Das tschechische Olympia-Outfit und seine Geschichte
Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo hat das tschechische Outfit international für Aufmerksamkeit und teils sogar für Begeisterung gesorgt. Dabei ist die Kollektion mit ihren deutlichen Farben und großen Mustern in Tschechien selbst im Vorfeld der Spiele teils scharf kritisiert worden. Wie ist dieses Outfit entstanden?
Das Stadion San Siro in Mailand am 6. Februar. Einmarsch der tschechischen Olympioniken und Olympionikinnen mit Flaggenträger David Pastrňák vorneweg. Strahlend winken sie, ebenso in Livigno und Cortina d'Ampezzo, und in Predazzo springen sie sogar lustig herum. Das Outfit – so bunt wie die Sportler fröhlich sind und mit großen Mustern.
Entworfen wurde die Kleidung von den jungen Designerinnen Anežka Berecková und Tereza Horňáková, die für das Outdoor-Bekleidungsunternehmen Alpine Pro arbeiten. Die Muster gehen aber auf Milan Jaroš zurück. Der 72-jährige Grafiker verfolgte auch den Einmarsch der Athleten vor elf Tagen und kommentierte gegenüber Radio Prag International:
„Ich war zum einen gespannt, welche Reaktionen es auf das tschechische Outfit geben würde. Zum anderen habe ich auch die anderen Kollektionen mit Interesse verfolgt. Und ich muss sagen, dass es mir bei den meisten Staaten so vorkam, als hätten sie ihre Jacken im Ausverkauf erworben. Viele haben darauf gesetzt, sich von einer bestimmten renommierten Firma die Kleidung entwerfen zu lassen. Das bedeutete, dass sich die Outfits nur der Farbe nach und durch die Aufschrift auf der Jacke unterschieden haben. Es gab nichts Interessantes. Natürlich waren da auch gewisse besondere Elemente wie exotische Kollektionen oder etwa die US-amerikanische Kleidung, die auf perfekten Materialien zum gewählten Schnitt basiert hat. Aber das tschechische Outfit erschien mir auch darin hervorragend, dass sich die Sportler in ihm augenscheinlich wohl gefühlt haben. Und beim Einmarsch haben sie kleine Kunststücke vollführt, die das Publikum erheitern und für gute Stimmung sorgen sollten.“
Tatsächlich waren die Reaktionen auf das tschechische Outfit ausgesprochen positiv. Die Mode-Zeitschrift Vanity Fair stufte die Kollektion als eine der fünf besten des Abends ein – neben der brasilianischen, mongolischen, US-amerikanischen und italienischen. Der deutsche Server von Eurosport zählte die tschechische Olympia-Kleidung zu den ausgefallensten der Spiele in Mailand und Cortina. USA Today schrieb auf seinem Internetauftritt, es handele sich um das gewagteste Outfit.
Inspiration bei Vojtěch Preissig
Milan Jaroš ist bereits zum wiederholten Mal dafür verantwortlich, dass sich das tschechische Olympia-Outfit an einen wichtigen Künstler der Landesgeschichte anlehnt. Bei den Sommerspielen 2012 in London ließ man sich beispielsweise von den Gemälden František Kupkas inspirieren, 2014 in Sotschi von der Kunst des Jugendstilmalers Alfons Mucha. Für Mailand und Cortina wurden Ornamente des Grafikers Vojtěch Preissig aufgenommen. Dieser war ein Pionier der tschechischen abstrakten Kunst und aber auch Widerstandskämpfer gegen Hitler. Milan Jaroš ist derjenige, der sich bei Preissig bedient hat, denn dieser ist sein großes Vorbild. Und er kennt dessen dramatische Lebensgeschichte…
„Sein Schicksal ist bezeichnend und kopiert die Entwicklung des modernen tschechischen Staates. Man könnte es auch als Dienst am Vaterland bezeichnen. 1910 emigrierte Preissig in die USA und schloss sich dort dem Widerstandskampf gegen Österreich an. Er schuf Plakate, um Soldaten für die tschechischen Legionen anzuwerben. Und er warb auch selbst Tschechen für die US-Armee an. Nach den ganzen Peripetien in den USA wurde ihm hierzulande der Posten des Direktors einer Druckerei und einer Grafikschule versprochen. Doch wie das hier so ist, wurde nichts daraus. Als er 1930 zurückkam, erhielt er unter Hilfe des Außenministeriums eine andere Stelle, die aber nicht seiner Bedeutung entsprach“, so Jaroš.
Als Hitler dann die Tschechoslowakei zerschlug und am 15. März 1939 in Prag einmarschierte, ging Preissig in den Widerstand:
„Zusammen mit seiner Tochter Irena Bernášková gab er die wichtigste tschechische Zeitschrift im Kampf gegen die Nationalsozialisten heraus. Sie hieß V boj (In den Kampf, Anm. d., Red.). Doch die Widerstandsgruppe flog auf, und es endete dramatisch. Preissigs Tochter wurde hingerichtet, er selbst starb im KZ Dachau.“
Spiel mit Schriftart-Zeichen
Das Werk des großen Vorgängers mit dem traurigen Schicksal wollte Jaroš in jedem Fall in irgendeiner Weise für die tschechische Olympia-Kollektion nutzen…
„Es erwies sich aber als schwierig. Denn die meisten von Preissigs grafischen Arbeiten sind Illustrationen, die sich durch ein großes Maß an Jugendstil-Elementen auszeichnen“, sagt Milan Jaroš.
Vojtěch Preissig hatte allerdings noch vor dem Ersten Weltkrieg eine Schriftart entworfen. Sie wurde aber erst 1925 von der tschechoslowakischen Staatsdruckerei in Prag umgesetzt. Preissig Antiqua heißt sie und gilt als die erste moderne Schriftart für die tschechische Sprache. Milan Jaroš hatte noch während seines Studiums eine Tabelle mit den Schriftzeichen bei einem Zeitungsredakteur gesehen. Schon damals hatte ihn die Preissig Antiqua fasziniert, und sie kam ihm dann für die Olympia-Kollektion vor Augen:
„Zu allen Schriftarten gehörten früher auch Ornamente, die sich in historischen Drucken zwischen den Zeilen fanden oder am Anfang der Absätze. Als ich also nach dem Grundmotiv für die Kollektion suchte, fand ich bei Preissigs Schriftart fünf sehr kleine unterschiedliche Zeichen. Sie erwiesen sich als eigenständige künstlerische Zeichen, die sich auch in starker Vergrößerung verwenden ließen.“
Jarošs ursprüngliche Idee war dann, diese Zeichen zu einem Muster wie bei einem Norwegerpullover zusammenzufügen. Aber er fertigte unterschiedliche Entwürfe an.
„Einer der Entwürfe war die Skizze eines Snowboardfahrers, der drei riesige Muster auf seiner Kleidung hatte. In dem Zusammenhang muss ich Anežka Berecková nennen, die das Design entworfen hat. Sie begann dann, wohl wegen ihres jungen Alters, mutiger mit den Mustern umzugehen als ich. Und so entstand die Kollektion“, schildert der Grafiker.
Die Kleidung kam aber zunächst in Tschechien nicht gut an. Vor allem die Farbwahl stieß auf harsche Kritik. Sie würde eher an die deutsche Flagge mit ihrem Schwarz-Rot-Gold erinnern als an die tschechische, hieß es. Denn viele nahmen das Dunkelblau als Schwarz wahr. Zudem stieß man sich am Gelb. Doch dies repräsentiert auf dem Staatswappen den schlesischen Landesteil. Und in einem Interview sagte Anežka Berecková schlagfertig, dass es auch als das Gold aufgefasst werden könne, nach dem die Athletinnen und Athleten ja schließlich bei den Spielen greifen würden.
Fellinis Filme und alte Plakate
Doch Preissig war nicht die einzige Inspirationsquelle für die Kollektion. Milan Jaroš dachte ebenfalls an die neuzeitliche Geschichte von Olympia, unter anderem auch an die ersten Winterspiele in Cortina d'Ampezzo von 1956. Fotos und Plakate zeigen, wie die Olympioniken in den Anfangsjahrzehnten häufig Stricksachen trugen und sogar kurze Hosen – und nicht wie heute etwa Funktionskleidung. Und an einem bestimmten Detail lag dem Grafiker ganz besonders:
„Ich habe auf Schals bestanden. Denn ich gehöre zu einer Generation, die die Filme von Fellini geliebt hat und ihre Ästhetik. Und wenn man in Italien oder Frankreich ist, sieht man noch immer Männer solche Schals tragen – besonders die langen roten. Das war so ein Punkt, über den wir uns zwar nicht gestritten haben, zu dem wir aber zunächst unterschiedliche Meinungen hatten. Bei den kurzen Hosen traf Anežka Berecková eine tolle Wahl, weil sie nämlich Eishockey-Shorts gewählt hat.“
Letztlich wurde das endgültige Design des Outfits auch davon beeinflusst, dass die zentrale Eröffnungsfeier in Mailand stattfand – und die Hauptstadt der Lombardei nicht in den Bergen liegt, sondern zu der Jahreszeit bereits frühlingshaft warm werden kann.
„Deswegen haben wir uns entschlossen, dass die Basis für die Kollektion nicht eine Jacke sein wird, sondern ein Pulli, der genügend weit und leger ist. Und er ist sehr bunt. Hinzu kommt die Mütze, die in Tschechien ein Kultstück ist. Sie wird ‚Raškovka‘ genannt – nach dem Skispringer und Olympiasieger Jiří Raška, der das Originalmodell sehr häufig trug“, so Jaroš.
Nachdem es bei der Vorstellung der Kollektion im eigenen Land noch viel Kritik gegeben hatte, verstummte sie nach der Eröffnungsfeier komplett. Stattdessen wurden die positiven Reaktionen aus dem Ausland wohlwollend registriert. Dazu Milan Jaroš:
„Ich habe diese Reaktionen sehr positiv aufgenommen. Denn es hat sich das gezeigt, was ich erwartet hatte – dass sich die Stärke des Outfits dann offenbart, wenn mehrere Sportler zusammen zu sehen sein werden. Außerdem haben die Kritiker diese Kollektion häufig mit der Sportbekleidung verwechselt, es ist aber ausschließlich das Outfit für die Athletenparade. Für die Wettkämpfe sind die Olympioniken meist von ihren Sponsoren ausgerüstet oder von Firmen, die auf den jeweiligen Sport spezialisiert sind.“








