Carbon-Laufschuh oder Eisenstiefel: Ungleiche Startchancen für Kinder in Tschechien
Welchen Einfluss hat der familiäre Hintergrund auf das Gesundheitsverhalten und das Wohlbefinden tschechischer Kinder? Einen erheblichen. Dies belegen die neuesten Daten einer internationalen Studie der WHO.
Tschechische Kinder aus einkommensschwachen Familien leiden häufiger unter Übergewicht und Depressionen und erzielen schlechtere Schulleistungen. Dies geht aus der internationalen HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children) hervor, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Zusammenarbeit mit Experten der Palacký-Universität in Olomouc / Olmütz durchgeführt wurde. Die Forscher betonen, dass nicht nur finanzielle Faktoren eine Rolle spielen würden, sondern auch die alltägliche Lebenswelt der Kinder.
„Ich habe zum Beispiel einen Freund, der Drogen ausprobiert hat. Er begründet es damit, er müsse sich von der Realität ablenken, weil er mit vier Geschwistern in einer winzigen Wohnung lebt.“
Dies sagt ein 15-jähriger Schüler aus Olmütz. Er selbst habe auch schon Zigaretten und Alkohol probiert, sei davon aber nicht begeistert. Sport mache er aber nur wenig, räumt er ein, ebenso wie sein Mitschüler:
„Nicht wirklich. Aber ich versuche in letzter Zeit, mich gesünder zu ernähren. Und ehrlich gesagt sollte ich wohl mal etwas mit mir anfangen.“
Motivieren könne er sich durchaus selbst, aber auch seine Mutter übe Druck auf ihn aus, ergänzt der Jugendliche.
Einsamkeit und Depression im Fokus
Die Erfahrungen dieser Gymnasiasten aus Olmütz stimmen mit den Ergebnissen der Studie überein. Für sie wurden fast 15.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 11 bis 15 Jahren in Tschechien befragt. Laut dem Leiter des Forschungsteams, Michal Kalman, starten nicht alle Kinder mit den gleichen Voraussetzungen ins Leben:
„Unsere Daten zeigen, dass die Zukunft von Kindern nicht allein von Talent oder Bemühen bestimmt wird, sondern von dem Umfeld, in dem sie aufwachsen. Der sozioökonomische Status ist eine Art imaginäre Startlinie, an der manche Kinder mit superleichten Carbon-Laufschuhen beginnen, während andere schwere Eisenstiefel tragen.“
Die auffälligsten Unterschiede zeigen sich im Bereich der psychischen und körperlichen Gesundheit. Kinder aus einkommensschwachen Familien sind laut der Studie zu 57 Prozent einem höheren Risiko ausgesetzt, an Depressionen zu erkranken.
„Kinder, die in ärmeren Familien aufwachsen, leiden auch stärker am Gefühl der Einsamkeit, und zwar um 38 Prozent. Und sie weisen eine geringere Lebenszufriedenheit auf als jene aus besser situierten Familien.“
Frühstück und Leitungswasser als Indikatoren
Zudem droht bei dem Nachwuchs aus ärmeren Familien ein fast doppelt so hohes Risiko, übergewichtig oder fettleibig zu sein. Michal Kalman weist jedoch darauf hin, dass Kinder aller sozialen Schichten zuckerhaltige Getränke, Chips oder Fast Food in etwa gleichem Maße konsumieren. Der große Unterschied liege jedoch in den gesunden Gegenmaßnahmen, so der Experte:
„Kinder aus wohlhabenden Familien gleichen ungesunde Gewohnheiten durch gesunde aus. So essen sie zum Beispiel mehr Obst und Gemüse und trinken mehr Wasser. Leitungswasser ist überall fast kostenlos verfügbar, und dennoch trinken Kinder aus ärmeren Familien deutlich weniger davon, als jene aus wohlhabenderen Familien. Außerdem frühstücken die Letztgenannten häufiger. Das ist ein weiterer Indikator dafür, dass es nicht um den wirtschaftlichen, sondern um den sozialen Hintergrund der Familie geht – die Eltern wissen, dass das Frühstück wichtig ist.“
Sport muss nicht teuer sein
Genauso sieht es beim Sport aus. Den Forschern zufolge kann man auch ohne große Kosten Sport treiben. Petr Baďura, Datenanalyst für den tschechischen Teil der Studie, beschreibt:
„Es lässt sich argumentieren, dass nicht jedes Kind Profi-Skifahrer oder Reiterin werden kann. Ihm fehlt einfach das Einkommen dafür. Bewegung als solche ist aber auch zu sehr geringen Kosten möglich. Gerade in Tschechien gibt es dafür viele Möglichkeiten, und das sogar auf organisierte Weise.“
Die Daten zeigten auch, dass Schulen eine wichtige Stütze für benachteiligte Kinder darstellen. Kinder aus einkommensschwächeren Familien gaben häufiger an, ihren Lehrkräften zu vertrauen und sich von ihnen unterstützt zu fühlen. Laut den Autoren können Schulen zumindest teilweise dazu beitragen, die Ungleichheiten abzumildern, mit denen Kinder im Leben konfrontiert sind.
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