Weg vom Leistungsprinzip: Prager Sportwissenschaftler wollen Turnunterricht zum Erlebnis machen
Tschechische Kinder bewegen sich laut aktuellen Studien immer weniger. Wissenschaftler aus Prag möchten daher den Sportunterricht an Grundschulen attraktiver machen, indem ein Trainer hinzugezogen wird.
Stupide Rollen nach vorne – und immer der Lehrer mit der Pfeife im Mund oder mit einem dummen Spruch. So parodiert etwa das tschechische Blödelduo Silly Toons den Sportunterricht.
Obwohl die Turnstunden in den Grundschulen hierzulande wohl nicht unbedingt so verlaufen, bauen Experten auf ein ganz anderes Modell. Martin Musálek ist Sportwissenschaftler an der Prager Karlsuniversität und sagte in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks, dass der Lehrer immer von einem Trainer begleitet werden solle:
„Der Trainer hat für die Kinder die Rolle des Unbekannten und soll sie im positiven Sinn verrückt machen, er soll eine Show abziehen. Der Lehrer hat natürlich seine erzieherischen Grundsätze und den Lehrplan, aber der Trainer soll da einen Drive hineinbringen.“
Es geht um Schülerinnen und Schüler im Alter von um die zehn Jahre. Sie sollen dazu gebracht werden, sich mehr zu bewegen. Laut einer Studie von 2020 leidet jedes fünfte tschechische Kind an Übergewicht. Und 2022 führte die Schulinspektion eine groß angelegte Untersuchung durch, die ergab, dass der Nachwuchs hierzulande im Vergleich zu Anfang der 1990er Jahre körperlich deutlich weniger fit ist.
Deswegen will Musálek in einem Forschungsprojekt nun probieren, dem Schulsport eine andere Richtung zu geben als bisher. Dabei gehen die Wissenschaftler vom bereits bestehenden landesweiten Projekt Trenéři ve škole (Trainer in der Schule) aus. Bei diesem laden einige Schulen schon jetzt Trainer in manche ihrer Sportstunden ein, um sie attraktiver zu machen. Musálek will aber im gesamten Sportunterricht das Tandem aus Lehrer und Trainer. Außerdem möchte er herausfinden, wie sich die Beziehung der Kinder zum Sport ändert, wenn es fünf anstatt der bisher zwei Wochenstunden körperliche Erziehung gibt...
„Das Hauptziel ist, bei den Kindern ein möglichst tiefgehendes positives Erlebnis hervorzurufen. Da geht es nicht um die Leistung, wenn es etwa heißt ‚Jetzt machen wir 20 Froschhüpfer, und wer das nicht schafft, ist der Looser‘. Stattdessen soll alles, was im Sportunterricht gemacht wird, beim Kind ein inneres Bedürfnis erfüllen“, so der Wissenschaftler.
Emotionen und positive Erlebnisse – dadurch sollen die Kinder in Bewegung gebracht werden. Dazu Musáleks Kollegin Veronika Kramperová:
„Wir werden uns bemühen, die Kinder bei allseitigen Bewegungsaktivitäten zu unterstützen. Sie sollen sich Grundlagen der Bewegung aneignen, also nicht nur laufen, sondern auch werfen, fangen, springen und Gleichgewichtsübungen absolvieren. Es geht also nicht um den Sport, sondern um die künftige Gesundheit der Heranwachsenden, ihr Selbstbewusstsein und das Verhältnis zum eigenen Körper. Das beginnt eben gerade in der Schule, bei jedem Sportlehrer, bei jedem Bewegungsspiel und mit jedem Lobeswort.“
Warum wurden aber für das Experiment gerade Kinder im Alter von zehn bis zwölf Jahren ausgewählt? Kramperová sagt, dies sei das goldene Alter menschlicher Motorik...
„Um das zehnte Lebensjahr herum lernen Kinder am besten neue Fertigkeiten. Da besteht also die Chance, auf die allgemeine Beweglichkeit einzuwirken. Der Nachwuchs saugt in dem Alter wie ein Schwamm eine breite Skala an Bewegungsfähigkeiten auf.“
Das Experiment beginnt im kommenden Schuljahr und soll drei Jahre lang dauern. Fast 400 Kinder aus allen Gegenden Tschechiens werden den Plänen nach eingebunden. Dabei erhält nur ein Teil von ihnen den Tandemunterricht mit fünf Sportstunden. Der andere Teil dient als Kontrollgruppe und hat nur die bisherigen zwei Turnstunden pro Woche.







