projektleiters:

„Die ersten drei Umfragen wollten wir im Zeitabstand von drei Jahren durchführen lassen. Danach könnten sie jeweils nach vier oder fünf Jahren stattfinden. Mit dem Dreijahrestakt der ersten Forschungsetappe wollen wir die Interessen unserer Bibliothekare und Bibliothekarinnen berücksichtigen, die aktuell eine deutliche Änderung im Leseverhalten ihrer Nutzer zu verzeichnen glauben. Für die Erfassung der vermuteten Tendenz, die sich durch eine zunehmende Nutzung anderer, namentlich digitaler Medien auszeichnet, halten wir den kürzeren Zeitabstand der einzelnen Umfragen für sinnvoller.“

Illustrationsfoto: Archiv der Stadt Bad Zwischenahn
Viele tschechische Bibliotheken bieten im Rahmen ihres Verleihservices längst nicht nur Bücher an, sondern auch ein mehr oder weniger breiteres Sortiment an digitalen Medien. Die durch Umfragen erhobenen Daten sollen für eine Verbesserung ihres Angebots genutzt werden. Allerdings unter der Voraussetzung, dass der Staat auch künftig diese Kultureinrichtungen finanziell unterstützen wird. Sollte das nicht der Fall sein, dürfte die etwas rätselhaft klingende Äußerung, mit der Jiří Trávníček das Geschehen in der tschechischen Leselandschaft zwischen 2007 und 2011 bewertet, verständlicher werden: Die kulturell Reichen seien reicher geworden, die kulturell Armen wiederum ärmer.