Das Lob der Langsamkeit - Böhmen zu Fuß

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Von Pilsen nach Prag: das ist eine knappe Stunde mit dem Auto - oder eine knappe Woche zu Fuß. Der Entdeckung der Langsamkeit haben sich die Oberpfälzer Schriftsteller Harald Grill, Bernhard Setzwein und Friedrich Brandl verschrieben. Immer entlang der Goldenen Straße, des mittelalterlichen Handelsweges zwischen Nürnberg und Prag, ist das Trio den Spuren deutsch-böhmischer Nachbarschaft im Wortsinne "nachgegangen" - ähnlich wie zuvor schon der tschechische Autor Petr Miksicek.

"Auf der Autobahn fährt man in einem Rutsch von Nürnberg nach Prag, und das, was dazwischen liegt, nimmt man nur auf den Schildern wahr. Wir aber wollten dieses Gebiet einmal selbst kennen lernen, und wir wollten auch andere Menschen ermutigen, diesen Weg nachzugehen oder einmal aus ihrem Auto auszusteigen und sich die Landschaft anzuschauen und den Leuten zu begegnen."

Dorthin, wohin ich will,

führt keine Straße,

fährt kein Zug,

fliegt kein Flugzeug.

Mein Heimweg wird täglich länger,

und je länger ich unterwegs bin,

desto mehr wird mir der Weg zur Heimat."

Der Weg als Heimat - der Weg aus der Heimat. Für seine Wanderung hat sich das Schriftsteller-Trio die "Goldene Straße" ausgewählt, den bedeutenden spätmittelalterlichen Handelsweg von Nürnberg quer durch die Oberpfalz und durchs Böhmische bis hin nach Prag. Harald Grill:

"Man darf sich die Goldene Straße nicht als einen konkreten Weg vorstellen - es war vielmehr eine Richtung. Man ist mit Waren von Nürnberg nach Prag gefahren, und zwar dort, wo es gerade möglich war. Es gab viele Routen nebeneinander, die eins gemeinsam hatten, nämlich die Richtung. An manchen Stellen gibt es tatsächlich "DIE Goldene Straße" - hier in Prag etwa hat sie über die Karlsbrücke geführt. Aber draußen in den Wäldern, da war es vor allem die Richtung. Und bei uns war das genau so: Wir haben hauptsächlich geschaut, wie wir am besten vorwärts kommen. Und manchmal haben wir uns auch verlaufen."

Fehlgehen, sich verlieren, überraschend die Pläne ändern müssen, das gehört schließlich dazu, zum abenteuerlichen Wandererleben. Am Anfang stand das Vorbild der drei Musketiere. So erinnert sich jedenfalls Bernhard Setzwein:

"Statt Wams und Federbuschenhut werfen wir uns in Multifunktions-Wandererkleidung und dann ziehen wir los und erleben Abenteuer. ´Wohin´, frage ich etwas dumm, ´wohin ziehen wir los?` ´Natürlich in die Welt!´, sagt Harald, der erfahrene. Ah ja. Und wo fängt die an, die Welt? ´Na irgendwo mittendrin halt.´ Gut ich habe verstanden. Bevor wir gar nicht anfangen, fangen wir eben irgendwo mittendrin an. Welt lässt sich sowieso überall finden. Also gehen wir von Pilsen aus die Goldene Straße entlang. Damit einmal etwas gemacht ist. Denn davon reden wir schon lange, dass wir einmal etwas machen müssten. Etwas anderes als immer nur Reden. Weil im Reden sind wir großartig, wir Schriftsteller. Geradezu unschlagbar. Kongresse, Tagungen, Seminare - Hauptsache ein Wirtshaus in der Nähe. Jetzt aber ist Schluss, jetzt gehen wir einmal."

Ganz so radikal wie in den Schriftstellerträumen ist das Erlebnis von Natur, Weite und Freiheit dann aber, wie es scheint, doch nicht ausgefallen. "Hauptsache ein Wirtshaus in der Nähe", wie es ja schon hieß:

"Wir haben uns viel in Gasthäusern herumgetrieben. Wir haben auch vor der Wanderung bereits unsere Quartiere gebucht, in Pensionen und Hotels."

So beschreibt Bernhard Setzwein den Unterscheid zwischen drei Musketieren und drei Oberpfälzer Schriftstellern. Und Harald Grill bestätigt:

"Dann waren wir so schön müde und haben uns ein Bier bestellt. Und wenn das leer war, dann haben wir uns noch ein zweites bestellt..."

Viele große Biere und viele kleine Schritte - für Friedrich Brandl, den dritten im Bunde, ist genau das der Weg zum Nachbarn:

"Jetzt ist mir dieses Land vertraut, weil ich hindurch gegangen bin. Und jetzt werde ich hellhörig, ganz gleich für welche Probleme, die in diesem Land vorhanden sind. Ich nehme es anders wahr, möchte es nachspüren, nacherfahren."

Die Erlebnisse ihrer Wanderung entlang der Goldenen Straße haben die drei Oberpfälzer in der vergangenen Woche, gleich nach ihrer Ankunft in Prag, im örtlichen Goethe-Institut vorgestellt - kontrastiert von einer Lesung des tschechischen Autors Petr Miksicek, der etwas ähnliches ganz anders gemacht hat.

"Meine deutschen Kollegen sind zu dritt gegangen, das war also so ein Männer-Spaß mit einem klaren Ziel. Ich bin alleine losgezogen, und habe am Anfang nicht mal wirklich gewusst, warum ich das mache. Das hat sich erst im Laufe des Weges herauskristallisiert. Und ich war länger unterwegs."

Gut drei Monate, um genau zu sein. So lange ist der damals 23-Jährige allein durch die Sudeten gezogen, durch das halb verlassene, halb vergessene deutsch-tschechische Grenzgebiet - nur ausgerüstet mit Rucksack und Zeltbahn:

"Ich wollte vor allem in die Natur. Mir ist es nicht darum gegangen, ausgerechnet ins Sudetenland zu kommen. Damals habe ich auch noch gar nichts darüber gewusst. Das Thema ist dann für mich erst so auf der Hälfte des Weges gekommen, als ich auf jedem Schritt gesehen habe, wie leer und verlassen die Landschaft ist. Ich habe mir die Sudeten nicht ausgesucht - sie waren ringsum und sind zu mir gekommen."

"Um mich herum hohes Gras, eine herrliche Bergwiese, nach Süden ausgerichtet. Was würden wohl die Leute dazu sagen, die hier einstmals gewohnt haben, dass ich mein Biwak gerade in ihrem Vorgarten mache? Rundherum eine Stille wie am Sonntag nach dem Mittagsessen. Alle machen ihr Mittagsschläfchen, niemand kommt heraus. Und trotzdem spürt man das Leben: Ein entferntes Lachen, der Klang einer Säge, das Wiehern eines Pferdes. Es ist genau die Stille, die mir heute in den Ohren liegt, die sich wie eine schwere Wolke über die Landschaft der Sudeten wälzt. Täler voller untergegangener Orte, sterbender genius loci. Solche Orte findet man im ganzen Grenzgebiet."

"Sudetska pout" oder "Waldgang", so heißt das Tagebuch, das während der Wanderung entstanden ist und für einen der renommiertesten tschechischen Literaturpreise nominiert wurde.

"Wenn man alleine unterwegs ist, wird man sehr empfindsam dafür, wie die Landschaft aussieht, wie die Menschen leben. Und ich habe eben die Stimme dieser Landschaft gehört, in der es zu einem kompletten Bevölkerungsaustausch gekommen ist. Das kam mir interessant vor, zumal sich damit vorher praktisch noch niemand beschäftigt hatte. Alle Bücher über die Geschichte der Sudetendeutschen hören immer mit der Vertreibung auf. Aber was aus der Landschaft geworden ist, welche Leute gekommen sind, wie sie sich zur Landschaft verhalten, das hat niemand mehr gefragt."

Für Petr Miksicek ist die Landschaft und Geschichte der Sudeten zum Lebensthema geworden. Zusammen mit der Initiative Antikomplex arbeitet er an einer Wiederentdeckung der verdrängten und vergessenen Geschichte der tschechischen Randgebiete. Und worin lag für ihn der Sinn seiner Sudetenwanderung?

"Das war ganz klar eine Pilgerfahrt. Wenn man sich einfach auf den Weg macht, um zu Gehen, zu Schauen, etwas zu erfahren, dann gerät man für eine Weile aus den Achsen des alltäglichen Lebens und es hilft dabei, ein wenig Abstand zu sich selbst zu gewinnen und einen klaren Kopf zu bekommen."