Das Prager Rokoko: 1740 - 1791

Foto: Archiv des Prager Stadtmuseums
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Wie hat sich Prag im Laufe der Rokoko-Zeit verwandelt? Eine Antwort darauf findet sich in einer Ausstellung, die diese Woche in den Räumlichkeiten des Prager Stadtarchivs im Palais Clam-Gallas eröffnet wurde.

Archivalien, Mode sowie Kunstgegenstände dokumentieren das Kultur- und Gesellschaftsleben der Bewohner von Prag in den unruhigen Zeiten des 18. Jahrhunderts. Die Zeit zwischen 1740 und 1791 war eine Epoche der sich entwickelnden Aufklärung und des Rationalismus und vor allem auch des Rokokostils. Die Ausstellung im Palais Clam-Gallas stellt die Geschichte Prags von der Regierung Maria Theresias bis zur Prager Krönung von Leopold II. zum böhmischen König dar. Die Ausstellung vermittelt die Atmosphäre des Prager Lebens vor mehr als 250 Jahren, erzählt Pavla Státníková vom Prager Stadtmuseum, die die Ausstellung zusammenstellte:

Palais Goltz-Kinsky
„Wir befinden uns in einer Zeit, in der in Prag Barockgebäude vorherrschten. Es entstanden da Bauten, die Spuren des Rokoko trugen. Einige davon wurden eher im Stil des Klassizismus erbaut, in den architektonischen Details und Verzierungen wurden sie jedoch durch den Rokoko-Stil beeinflusst. Zu erwähnen ist beispielsweise das Palais Goltz-Kinsky auf dem Altstädter Ring. Dieses Palais gilt als der schönste Rokoko-Bau in Prag. Den Palast baute Anselmo Lurago nach den Entwürfen von Kilian Ignaz Dienzenhofer in den Jahren 1755-1765 für Johann Ernst Graf von der Goltz. 1786 kaufte die Adelsfamilie Kinsky das Gebäude. Im Rokokostil wurde auch der Erzbischöfliche Palast auf dem Hradschiner Platz gestaltet.“

Pavla Státníková
Der außergewöhnliche Barockstil verwandelte sich in den Interieurs der Adeligen sowie der höheren Bürgerschicht in eine dekorative leichte Rokokokunst. Pavla Státníková:

„Wir stellen hier Exponate aus den Prager Haushalten aus. Es gibt bestimmte Unterschiede zwischen dem Rokokostil in Frankreich und dem in Böhmen. Der Rokoko-Stil knüpfte in Böhmen an den Barockstil an. Es finden sich aber auch Bauelemente des Klassizismus. In Frankreich war es eigentlich umgekehrt. Der Rokoko-Stil knüpfte an den Klassizismus an, der den Barockstil bereits ersetzt hatte. Darin sehe ich den Unterschied zwischen Böhmen und Frankreich.“

Zu besichtigen gibt es in der Ausstellung Alltagsgegenstände, kleine Plastiken, Möbeln sowie Gemälde. Dank den Dokumenten aus dem Prager Stadtarchiv gelang es, ein Rokoko-Zimmer nachzustellen, einschließlich einer Bibliothek. Jaroslava Mendelová vom Archiv der Hauptstadt Prag:

Ausstellung „Das Prager Rokoko“ (Foto: ČTK)
„Dies ist die Bibliothek eines typischen Intellektuellen der damaligen Zeit. Sie enthält vor allem Rechts- und Geschichtsbücher. Das einzige Religionsbuch dort ist die Bibel.“

In der Zeit des dekorativen Rokokostils hatte sich das Leben der Prager bedeutend geändert. Prag war in der Rokokozeit bedeutend kleiner als die heutige Hauptstadt. Unter Maria Theresia gab es noch vier selbständige Prager Städte: die Altstadt, die Neustadt, die Kleinseite und der Hradschin. Diese Städte wurden von vier selbständigen Stadträten geleitet, erzählt Jaroslava Mendelová:

Ausstellung „Das Prager Rokoko“ (Foto: ČTK)
„Die vier Städte hatten damals ihre eigenen Gerichte niedrigerer Instanz. Jede der Städte verfügte über verschiedene spezialisierte Ämter, die zum Teil auch die Rolle eines Gerichts übernommen haben. So gab es in Prag beispielsweise das so genannte ´desetipanský úřad´. Das war eine Art Schuldnergericht. In der Prager Neustadt gab es ein ´Fischmeister-Amt´. Und in der Altstadt wiederum gab es einen Bergmeister, der speziell für die Verwaltung der Weinberge zuständig war. Die zahlreichen Adeligen oder Kirchenvertreter, die damals in Prag lebten, fielen jedoch nicht in die Kompetenz dieser städtischen Rechtsbehörden. Die Verwaltungsstruktur von Prag hatte sich unter Josef II. dann bedeutend geändert.“

Einen Meilenstein in der Prager Geschichte stellt das Jahr 1784 dar. Damals wurden die vier bisherigen selbständigen Prager Städte als kaiserlich-königliche Hauptstadt zusammengeschlossen. Die Archivarin:

Ausstellung „Das Prager Rokoko“ (Foto: ČTK)
„Für den Sitz des Magistrats wurde das Altstädter Rathaus gewählt. Zum Stadtwappen von Prag wurde das bisherige Stadtwappen der Prager Altstadt.“

Jaroslava Mendelová macht auf die Urkunden, Handschriften sowie Zeichnerskizzen aus dem Archiv der Hauptstadt Prag aufmerksam, die die Änderungen in der Stadtverwaltung und damit auch im Stadtleben dokumentieren.

Ausstellung „Das Prager Rokoko“ (Foto: ČTK)
„Es gibt hier Papier- aber auch noch Pergamenturkunden. Obwohl zu der Zeit das Pergament nicht mehr so oft benutzt wurde. Besonders interessant finde ich die Skizzenhefte, die gleich am Anfang der Ausstellung zu sehen sind. Es handelt sich um Skizzen des Prager Architekten Josef Jäger, der sich am Umbau einiger der Paläste auf der Kleinseite beteiligt hatte.“

Im Palais Clam-Gallas sind insgesamt 600 Exponate zu sehen. Sie dokumentieren nicht nur das Leben der Prager in friedlichen Zeiten, sondern auch die Kriegsereignisse aus den 1740-er und 1750er Jahren sowie das Hochwasser, das Prag 1774 heimsuchte. Die Ausstellung über das Prag des Rokoko ist im Stadtarchiv in der Straße Husova Nr.20 in der Altstadt bis zum 22. Januar nächsten Jahres zu sehen. Zur Ausstellung erschien auch ein Bildband mit mehr als 100 Fotos.


Ausstellung „Das Prager Rokoko“ (Foto: ČTK)
Damit ist unsere Führung durch die Ausstellung über Prag im Rokoko zu Ede. Falls Sie wissen, wie die Bezeichnung des Rokoko-Stils entstanden ist, können Sie es uns schreiben. Denn so lautet die heutige Quizfrage, für deren richtige Beantwortung Sie ein Buch über Prag gewinnen können. Ihre Zuschriften richten Sie bitte an Radio Prag, Vinohradská 12, PLZ 120 99 Praha 2 oder an deutsch@radio.cz.

In der Sendung vom Ende Oktober fragten wir Sie danach, wo sich das Emmaus Kloster befindet. Das Kloster steht in der Neustadt in der Straße Vyšehradská. Ein Buch geht diesmal an Werner Hoffmann aus Güstrow.