Das Geheimnis des grünen Eises auf dem Lipno-Stausee
Auf der größten Wasserfläche Tschechiens, dem Lipno-Stausee in Südböhmen, hat sich grünes Eis gebildet. Auch die Wissenschaftler sprechen von einem seltenen Phänomen. Was ist der Grund für diese Färbung?
Die frostigen Temperaturen in Tschechien haben auch den Lipno-Stausee am Rand des Böhmerwalds zufrieren lassen. Allerdings staunen die Anwohner und Besucher nicht schlecht über die Farbe, die das Eis hat. Es ist nämlich grün. Biologen der tschechischen Akademie der Wissenschaften haben nun Proben entnommen und erläutert, wie es zu diesem Farbspiel gekommen ist. Der Grund seien die Blaualgen, die sich dort im Spätsommer und Herbst immer bilden, sagte der Hydrobiologe Petr Znachor in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:
„Im November und Dezember war das Wetter ruhig. Es wehte fast kein Wind, und die Sonne schien. Während normalerweise der Wind die Blaualgen im gesamten Wasser des Stausees verteilt hätte und sie damit aus unseren Augen verschwunden wären, hielten sie sich bis in den Dezember an der Wasseroberfläche. Als dann die Temperaturen sanken, wurden die Algen vom Eis eingeschlossen - und seitdem vegetieren sie dort vor sich hin.“
Laut Znachor sind die Blaualgen respektive Cyanobakterien weiter am Leben. Davon würden die Bläschen im Eis zeugen, sagt er. Seinen Worten nach bevorzugen diese Algen zwar Temperaturen über 20 Grad, könnten aber auch bei Werten um null Grad überleben.
Dennoch ist eine solche deutliche Färbung des Eises wohl eher selten. Er habe eine internationale Übersichtsstudie aus dem Jahr 2023 gefunden, schildert der Wissenschaftler. Diese beschäftige sich mit dem Vorkommen von Blaualgen unter suboptimalen Bedingungen...
„Die Autoren haben weltweit 37 Fälle dokumentiert, davon betrafen aber nur 19 das Vorkommen von Blaualgen unter Eis. Daraus schließe ich, dass es sich um eine außergewöhnliche Erscheinung handelt. Und wir haben das Glück, dass wir dieses Phänomen genau beschreiben und zum Teil erklären können“, so der Hydrobiologe.
Die betreffende Blaualge im Lipno-Stausee ist unter dem wissenschaftlichen Namen „Woronichinia naegeliana“ bekannt, auf Deutsch heißt sie „Gemeine Schwebkugel“. Wie Znachor sagt, ist sie eine gängige Bakterienart, die im Spätsommer und Herbst in den Gewässern Tschechiens auftritt. Und auch er selbst habe schon einmal ihr Vorkommen im Eis dokumentiert:
„Das war am 1. Januar 2000, also vor 26 Jahren, ebenfalls am Lipno-Stausee – aber in sehr viel kleinerem Umfang. Interessant an dieser Alge ist auch, dass sie unterschiedliche Farben annehmen kann. Sie kann grün, aber ebenso braun oder gelb sein. Sie ist also eine Art Chamäleon unter den Cyanobakterien.“
Das liege daran, dass die Algen neben Chlorophyl – das für die grüne Farbgebung verantwortlich ist – noch eine Reihe weiterer Pigmente enthielten, erläutert der Wissenschaftler. Die namensgebende blaue Färbung kommt demnach daher, dass sich die Algen im Sommer am Rand der Gewässer zersetzen.
Doch warum ist gerade die größte Wasserfläche Tschechiens, die auch noch auf 725 Metern Höhe liegt, so anfällig für Blaualgen?
„Der Lipno-Stausee ist nicht sonderlich tief und leider sehr von Nährstoffen getränkt. Diese stammen sowohl aus natürlichen Quellen als auch aus den Abwässern. Zwar wird das Abwasser gut gereinigt, dennoch fördert es die Entstehung der Blaualgen. Zudem gelangt Phosphor aus den Böden der Umgebung ins Wasser“, so Znachor.
Ob es im Spätsommer und Herbst ganz besonders viele Blaualgen im Lipno-Stausee gegeben hat, ist allerdings noch nicht geklärt. Die entsprechenden Proben müssten noch ausgewertet werden, räumt Petr Znachor ein. Und die im Eis eingeschlossenen Algen? Sie bräuchten Licht, um weiter überleben zu können, sagt der Experte. Liegt also Schnee auf dem Eis, dürften sie nach und nach absterben und auf den Boden sinken.
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